Schlieren
An der Börse wird nun bald mit Eiweiss gehandelt

Erstmals seit fünf Jahren wagt ein Biotech-Unternehmen den Börsengang – die «Molecular Partners» hofft auf 125 Millionen Franken Erlös dadurch. Dieses Geld will die Firma brauchen, um Produkte weiterzuentwickeln.

Alex Rudolf
Merken
Drucken
Teilen
Das Logo der Schlieremer Firma Molecular Partners.

Das Logo der Schlieremer Firma Molecular Partners.

Keystone

Am Mittwoch ist es so weit. An der Schweizer Börse SIX können erstmals Aktien des Schlieremer Biotech-Unternehmens «Molecular Partners» erworben werden. Eine kostet voraussichtlich zwischen 28 und 35 Franken, rund 4,4 Millionen dieser Wertpapiere sollen zum Kauf stehen und dem Unternehmen netto 125 Millionen in die Kassen spülen. Dieses Geld will «Molecular Partners» in die Weiterentwicklung von Produkten stecken, schreibt das Unternehmen in einer Medienmitteilung.

Der Börsengang ist jedoch nur die vorläufige Krönung einer Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Im Jahr 2004 gründeten sechs Abgänger der Universität Zürich das sogenannte Spin-off-Unternehmen. Schon von Beginn an fokussierten die Forscher auf die Nutzung von DARPins (Designed Ankyrin Repeat Proteins). Dabei handelt es sich um künstliche Proteine, die Antigene erkennen und binden können. Der grosse Vorteil der auf DARPins basierender Arznei liege darin, dass diese im Körper gleichzeitig verschiedene Prozesse beeinflussen könne: «So wird sie besonders wirksam», wie CEO Christian Zahnd erklärt.

In der Forschung legt «Molecular Partners» ihre Schwerpunkte auf die Bekämpfung von zwei Krankheiten: altersbedingte Erblindung oder Makula-Degeneration und Krebs.

Langer Weg zur Marktzulassung

Die rund 70 Angestellten entwickeln gleichzeitig mehrere Produkte, von denen sich jedoch ein Steckenpferd hervortut: Abicipar. Das Augenmedikament wird voraussichtlich nächstes Jahr in die dritte Phase der klinischen Entwicklung kommen. Kann in dieser ein signifikanter Wirkungsnachweis erbracht werden, ist die Marktzulassung der nächste Schritt. Dass diese Phase aber auch der Genickbruch eines Biotech-Unternehmens bedeuten kann, zeigte sich im April dieses Jahres — ebenfalls in Schlieren. Der Aktienkurs der Firma Cytos fiel rapide als bekannt wurde, dass in einer klinischen Studie zur Wirkung eines Asthma-Medikamentes keine Erfolge zutage gebracht wurden. Ende Juli entliess das Unternehmen 24 der 36 Mitarbeiter, um Kosten zu sparen. Anfang Oktober gab das Unternehmen bekannt, dass Anfang 2015 Rückzahlungen in der Höhe von 46 Millionen Franken fällig werden, die verfügbaren Mittel unterschreiten diesen Betrag bei weitem. Kurzum — es sieht schlecht aus.

Dass «Molecular Partners» ein ähnliches Schicksal wie Cytos ereilen könnte, befürchtet Zahnd nicht: «Dank flüssigen Mitteln von rund 100 Millionen Franken vor dem Börsengang könnten wir auch Rückschläge überbrücken.» Erfreulich seien zudem die Ergebnisse der bisherigen Abicipar-Studien. Die Wirksamkeit sei schon an zahlreichen Patienten demonstriert worden und sei sogar besser als bei anderen Medikamenten für dieselben Augenkrankheiten, ergänzt er.

Es deuten aber auch andere Zeichen darauf hin, dass «Molecular Partners» überlebt, auch wenn Abicipar kein Erfolg wird. Denn: Das Schlieremer Unternehmen hat starke Partner im Rücken. Bereits wurden mit den US-Firmen Allergan und Janssen Biotech Kooperationsverträge abgeschlossen — vierstellige Millionenbeträge könnten nach der Entwicklung erfolgreicher Arznei durch Lizenzzahlungen nach Schlieren fliessen. Eine Kooperation besteht auch mit dem Pharmagiganten Roche. Die im Dezember letzten Jahres unterzeichnete Forschungskooperation und Lizenzvereinbarung beinhaltet die gemeinsame Entwicklung von Anwendungen für Krebstherapien. Damit kam aus Basel eine Direktzahlung in der höhe von rund 55 Millionen Franken nach Schlieren.

