Limmattal
Amoklauf von Daillon: «Das Umfeld muss solche Gefahren erkennen»

Präsidentin der Limmattaler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Ruth Ledergerber spricht im Interview über die Verantwortung des Beistands im Fall des Amokläufers von Daillon (VS).

Florian Niedermann
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Präsidentin der Limmattaler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Ruth Ledergerber.

Präsidentin der Limmattaler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Ruth Ledergerber.

Florian Niedermann

Frau Ledergerber, im Fall des Amokläufers von Daillon (VS) wird dem Vormund des Täters vorgeworfen, er habe versagt. Kann man einen Beistand für eine solche Tragödie verantwortlich machen?

Ruth Ledergerber: Nein. Gemäss der Gesetzgebung sollen die Selbstständigkeit und die Privatsphäre eines Verbeiständeten - früher Mündel genannt - weitestgehend bewahrt werden. Man kann ihn oder sie nicht einschliessen. Also ist eine absolute Kontrolle schlichtweg nicht möglich.

Der Beistand konnte also das Gefahrenpotenzial des Täters gar nicht erahnen?

Im konkreten Fall kann ich es nicht sagen. Klar muss ein Mandatsträger eingreifen, wenn er Anhaltpunkte dafür hat, dass etwa ein psychisch kranker Verbeiständer sich in etwas hineinsteigert und er sich oder Dritte gefährden könnte. Dann muss der Beistand die nötigen Massnahmen treffen und zum Beispiel eine fürsorgerische Unterbringung veranlassen. Allerdings muss der Mandatsträger eine negative Entwicklung erst wahrnehmen können.

Ist ein professioneller Beistand nicht genau dazu ausgebildet?

Natürlich. Aber ein Verbeiständeter steht nicht unter konstanter Beobachtung. Ein Beistand hat oft zwischen 80 und 120 Personen zu betreuen. Meist kommen die Betreuten auf ihn zu, wenn sie ein Problem haben oder wenn eine einschneidende Veränderung wie etwa ein Wohnungs- oder Stellenwechsel bevorsteht. Solange alles normal verläuft, ist der Kontakt zwar regelmässig, aber in grösseren Abständen.

Wer hätte also im Fall Daillon reagieren müssen?

Was der Beistand des Täters wusste, weiss ich nicht. Im Gegensatz zum Mandatsträger können das Umfeld oder die Nachbarn im täglichen Kontakt leichter feststellen, wenn ein Verbeiständeter sich seltsam verhält. Sie bemerken auch eher, wenn jemand beginnt, Waffen zu sammeln, wie dies der Amokläufer vor der Tat machte. Die Gesellschaft ist dafür verantwortlich, solche Gefahrenpotenziale zu erkennen und den Behörden zu melden.

Wie regelmässig hat ein Beistand mit seinen 80 bis 100 Betreuten überhaupt Kontakt?

Im Rahmen der Vermögensverwaltung nimmt man mindestens einmal pro Jahr Kontakt auf. Wenn jemand in einer Fürsorgeinstitution untergebracht ist, dann reicht ein Gespräch pro Jahr im Normalfall.

Und wie ist das bei Verbeiständeten, die selbstständig wohnen?

Da kommt es auf ihre Bedürfnisse an. Eine psychisch kranke Person braucht sicher eine regelmässigere Betreuung durch den Beistand. Der jeweilige Mandatsträger muss ein Gespür dafür entwickeln, wie eng die Betreuung sein soll. Während einschneidender Veränderungsphasen ist der Kontakt zeitweise sehr intensiv.

Im Normalfall ist ein Beistand also in erster Linie ein Verwalter.

Ja. Zumindest bei Personen, die in einer Institution untergebracht sind, und jenen, bei denen alles rund läuft und, die nicht auffällig werden. Berufsbeistände haben schlicht nicht die Zeit, darüber hinaus einen regen persönlichen Kontakt zu pflegen.

Was sind Alarmzeichen, die einen Mandatsträger veranlassen sollten, einzugreifen?

Kommt das Umfeld auf die Beistände zu, so sind diese verpflichtet, abzuklären, was los ist. Hellhörig werden müssen Mandatsträger, wenn Verbeiständete drohen. Auch hier muss man aber anhand der Erfahrungen mit dem Individuum einschätzen, wie ernst man seine Drohungen nehmen muss. Es gibt Betreute, die oft drohen aber niemals zur Tat schreiten würden.

Wann würden Sie die Polizei einschalten?

Wenn jemand etwa tätlich wird oder in der Wut Sachschaden anrichtet. Oder wenn ein Verbeiständeter Drohungen ausspricht, obwohl das nicht zu seinem Verhaltensmuster gehört. Dann muss dringend Hilfe beigezogen werden.