Kindheitserinnerungen
Am Pelz dieser Stofftiere klebt die Vergangenheit

25 Menschen berichten im Buch «Unzertrennlich. Ein Stück Kindheit» des Unterengstringers René Donzé über die Geschichte ihrer Stofftiere und Bäbis. Dabei kommen berührende Geschichten ans Licht – und einige traumatische Erlebnisse.

Florian Niedermann
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Michael Nitsch und Elefäntli

Michael Nitsch und Elefäntli

Giulia Marthaler

Meiner hiess Tigi. Tigi lag jede Nacht mit mir im Bett. Er war mein tröstender Freund, an ihm hielt ich mich fest, wenn ich schweissgebadet aus Albträumen erwachte. Das blieb auch nach seinem schrecklichen Unfall so. Als ich fünf Jahre alt war, durfte ich mit meinem Freund Balz im Jeep seines Vaters mitfahren, als dieser auf einer Militärübungsstrecke rumbretterte. Tigi war natürlich dabei.

Ich hielt den kleinen Plüschtiger fest in den Händen. Doch als wir mit dem Wagen über eine schlammige Kuppe rasten und die Räder kurz den Kontakt zum Boden verloren, passierte es: Irgendwie muss Tigi meinen Händen entglitten sein – ich merkte es erst etwas später. Als wir die Buckelpiste nach ihm absuchten, fand ich ihn, der Länge nach plattgedrückt im Dreck. Trotzdem wollte ich ihn behalten – keine Frage. Er begleitete mich noch drei, vier Jahre, bis ich fand, ich sei zu alt für Stofftiere. Tigi kam in eine Kiste im Estrich meiner Mutter, wo er noch heute ist.

Stefan Jehle und Teddy Jeder, der Stefan Jehle kennt, weiss, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Dennoch erschrecken manche Leute «ob seiner Masse, seiner Grösse und seiner Tattoos», wie er sagt. Als Bub spielte er seine körperliche Überlegenheit oft aus, weil er als Legastheniker weniger schlagfertig war. «Wenn mir die Argumente ausgingen, liess ich meine Fäuste sprechen», so Jehle. Er habe einige Jahre gebraucht, bis er realisiert habe, dass man sich mit Gewalt keine Freunde macht. Obwohl er mit den Lehrern – «diesen Kerli» – nie klargekommen ist, schaffte es der heute 50-Jährige zu einem Studienabschluss als Holzkaufmann. In seiner Freizeit hatte er als Kind immer seinen Teddy dabei – einen Steiff-Bären, der flach auf dem Bauch liegt. Einige Jahre später kam ein identischer, kleinerer Bär dazu. Doch die beiden Stofftiere sollten fortan immer im Bett bleiben. «Nach draussen hätte ich mich damit nie gewagt, das gehörte sich nicht für einen rechten Jungen», sagt Jehle. Und doch habe er so sehr an den beiden Teddys gehangen, dass er sie nie hergegeben hätte. (fni)

Stefan Jehle und Teddy Jeder, der Stefan Jehle kennt, weiss, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Dennoch erschrecken manche Leute «ob seiner Masse, seiner Grösse und seiner Tattoos», wie er sagt. Als Bub spielte er seine körperliche Überlegenheit oft aus, weil er als Legastheniker weniger schlagfertig war. «Wenn mir die Argumente ausgingen, liess ich meine Fäuste sprechen», so Jehle. Er habe einige Jahre gebraucht, bis er realisiert habe, dass man sich mit Gewalt keine Freunde macht. Obwohl er mit den Lehrern – «diesen Kerli» – nie klargekommen ist, schaffte es der heute 50-Jährige zu einem Studienabschluss als Holzkaufmann. In seiner Freizeit hatte er als Kind immer seinen Teddy dabei – einen Steiff-Bären, der flach auf dem Bauch liegt. Einige Jahre später kam ein identischer, kleinerer Bär dazu. Doch die beiden Stofftiere sollten fortan immer im Bett bleiben. «Nach draussen hätte ich mich damit nie gewagt, das gehörte sich nicht für einen rechten Jungen», sagt Jehle. Und doch habe er so sehr an den beiden Teddys gehangen, dass er sie nie hergegeben hätte. (fni)

Giulia Marthaler

An meinen treuen Begleiter dachte ich erst wieder, als ich das Buch «Unzertrennlich – ein Stück Kindheit» in die Finger bekam. Der gebürtige Unterengstringer Journalist René Donzé und die Fotografin Giulia Marthaler porträtieren darin 25 erwachsene Menschen gemeinsam mit ihren Stofftieren und Bäbis.

