Dietikon
Amerika wird in der Zürcher Plattensiedlung erfunden

Seit 14 Jahren wird in Dietikon ein Theaterkurs für Kinder angeboten. Dieses Jahr interpretieren die jungen Theaterbegeisterten Peter Bichsels «Amerika gibt es nicht» neu.

Sophie Rüesch
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Kindertheater Dietikon
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Kindertheater Dietikon

Limmattaler Zeitung

Der König von Spanien trägt einen Baustellenhelm als Krone und eine Schweizerfahne als improvisierten Königsmantel. Seine Mutter ruft nach ihm, weil die Spaghetti fertig sind, er antwortet: «Mama, wir sind noch am spielen!». Sorgen um den spanischen Königshof muss man sich deshalb aber nicht machen. Denn der König heisst eigentlich Silvan und spielt im Dietiker Kindertheater die Hauptrolle im Stück «Amerika gits nid!».

Die Erfindung von Amerika

Seit 14 Jahren wird der Kindertheaterkurs in Dietikon durchgeführt. Die Kursleitung ist in den Händen von Stefan Baier und Heidi Christen von der «Theateria», den administrativen Teil übernimmt der Verein Kellertheater. Die jungen Theaterbegeisterten, bei denen dieses Jahr Altersgruppen von der Kindergärtnerin bis zum Lehrling vertreten sind, üben während einer Woche ein Stück ein, das sie am Freilufttheatertag aufführen werden. «Das ist eine sehr kurze Probephase. Die Kinder müssen viel leisten. Doch sie sind engagiert und haben grossen Spass an der Arbeit», sagt Baier.

Dieses Jahr interpretieren die Kinder die Erzählung «Amerika gibt es nicht» aus den «Kindergeschichten» von Peter Bichsel. Darin geht es um eine alternative Interpretation der Entdeckung von Amerika: Ohne Spanien je zu verlassen, erfindet der gutmütige Hofnarr Colombin auf Druck des cholerischen Königs die Entdeckung des fremden Kontinents. Für den Erzähler in Bichsels Geschichte ist dies Anlass genug, in Frage zu stellen, ob es Amerika überhaupt gibt.

Für Stefan Baier ist die Wahl des Textes erst einmal persönlich inspiriert. «Die Geschichte begleitet mich schon seit Langem», so Baier. Als er an der Expo 92 in Sevilla auftrat, zierte dort das Motto «La Suisse n'existe pas» den Schweizer Pavillon. Die Installation des Künstlers Ben Vautier erinnerte Baier sofort an die berühmte Kindergeschichte. «Spätestens da wusste ich, dass ich Bichsels Text über Einbildung und Realität einmal mit Kindern aufführen will», sagt er. Die Geschichte sei eine gute Basis, um sich grundlegende philosophische Fragen zu stellen. Was er mit den Kindern erreichen wollte, war «mit dem Gedanken zu spielen, dass alles auf der Welt Existierende in unseren Köpfen entsteht.»

Realität und Illusion

Dazu kommt auch noch ein kleines bisschen Geschichtsbildung: Als Vorbereitung auf das Stück habe er mit den Kindern die Entdeckung von Amerika besprochen. Einige seien erstaunt gewesen, zu hören, dass es auch vor Kolumbus schon Leute auf dem amerikanischen Kontinent gegeben habe. Damit seien Fragen zum Wort ‹entdecken› aufgekommen: Gibt es etwas erst, wenn es entdeckt wurde? Und wenn ja, wer hat die Entdeckungs-Hoheit? Und könnte es sein, dass die Entdeckung Amerikas, wie in Bichsels Geschichte, gar nie stattgefunden hat? Dass die Kinder sich diese Fragen stellen, ist Baier wichtiger, als ihnen endgültige Antworten darauf zu geben: «Im Theater geht es darum, Fragen aufzuwerfen und nicht sie zu beantworten.»

Das Spiel mit Illusion und Wirklichkeit, das im Text so zentral ist, hat Baier auch in die Inszenierung eingebaut. Eine mit den Kindern entwickelte Rahmenhandlung erzeugt ein Spiel im Spiel: Die jungen Schauspieler verkörpern auf der ersten Ebene Zürcher Schulkinder. Gegen die Langeweile erfinden sie zwischen Wohnblöcken ein Stück, das am mittelalterlichen Königshofs spielt. Das erklärt die eklektischen Kostüme: Die Mütter der Kinder haben leider gerade keine passendere Verkleidung zur Hand.

«Kinder leben ihre Rolle»

Baier nahm sich für die Inszenierung des Stücks bewusst gewisse Freiheiten. «Ich erachte Bichsels Text mehr als Inspiration denn als fixe Vorlage», meint er. Dabei möchte er Improvisationsraum schaffen, in dem sich die kleinen Schauspieler frei bewegen können. So kann sich bei den Proben denn auch jeder einbringen. Das kann ziemlich chaotisch werden: «Chum, mer mache das!», «Nei, ich wotts so mache!» tönt es aus der Gruppe, wenn Baier nach Vorschlägen fragt. Streit gibt es aber keinen, auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden können. «Die Kinder weisen eine hohe Sozialkompetenz auf», sagt er. Man gehe gut aufeinander ein, neue Mitglieder würden schnell integriert.

«Es geht hier nicht um leistungsorientierte Bewegung. Die Kinder sind hier, weil sie Leidenschaft für die kreative Arbeit aufbringen können», so Baier. Und sie haben erwachsenen Akteuren gegenüber einen entscheidenden Vorteil: «Die Kinder spielen nicht, sie leben ihre Rolle», sagt er. Gestandene Schauspieler würden mit diversen Techniken versuchen, die Authentizität, die Kindern einfach gegeben sei, zu erreichen. «Viele Erwachsene haben die Fähigkeit, der Realität innere Bilder gegenüberzustellen, längst verloren»,bedauert er. Und er hofft: «Vielleicht können sie es im Theater von den Kindern wieder lernen.»

«Amerika gits nid!» wird am 27. August um 14 Uhr auf dem Stadthausplatz in Dietikon aufgeführt.