Unterengstringen
Am traditionsreichen Gautschen wird eine Gesellin «gereinigt»

Drucktechnologin Nathalie Maurer wird zum Lehrabschluss gegautscht.

Daniel Diriwächter
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Gautschen in Unterengstringen
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Nathalie Maurer, angehende Drucktechnologin, nach ihrer "Taufe".
VR-Präsident Willy Haderer amtet das erste Mal als Gautschmeister.
Der Fluchtversuch scheitere - der kühle Brunnen wartet auf Nathalie Maurer.
Nathalie wird in Begleitung der amüsierten Belegschaft die Hönggerstrasse hinuntergefahren.
Nathalie wird in Begleitung der amüsierten Belegschaft die Hönggerstrasse hinuntergefahren.
Beim Dorfbrunnen in Unterengstringen.
Das Wasser soll sehr kalt gewesen sein.
Christian und Willy Haderer beim Gautschen.

Gautschen in Unterengstringen

Limmattaler Zeitung

Trotz Regenwetter hat Nathalie Maurer die Lunte gerochen: Die angehende Drucktechnologin absolviert gerade die letzte Woche ihrer Lehre bei der Druckerei Haderer. Sie weiss, dass in ihrer Branche zur bestandenen Abschlussprüfung noch ein besonderes Ritual auf sie wartet: das Gautschen, ein traditionelles wie Jahrhunderte altes Spektakel, das eine Art Taufe darstellt, die in diesem Fall im Dorfbrunnen von Unterengstringen stattfinden soll. Der Zeitpunkt dafür wird aber nicht bekannt gegeben, so will es der Brauch. Also bleibt die 21-Jährige wachsam. Als sie die ersten Anzeichen einer ausserordentlichen Versammlung bemerkt, büxt sie kurzerhand aus dem Fenster aus. Raffiniert, aber wenig erfolgreich: Geschäftsleiter Christian Haderer ist flink auf den Beinen und kann Maurer rechtzeitig einfangen, sodass das Prozedere mit kleiner Verspätung beginnt.

Der Brunnen als Taufbecken

Ganz nach dem Motto «Packt den Gesellen» und zu Trommelwirbeln wird sie auf einen Bürowagen gesetzt und in Begleitung der amüsierten Belegschaft die Hönggerstrasse hinuntergefahren. VR-Präsident Willy Haderer amtet dabei das erste Mal als Gautschmeister in entsprechender Montur. Seine schelmische Freude ist nicht zu übersehen: «Ich kann mich gut an mein Gautschen erinnern. Das war damals allerdings in Zürich und man hat mich beim Mythenquai in den See geworfen», sagt er lächelnd. Seit dem Bestehen der Firma ist aber der Brunnen vor dem Feuerwehrgebäude das lokale «Taufbecken».

Maurer ist derweil gewillt, das Prozedere durchzustehen. Beim Brunnen wird sie zuerst mit Wasser übergossen und muss sich auf Schwämme setzen – auch das hat Tradition: Ein Schwammhalter sorgt für die nasse Sitzgelegenheit. Feierlich liest Willy Haderer anschliessend den Gautschbrief vor. Dieser gilt als Bescheinigung für die Taufe. Früher diente er als Lehrbrief, Fähigkeitszeugnis und Gewerkschaftsausweis zugleich.

Und auch heute noch legen viele Druckereien Wert darauf, dass ihre Mitarbeiter einen solchen Brief besitzen. Maurer wird diesen aber erst dann erhalten, wenn Sie ihre Kolleginnen und Kollegen von ihrem ersten Lohn zur Gautschete, einem Festmahl, einlädt.

Es folgt der letzte Akt: Unter Jubel und mitsamt Kleider wird Maurer in den Brunnen geworfen. Schwungvoll landet sie unter Wasser, um diesem anschliessend als «gereinigte» Gesellin wieder zu entsteigen. «Das Wasser darin war wirklich irre kalt», wird sie später erleichtert sagen.

Die sündigen Drucker

Ihre Taufe ist ein waschechtes Gautschen, wie es seit dem Spätmittelalter praktiziert wird. Bevor man drucken konnte, waren es Mönche, welche die Bibel und andere Bücher von Hand schrieben. Als Johannes Gutenberg aber den Buchdruck erfand, wurden die Ordensbrüder von «sündigen» Setzern und Druckern verdrängt. Also erfand man die Reinwaschung, das sogenannte Gautschen. Nur so wurde man würdig, die Heilige Schrift zu drucken.

Das jüngste Gautschen in Unterengstringen endet mit einem fröhlichen Apéro rund um den Brunnen. Und einer triefnassen Drucktechnologin, die bereit ist, in der Arbeitswelt durchzustarten.