Wie potenzielle Aktionäre auf den Börsengang reagieren werden, bleibt abzuwarten. Laut Handelsblatt ist es in der Branche ein offenes Geheimnis, dass Biotech-Firmen als Anlage Risiken bergen. Der Grund dafür sei, dass ihr Erfolg meist nur von wenigen Produkten abhängt. In den vergangenen Jahren hätten sich die Papiere vieler Branchenvertreter enttäuschend entwickelt, sodass es schwierig war, Unternehmen aus der Biotech-Branche an die Schweizer Börse zu bringen — der Börsengang von «Molecular Partners» ist der erste in der Schweiz seit dem Jahr 2009.

Neben den zahlungskräftigen Forschungspartnern hat «Molecular Partners» auch hier einen Trumpf im Ärmel. Das Schlieremer Unternehmen entwickelt auch Pharmazeutika in Eigenregie — ohne Kooperationen. Bei Erhalt einer Marktlizenz wird so der Ertrag gesteigert und zudem die Produktepalette erweitert. Im Fokus dabei stehe MP0250, ein Medikament, das sich — so Zahnd — derzeit in der klinischen Entwicklung zur Behandlung von verschiedenen Tumorerkrankungen befindet. Für Risikofreudige Aktionäre dürfte dies spannend sein.

Prädikat «viel versprechend»

Der Hype um das Schlieremer Unternehmen ist eindrücklich. Das Branchenmagazin «Fierce Biotech» hob es in die Kränze und nahm «Molecular Partners» vor drei Wochen in die Liste der «Fierce 15» auf, worin die viel versprechendsten Unternehmen der Branche Erwähnung finden. CEO Zahnd sagte gegenüber dem Branchenmagazin, dass sein Unternehmen langfristig plane, man sei hier, um zu bleiben. Dies klang im Jahr 2012 noch ganz anders: Als Zahnd im Rahmen eines Rankings der viel versprechendsten Neo-Millionäre vom Magazin Bilanz interviewt wurde, sagte er, dass sich nicht die Frage stellt, ob seine Firma an ein Grossunternehmen verkauft werde, sondern nur, wann dies geschehe. Eine Strategie, von der sich Zahnd inzwischen distanziert: «Ein Verkauf steht heute nicht mehr auf der Agenda.»

Schlieren erwartet keinen Geldsegen wegen des Börsengangs der «Molecular Partners»

Zürcher erinnern sich noch gut an den Börsengang des Rohstoffgiganten Glencore im Jahr 2011. Zwar liegt der Hauptsitz des Unternehmens im zugerischen Baar, der Wohnsitz des CEO Ivan Glasenberg jedoch im Kanton Zürich. Den Gewinn musste er in Rüschlikon verzinsen, was den kantonalen Finanzausgleich in die Höhe schiessen liess. Rund 140 Gemeinden — darunter auch solche aus dem Limmattal — erhielten mehr Geld als in den Jahren davor. Insgesamt wurden rund 145 Millionen Franken zusätzlich umverteilt.
Dass mit dem Börsengang von «Molecular Partners» nicht ein derartiger Geldsegen auf die Gemeinde zukommt, ist klar. Doch wie sehen die finanziellen Konsequenten für Schlieren aus? Oliver Küng, Leiter der Schlieremer Finanzen, erklärt auf Anfrage, dass ein Börsengang nicht automatisch bedeute, dass die Stadt mehr Steuereinnahmen erhält. «Zwar wird das Aktienkapital des Unternehmens höher, was auch die Steuereinnahmen erhöhen dürfte. Was jedoch steuertechnisch einschenkt, ist der Reingewinn», so Küng. Ein Gewinn wird in Schlieren mit rund 10 Prozent Abgaben in Form von Gemeindesteuern verrechnet. Dieser dürfte nicht allzu hoch ausfallen, da die Geschäftsleitung mitteilte, das generierte Geld in die Forschung stecken
zu wollen. Doch auch das neue Kapital muss versteuert werden. In Schlieren beträgt der Prozentsatz lediglich rund 0,1 Prozent. Bei einem erwarteten Erlös aus dem Börsengang von zwischen 120 und 150 Millionen Franken entspricht dies einem Betrag von zwischen 120'000 und 150'000 Franken. (aru)