Die Schwarzweissbilder der Protagonisten wirken irritierend. Eine solche Intimität zwischen Mensch und Gegenstand passt nicht ins Bild rational denkender Erwachsener. Erst die Kindheitsgeschichten, welche Donzé im Gespräch mit den 25 Personen protokolliert hat, lösen diesen Kontrast auf.

Die Stoffbären, Puppen und Plüschschafe werden darin plötzlich zu Anknüpfungspunkten an einen Kosmos detailreicher Erinnerungen – zu einer Brücke in die Vergangenheit. Damit verbunden ist all der Trost, die Freude und Zärtlichkeit, welche die Porträtierten mit ihren beseelten Wesen teilten und die auf den Fotografien Marthalers zum Ausdruck kommen.

Und die Kindheitsgeschichten, die bei diesen Gesprächen aus der Erinnerung in die Gegenwart gedrungen sind, haben etwas Fesselndes. Eines der biografischen Exzerpte handelt etwa von der 89-jährigen Gianna Ruffo, die mit vier Jahren als eine Art Verdingkind zu einem reichen Paar ins Tessin kam. Von der psychisch kranken Adoptivmutter völlig isoliert, fand sie Trost bei ihrer Puppe «Bluette».

Gianna Ruffo fand als Kind in harten Zeiten Trost bei ihrer Puppe «Bluette».

Gianna Ruffo fand als Kind in harten Zeiten Trost bei ihrer Puppe «Bluette».

Giulia Marthaler

Sie schmuggelte diese selbst mit, als sie ins Institut der Menzinger Schwestern in Lugano gesteckt wurde und keinerlei persönliche Effekten mitnehmen durfte. Trotz dieses schwierigen Einstiegs ins Leben und weiterer Rückschläge danach wirkt Ruffo nicht verbittert. Ihren Erinnerungsbericht schliesst sie mit den Worten: «Mein Leben war gut so, wie es war.» Auf dem Foto hält sie «Bluette» behutsam in beiden Händen.

Nicht alle Porträts erzählen derart dramatische Geschichten. Und doch verblüffen die meisten auf irgendeine Art. Man fragt sich als Leser irgendwann, wie die beiden Macher des Buches diese Menschen gefunden haben – ob gar eine Art Casting dahintersteht. Donzé winkt ab: «Nein. An sehr viele Personen gelangten wir über Mundpropaganda.» In einigen Fällen aber seien sie selbst auf die Porträt-Partner zugegangen. So etwa im Fall von Marlis Jenny (siehe Box), von der Donzé über Umwege gehört hatte. Ein paar Menschen hätten sie auch einfach auf der Strasse angesprochen und sie nach dem Plüschtier ihrer Kindheit gefragt.

Marlis Jenny und Puppe Marlis Jenny ist siebeneinhalb Jahre alt, als sich ihr Leben von einem Tag auf den nächsten dramatisch ändert. Am 11. Januar 1954 sterben in ihrem Geburtsort Blons im österreichischen Grosswalsertal 57 Menschen in der grössten Lawinenkatastrophe der Alpen überhaupt. Ihr Haus bauten Jennys Eltern ungeschützt in den Hang neben der Kirche. Am Morgen vor der Katastrophe beschliesst der Vater, mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern das Haus zu verlassen. Überstürzt flüchten sie ins Schulhaus. Marlis weint die ganze Zeit: In der Eile hat sie vergessen, ihre Puppe mitzunehmen, die ihr das Christkind zu Weihnachten gebracht hatte. Um 11 Uhr geht die erste Lawine nieder und zerstört einen ganzen Dorfteil. Während die unversehrten Männer sich aufmachen, um die Verletzten und Toten zu bergen, gehen Marlis’ Eltern unter grosser Gefahr zurück in ihr Haus, um ihre Sachen zu packen – darunter auch Marlis’ Puppe. Einige Stunden nach ihrer Rückkehr geht die zweite grosse Lawine auf das Dorf nieder und begräbt auch das Haus der Jennys unter sich. (fni)

