«Komm mehr zu mir!» «Achtung, ein Auto!» «Jetzt kommt eine Stufe.» Yannic Trüb redet an diesem sehr kalten Abend ständig. Er ist mit Jörg Schilling, seinem sehbehinderten Laufpartner, unterwegs zu einem Lauftraining. Diesem sagt Trüb alle Hindernisse, die sich den beiden in den Weg stellen, frühzeitig an. So wird Schilling von Trüb quasi durch die Strassen gelotst. Sich beim Laufen auf seinen sehenden Partner zu verlassen, erfordert viel Vertrauen. «Die Chemie muss stimmen», sagt Schilling. «Und die passt bei uns. Wir haben denselben Humor.» Trüb lacht herzhaft.

Nur gemeinsames Training

Trüb und Schilling bereiten sich an diesem Abend gemeinsam auf den Zürcher Silvesterlauf vor, der am Sonntag stattfindet – zum 40. Mal insgesamt. Die beiden werden dort zwar nicht gemeinsam starten, aber sie trainieren zusammen. Trüb ist einer von rund 30 ehrenamtlichen «Guides» des Lauftreffs Limmattal. Seit einem Jahr begleitet er blinde und sehbehinderte Läufer beim Laufsport. «Ich hatte dieses Tandem zwischen Guide und Läufer erstmals vor drei Jahren am Berglauf-Cup im Zürcher Oberland gesehen», erzählt er. «Das fand ich cool, das wollte ich auch machen.» Doch damals gab es noch keine Tandems in der Region Zürich.

Yannic Trüb (links) und Jörg Schilling

Yannic Trüb (links) und Jörg Schilling

Anfang 2014 wurde der Lauftreff Limmattal von Claudia Jung gegründet, einer initiativen Läuferin. Heute laufen beim Lauftreff Limmattal rund 25 blinde oder sehbehinderte Läuferinnen und Läufer regelmässig im Tandem mit einem Guide. So ist durchschnittlich mindestens jeden Tag in der Woche ein Tandem in der Region Zürich unterwegs. Die Tandems nehmen auch an Wettkämpfen teil, beispielsweise eben am Zürcher Silvesterlauf.

Einmal pro Woche mit dem Guide

Der Lauftreff Limmattal führt, in Partnerschaft mit PluSport Behindertensport Schweiz, auch Kurse für angehende Guides durch. «Im Sommer 2014 habe ich den vom Lauftreff Limmattal durchgeführten Kurs von einem halben Tag besucht», erzählt Trüb. «Im Kurs lernt man die Ansagen beim Laufen, läuft selber einmal in Begleitung eines Kursleiters mit Dunkelbrille und wird sensibilisiert, wie man Personen mit einer Sehbehinderung begegnet», sagt der 25-Jährige, der beruflich in Dübendorf bei der Gemeinde arbeitet.

Schilling trainiert seit eineinhalb Jahren einmal pro Woche mit einem festen Guide beim Lauftreff Limmattal. «Wenn es hell ist, kann ich Umrisse im Zentrum wahrnehmen», sagt der 55-Jährige. «Daher kann ich im Sommer ohne das Band laufen, das mich mit dem Guide verbindet. Aber wenn es dunkel ist, geht das nicht.»

Für Schilling bedeutet der Lauftreff Limmattal viel. «Es ist toll, dass dank dem Lauftreff der Laufsport auch für uns Sehbehinderte ermöglicht wird», sagt er. «Besonders schätze ich, dass die Guides zu einem nach Hause kommen und ich so meine vertraute Route laufen kann.»

Am Silvesterlauf wird Schilling mit Claudia Jung teilnehmen. Was ist die grösste Herausforderung für ihn an einem Anlass mit so vielen Läuferinnen und Läufern? «Für Sehbehinderte ist es schwierig, wenn sie viele Stimmen auf einmal hören», verrät er. «Und das ist ja bei so einem Lauf der Fall.» Die Masse der Leute sei hingegen kein Problem. «Die meisten nehmen Rücksicht. Man bekommt sogar positive Rückmeldungen von anderen Läufern, so im Sinne von: ‹Toll, dass ihr da mitmacht!›»

Für Schilling ist die Zielzeit eigentlich sekundär. «Es ist ein Just-for-fun-Rennen», sagt er. Auf sein Ziel angesprochen, schmunzelt er jedoch. «Ich möchte den Kilometer unter sechseinhalb Minuten laufen», sagt er. Dann streift er sich die Stirnlampe über. Schliesslich will er sich mit Trüb noch richtig auf den Silvesterlauf vorbereiten.