Was tut man nicht alles für die Liebe. Der Erlenbacher Emanuel Soares hatte mit Theater bisher nicht viel am Hut. Doch seine Partnerin, Anna von Aesch, ist seit dem letzten Schlierefäscht vor vier Jahren mit dem Bühnenfieber infiziert. In der «Kleinen Niederdorfoper» spielte sie, damals 19-jährig, das Ruthli. Sie war sofort Feuer und Flamme, als bekannt wurde, dass auch am diesjährigen Stadtfest Anfang September wieder ein Laienstück, Dürrenmatts «Besuch der alten Dame», aufgeführt werden soll. Und nicht nur sie: Annas Mutter Eva von Aesch, die 2011 ebenfalls mitspielte, wollte auch diesmal ihre Stimme zur Schlierefäscht-Produktion beisteuern. «Als dann das Casting für das Stück bevorstand, begann Anna auch mich zu bearbeiten», sagt Soares und muss schmunzeln.

Schliesslich willigte der 22-jährige Betreuerlehrling ein. Er habe sich schnell überzeugen lassen, sagt Anna von Aesch. «Und ich habe meinen Entscheid noch nie bereut», so Soares. Er brennt heute genauso für das Stück wie seine Liebste. Das ist angesichts der intensiven Vorbereitung auch nötig: Seit letzter Woche proben die Laiendarsteller jeden Tag. «Da bleibt die Beziehung eine ganze Weile auf der Strecke. Umso wichtiger ist es, dass man diese Erfahrungen teilen kann», weiss Eva von Aesch. Tatsächlich ist das Familien-Trio derzeit in einem Ausnahmezustand. Selbst die Gespräche am Esstisch im Wintergarten der von Aeschs drehen sich, wie sie selbst bemerken, seit Wochen fast nur noch um Dialoge, Kostüme oder schwierige Textpassagen.

Bei den Texten ist Präzision gefragt

Die Herausforderungen an die Schauspieler sind vielschichtig. Anna von Aesch und Emanuel Soares liessen sich von den beiden Theatermacherinnen Karin Berry und Bettina Uhlmann nämlich gleich für mehrere Rollen verpflichten. Im Stück über die verbitterte Milliardärin Claire Zachanassian, die nach Jahrzehnten der Abwesenheit in ihr verarmtes Heimatdorf Güllen zurückkehrt, um Rache für ein altes Unrecht zu üben, mimt Soares einen Gefolgsmann und den Sohn der Protagonistin. Anna von Aesch ist als Maler, «Presse 1» und als Reporter gleich dreifach auf der Bühne zu sehen.

Beide sind glücklich mit den Rollen, die ihnen Berry übertragen hat. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Charakteren verlange ihnen aber ein hohes Mass an Disziplin ab, sagt Anna von Aesch: «Man muss in den eigenen Textstellen sehr präzise und sattelfest sein. Es bleibt kaum Raum für Improvisation.» Dies, weil oft nur kurze Sätze in der eigenen Passage einer anderen Rolle den Einsatz signalisieren würden. Ihre Dialoge probten die zwei nie gemeinsam. «Ich übe jeweils am Abend, Anna eher am Morgen», erklärt Soares. Ihr Freund sei ein Morgenmuffel und daher nach dem Aufstehen kaum für Textproben zu haben, erklärt die Studentin und wirft ihm einen neckenden Seitenblick zu. Soares zuckt verlegen mit den Schultern.

Bitterböse Lieder passen perfekt

Eva von Aesch muss als eine von vier Sängerinnen und Sängern im Stück keine Dialoge auswendig lernen. Sie freut sich sehr über die Auswahl der Lieder, welche die beiden Theatermacherinnen getroffen haben. Komponisten oder Songtitel will sie zwar noch nicht verraten. Nur so viel: «Die Nummern passen mit ihrem bissigen Humor wunderbar zu Dürrenmatts bitterbösen Tragikkomödie.» Wie aus dem Nichts setzt von Aesch zu einer Kostprobe an. Und als sie singt, funkeln ihre Augen schelmisch, ihr ganzes Gesicht stimmt in das Lied mit ein. Ihr Publikum zu unterhalten, liegt der Primarlehrerin nicht nur von Berufs wegen – sie hat die Rampensau im Blut: Schliesslich ist ihr Vater der verstorbene Cabaret-Rotstift-Mitgründer Werner von Aesch.

Eva von Aesch ist froh, keine Rolle einstudieren zu müssen und «nur» singen zu können, wie sie sagt. «Die Bühnen-Präsenzzeit für die Schauspieler ist in Dürrenmatts Stück unglaublich. Es muss anstrengend sein, so lange bei der Sache zu bleiben», erklärt die 60-Jährige. Da sei es ihr lieber, für ihre Einsätze kurz ins Geschehen eingreifen und dann wieder abtreten zu können. Auch ihre Tochter und deren Freund empfinden die Konzentration als grösste Herausforderung. «Ich muss vor allem während der amüsanten Dialoge anderer Charaktere aufpassen, dass ich mich nicht ablenken lasse», sagt Soares. Wenn es am 3. September endlich losgehe und sich an der Vorpremiere der Vorhang hebe, so sei die Aufmerksamkeit der Beteiligten mit Sicherheit kein Problem mehr.