Schlieren

Andreas Geistlich, FDP: «Lärm stellt kein grosses Ärgernis dar»

Wirtschaftskammer-Co-Präsident Geistlich über neue Lösungen für die Zentrumsgestaltung: «Die Antwort des Stadtrats steht leider noch aus.»jk

Wirtschaftskammer-Co-Präsident Geistlich über neue Lösungen für die Zentrumsgestaltung: «Die Antwort des Stadtrats steht leider noch aus.»jk

Die SP-Umfrage spielt Wirtschaft, Gewerbe und Detailhandel in der Zentrumsfrage in die Hände. Daraus resultiert die Forderung: Im Stadtzentrum braucht die Wirtschaft freie Fahrt.

Die Schlieremer Wirtschaft reagierte auf die Umfrage der SP-Ortssektion (Ausgaben vom 13./14.Januar) mit einer eigenen Befragung ihrer Organisationen. Daraus resultiert die Forderung: Im Stadtzentrum braucht die Wirtschaft freie Fahrt. Ein verkehrsarmes Zentrum mit Stadtplatz steht ihr dabei im Weg. Andreas Geistlich, Co-Präsident der Wirtschaftskammer und FDP-Kantonsrat, nimmt Stellung.

Herr Geistlich, eines der grössten Ärgernisse der Schlieremer Bevölkerung ist gemäss SP-Umfrage der Lärm. Wirtschaft, Gewerbe und Detaillisten fordern aber freie Fahrt durchs Zentrum, sind für den Lärm mitverantwortlich. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Andreas Geistlich: Der Verkehr steht nicht im Zentrum des Unwohlbefindens der Bevölkerung.

Nicht?

Nein. Auf die Frage «Was gefällt Ihnen in Schlieren am wenigsten?» wurden Verkehr oder Lärm nur 160 Mal genannt in 1280 Antworten. Auf die spezifische Frage nach den Quellen für unangenehmen Lärm wurde der Autoverkehr 556 Mal genannt von insgesamt 2406 Nennungen. Diese relativ tiefen Zahlen lassen schliessen, dass er kein grosses Ärgernis darstellt. Noch etwas: Etwa gleich viele Personen nehmen Lärm in Kauf, um Auto, Flugzeug und Bahn nutzen zu können.

Daraus folgern Sie, dass Wirtschaft und Gewerbe sich künftig auch im Zentrum frei bewegen sollen?

Ja. Übrigens wollen sich auch die Bewohner von Schlieren frei bewegen können: auf dem Arbeitsweg, beim Einkauf, in der Freizeit. Der Grossteil der Bevölkerung fühlt sich vom Lärm nicht belästigt. Unsere Bevölkerung scheint realistisch genug zu sein, um zu wissen, dass Mobilität auch eine Kehrseite hat. Die Wirtschaft braucht Mobilität, um gedeihen zu können.

Wirtschaft, Gewerbe und Detailhandel wehren sich gegen die Pläne des Stadtrats, noch mehr Verkehr aus dem Zentrum zu verdrängen, um dieses attraktiver zu gestalten. Was spricht gegen einen attraktiven Stadtkern zwischen «Parkside» und «Lilie»?

Ich möchte nochmals betonen: Wirtschaft, Gewerbe und Detailhandel sind weder gegen ein attraktives Zentrum noch gegen Orte der Begegnung. Aber alles am richtigen Ort.

Was stört Sie konkret?

Uns bereitet Mühe, dass der Stadtrat durch die Neugestaltung des Kreisels im Zentrum Stausituationen in Kauf nimmt. Den Stau sagt eine Verkehrsstudie des Kantons voraus. Der Stau hat zur Folge, dass die Fahrzeuglenker in die Quartiere ausweichen, dass die Wirtschaft an Effizienz verliert, und dass die Busse nicht mehr pünktlich verkehren können. Das kann nicht das Ziel sein. Ich habe deshalb per Postulat den Stadtrat aufgefordert, planerisch nach anderen Lösungen zu suchen. Ob die Lösung ein zweispuriger Kreisel, eine Unterführung oder etwas ganz anderes ist, liess ich bewusst offen. Die Antwort des Stadtrates steht leider noch aus.

Mit flankierenden Massnahmen kann der Verkehr doch aus den Quartieren rausgehalten werden. Und: Ein attraktiveres Zentrum macht dieses doch als Einkaufsgebiet für Gewerbe und Detaillisten interessanter und einträglicher.

Ja. Flankierende Massnahmen müssen Teil der Lösung sein. Es braucht neue Verbindungen, vor allem in Richtung Nord–Süd, bevor der Verkehr im Zentrum reduziert wird. Im Fokus steht wohl viel mehr der Durchgangsverkehr.

Von diesem wurde durch den Ausbau der Bernstrasse das Zentrum aber bereits entlastet.

Auch das stimmt. Seit 2006 hat der Ost-West-Verkehr durch das Zentrum um 25 Prozent abgenommen. Der Punkt ist: Wenn es gelingt, eine weitere Verringerung des Durchgangverkehrs zu erreichen und den Verkehr für den Ziel- und Quellverkehr am Fliessen zu behalten, haben wir wohl einen Konsens gefunden.

Als Lösung gefragt ist doch ein geeignetes Konzept und nicht eine Fundamentalopposition seitens Wirtschaft, Gewerbe und Detailhandel.

