Der Angriff kommt überraschend. Mit schlackernden Kämmen und zuckenden Köpfen kommen die Hühner angerannt und picken auf die Gummistiefel ein. «Die haben keine Berührungsängste», sagt Thomas Grob, greift sich lachend das erstbeste Huhn und wiegt es wie einen Säugling im Arm. «Bist du ein Liebes», murmelt er und streicht dem Tier übers Gefieder.

Früher hatte die Bauernfamilie Grob aus Urdorf um die 850 Freilandhühner, seit wenigen Wochen sind es 2100. «Wir hätten immer mehr Eier verkaufen können, als wir hatten», sagt Thomas Grob. Eier zukaufen habe er nicht gewollt, deshalb habe sich die Familie zum Bau des neuen Stalls entschieden. Zeitlich passend zum Vorweihnachtsgeschäft sind die neuen Hühner in den Stall gekommen. Die Nachfrage sei enorm, sagt Grob. «Das glaubt kaum einer, aber an Weihnachten braucht es noch mehr Eier als zu Ostern.»

Ausmisten per Knopfdruck

Der Hühnerstall der Familie Grob ist einer der modernsten Ställe Europas: Futter- und Wasserzufuhr, Licht und Raumtemperatur, alles wird von einer Anlage gesteuert. Selbst die Eier werden mittels Förderband aus dem Stall befördert, gemistet wird ebenfalls per Knopfdruck. Der Computer zeichnet täglich auf, wie viel Futter und Wasser ein Huhn pro Tag gebraucht hat. Im Schnitt fressen die Tiere 270 Kilogramm Futter und trinken 400 Liter Wasser. Können die Hühner draussen Würmer und Grashalme picken, reduziert sich die Futtermenge.

Selber Hand anlegen muss Thomas Grob eigentlich erst, wenn die Eier vom Förderband in den Eierelevator kullern. Brucheier werden aussortiert, die anderen in grosse Kartons gesetzt. An einer zweiten Maschine werden die Eier durchleuchtet, damit keines mit einem Riss oder gar ein Befruchtetes in der Schachtel landet. Dann werden sie gewogen, nach den verschiedenen Gewichtsklassen getrennt und an die Abnehmer verteilt. Das seien praktisch alle Restaurants in Urdorf, das Alterszentrum Weihermatt, der Spar und der eigene Hofladen, dazu kommen sechs Restaurants in der Stadt Zürich.

Der ganzen Automatik zum Trotz verbringt Grob viel Zeit im Stall, schwatzt mit den Hühnern, streichelt sie, und sammelt mit der Greifzange die in der Streu gelegten Eier ein. Manchmal lässt er auch den Radio plärren, damit sich die Tiere an Lärm gewöhnen. Denn Stress sei Gift für die Hühner - man könne ihn den Eiern sogar ansehen. «Die Eierschale kann sich ringförmig verfärben», so Grob.

Verräterische Ohrläppchen

Der Kontakt hat die Tiere zahm gemacht, gar vorwitzig. So kann Grob auch gleich am Huhn zeigen, woran man erkennt, ob es weisse oder braune Eier legt: am Ohrläppchen. «Ist das Ohrläppchen weiss, legt das Huhn weisse Eier. Ist es rötlich, gibt es braune Eier.» Grob mag braune Eier lieber, sie würden natürlicher aussehen. «Weisse sehen irgendwie chemisch aus», sagt er und lacht. Deshalb hätten sie vor dem Stallbau auch keine Hühner mit weissen Ohrläppchen gehabt.

Inzwischen seien ihm die weissen Hühner aber sympathisch - «sie legen besser». Überhaupt mag Grob alle seine Hühner. Manche sind so schön gemustert oder so auffällig im Verhalten, dass er sie in der gefiederten Masse sofort erkennt.

Die Hühner ziehen die Grobs nicht selber auf, sie kaufen sie bei einem Geflügelzüchter ein für 25 Franken das Stück. «So fallen keine Güggel an», sagt Grob. Er würde es nicht übers Herz bringen, die männlichen Küken auszusortieren. Und so leben die 2100 Hühner gänzlich enthaltsam. Die einzigen fünf Güggel auf dem Hof sind die, die Thomas Grob und seine Frau zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Die leben aber in einem separaten Stall zusammen mit zehn auserkorenen Hennen.

Doch auch für die liebsten Legehennen schlägt irgendwann das letzte Stündlein. Eigentlich liege die Lebensdauer von Legehennen bei eineinhalb Jahren. «Dieses Alter haben meine alten Hennen bereits erreicht, aber sie legen noch so gut, dass sie sicher bis Sommer leben werden», sagt Grob. Danach werden sie zu Suppenhühnern oder Poulet-Salamettis verarbeitet.

Schisshasen im Federkleid

Vorwitzig und entdeckungslustig, das sind die Hühner tatsächlich. Da passt man kurz nicht auf, und durch die angelehnte Tür schlüpft eine ganze Horde in den Vorraum. Und immer wieder pflückt Grob eine gelbfüssige Henne aus der Menge. Gelbfüssig sind die jungen Hühner, die durch ein Gitter von den älteren getrennt sind. Doch auch das über mannshohe Gatter hält die Vögel nicht vom Hinüberflattern ab. Und als Grob schliesslich mit einem roten Kübel voller Weizenkörnchen über die Wiese spaziert, kennen die Hühner kein Halten mehr. Wie verrückt drängen sie sich um den Kübel, picken auf ihn ein. «Rot animiert sie zum Picken», sagt Grob und schmeisst die Körner aufs Feld.

Und dann - ganz plötzlich - zeigt sich doch, dass unter den Federn bloss Angsthasen stecken. Ganz leise ist durch die Wolkendecke das Donnern eines landenden Flugzeuges zu hören. Doch für eine Panikattacke unter den Hühnern reichts; als wäre der Mäusebussard hinter ihnen her, rennen sie zurück zum schützenden Stall, um sich alle gleichzeitig durch das Türchen zu schmeissen. Grob sieht ihnen nach und lacht.