Diese Konzeptlosigkeit werfe ich dem Stadtrat vor. Er soll aufzeigen, wie der Verkehr und die Limmattalbahn nebeneinander existieren können, wie er Stau verhindern will, welche Funktion der von ihm angedachte Stadtplatz einnehmen soll, und wie er gestaltet sein wird.

Daraus lässt sich schliessen, dass Sie sich durchaus für einen Zentrumsplatz als Ort der Begegnung und des Austausches erwärmen können?

Die SP-Umfrage muss bezüglich Bedarf nach Begegnungsorten nochmals sorgfältig analysiert werden. Die Resultate sprechen auf den ersten Blick nicht für einen zentralen Begegnungsplatz, sondern eher für dezentrale Gelegenheiten.

Wirtschaft und Gewerbe monieren, die geplante Limmattalbahn blockiere die Nord-Süd-Verbindung.

Vergegenwärtigen wir uns die Situation zwischen Albisriederplatz und Letzigrund. Das Trassee des Trams in der Mitte der Strasse erlaubt kein Queren der Fahrbahn und kein Linksabbiegen der Fahrzeuge. Will man zu einem bestimmten Punkt auf der anderen Strassenseite gelangen, muss man zum nächsten Kreisel fahren, um dort auf die andere Strassenseite wechseln zu können. Das ist kompliziert, wenig attraktiv und führt zu einem grossen Verkehrsaufkommen an den Kreiseln. Eine solche Situation droht uns in Schlieren mit der Limmattalbahn.

Ihre Lösung?

Ich habe auch keine Patentlösung. Ich bin mir aber sicher: Damit die Limmattalbahn zügig vorwärts kommt, wird man kaum einwilligen, alle hundert Meter einen Übergang für Fahrzeuge oder Fussgänger zu bauen. Die Frage aller Fragen ist aber: Würden wir die Verkehrssituation im Limmattal nicht anders diskutieren, wenn der Gubrist-Tunnel ausgebaut wäre? Meine Antwort: Sobald dies der Fall ist, entspannt sich die Lage auf unseren Strassen. Dieses Projekt muss deshalb endlich und dringlich umgesetzt werden.

Wirtschaft und Gewerbe halten den Steuerfuss von 119 Prozent für zu hoch. Das überrascht wenig.

Zum Steuerfuss an sich will ich festhalten: Nur ein haushälterischer Umgang mit Steuergeldern lässt die Hoffnung zu, dass er einmal sinken könnte. Wirtschaft und Gewerbe sind wichtige Steuerzahler. Wir wollen deshalb ernst genommen werden.

Ansonsten sind Ihre Mitglieder mit Schlieren eher zufrieden?

Das stimmt. Trotzdem ärgern sie sich über das von der Stadt erstellte Inventar schützenswerter Bauten, über Baustellen oder eine restriktive Bussenpraxis und den unattraktiven Bahnhof. Gestaltet man die Umgebung des Bahnhofs attraktiver, wirkt auch der Bahnhof weniger bedrohlich.

Der Wunsch nach einem Wochenmarkt wurde in der Umfrage laut.

Wir hatten bis vor zirka fünf Jahren einen Markt. Der ist sicher nicht eingegangen, weil er rentierte. Dass der Wunsch nach einem Wochenmarkt wieder auftaucht, hängt mit der Fragestellung bei der Umfrage zusammen. Welche Läden wir in Schlieren haben, bestimmt der Markt, also die Konsumenten aus Schlieren und Umgebung. Wenn die Kunden mehr Produkte verlangen, müssen sie auch bereit sein, diese zu kaufen.

Was schätzen Wirtschaft und Gewerbe an Schlieren?

Die Bevölkerung hat grundsätzlich eine positive Einstellung uns gegenüber. Wirtschaft, Gewerbe und Detaillisten haben sich deshalb gerne als grosszügige Sponsoren am Schlierefäscht beteiligt und kräftig mitgefeiert. Es gibt eine ganze Reihe von positiven Punkten: die Nähe des Flughafens und der Hochschulen, die neue internationale Schule, dass wir ein Teil des Grossraums Zürich sind, das dichte Verkehrsnetz, und so weiter. Man könnte die Frage aber auch umgekehrt stellen.

Sie meinen den Nutzen der Wirtschaft für die Stadt?

Ja genau, und ich denke da nicht nur an die Steuererträge. Detaillisten und Gewerbe sind für eine Stadt wie das Salz in der Suppe. Ohne Wirtschaft ist Schlieren eine Schlafstadt. Sie trägt also ihren Teil zur Belebung der Ortschaft bei. Sie bietet Arbeits- und Lehrstellen. Ein anderes Argument: Biotech- und Cleantech-Cluster tragen ebenso zum positiven Image der Stadt bei wie diverse Automarken mit Rang und Namen.

Schlierens Gesicht verändert sich drastisch. Eine gute Entwicklung?

Die Stadt ist ein attraktiver Arbeitsort geblieben. Dies wird so bleiben, falls wir die Weichen richtigstellen. Die vielen neuen Wohnungen bieten die Chance, dass Arbeitnehmende auch in Schlieren wohnen können. Kurze Distanzen zwischen Wohnort und Arbeitsplatz sind für mich nach wie vor der Königsweg gegen das Verkehrsproblem.

Welche Erkenntnis hat Ihnen die Umfrage gebracht?

Die Erkenntnis, dass wir auf unserem Weg weiterfahren können. Und: Sie ist politisch gesehen ein Sturm im Wasserglas: Wer in Schlieren lebt, ist doch mit der Situation hier zufrieden, sonst würde er nicht hier leben.

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