Marlis Jenny und Puppe Marlis Jenny ist siebeneinhalb Jahre alt, als sich ihr Leben von einem Tag auf den nächsten dramatisch ändert. Am 11. Januar 1954 sterben in ihrem Geburtsort Blons im österreichischen Grosswalsertal 57 Menschen in der grössten Lawinenkatastrophe der Alpen überhaupt. Ihr Haus bauten Jennys Eltern ungeschützt in den Hang neben der Kirche. Am Morgen vor der Katastrophe beschliesst der Vater, mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern das Haus zu verlassen. Überstürzt flüchten sie ins Schulhaus. Marlis weint die ganze Zeit: In der Eile hat sie vergessen, ihre Puppe mitzunehmen, die ihr das Christkind zu Weihnachten gebracht hatte. Um 11 Uhr geht die erste Lawine nieder und zerstört einen ganzen Dorfteil. Während die unversehrten Männer sich aufmachen, um die Verletzten und Toten zu bergen, gehen Marlis’ Eltern unter grosser Gefahr zurück in ihr Haus, um ihre Sachen zu packen – darunter auch Marlis’ Puppe. Einige Stunden nach ihrer Rückkehr geht die zweite grosse Lawine auf das Dorf nieder und begräbt auch das Haus der Jennys unter sich. (fni)

Giulia Marthaler

Gemeinsam mit ihnen tauchten sie in deren Erinnerungen ein. «Der schönste Moment bei dieser Arbeit war, wenn im Gespräch über eine Puppe oder ein Stofftier plötzlich eine Grenze überwunden wurde. Wenn wir plötzlich hinter die Fassade einer Person sahen», sagt Donzé.

Der gebürtige Unterengstringer und Sohn von Herbert Donzé, dem ersten Reallehrer der Gemeinde, arbeitet hauptberuflich als Redaktor bei der «NZZ am Sonntag». Hätte ihm früher jemand gesagt, er solle ein Buch über Bären und Puppen schreiben, hätte Donzé ihn für verrückt erklärt, wie er sagt.

Die Idee entstand, als ein Freund der Fotografin Giulia Marthaler seinen Plüschbären bei einem Umzug zuunterst im Kleiderschrank fand. Er erzählte ihr von den Erinnerungen, die noch am Pelz seines «Brumis» hängten. Sie hatte die Idee, ein Bildporträt von den beiden aufzunehmen. Als Donzé davon hörte, fand er es reizvoll, die Geschichte dazu textlich festzuhalten.

Das Schicksal dieses Freundes, des Grafikers Roland Szabó, bildet heute den Auftakt von «Unzertrennlich». Sie machten sich auf die Suche nach weiteren Erwachsenen, die ihren Liebling aus Kindertagen noch hatten. Es entstand eine Serie, und aus der Serie innert dreier Jahre ein ganzes Buch.
Zwei Stofftiere und ihre Geschichten bleiben den Lesern vorenthalten – jene der Macher des Werks. Er wisse nicht einmal mehr, wie sein «Bärli» geheissen habe, sagt Donzé.

Rolf Wyss mit Fritz und Walti «Ohne Hardrock wäre ich in die Drogen abgerutscht», sagt Rolf Wyss. Die Musik sei sein Ventil, sein Rauschmittel gewesen. Zusammen mit seinem Nachbarsjungen liess er es krachen zuhause – zur Musik aus den Lautsprechern spielten sie Luftgitarre. «Die beiden Bären Fritz und Walti waren unsere ersten und einzigen Fans», sagt Wyss. Seine erste Schallplatte kaufte er sich als Sechstklässler. Es war die Single «Paranoid» von der Heavy-Metal-Band «Black Sabbath». Als sein Vater Wyss und seine Mutter wegen einer Nebenbeziehung im Nachbardorf verliess, bekam er dies auch von Nachbarn zu spüren. «Damals war eine Scheidung eine Schande auf dem Dorf», erklärt Wyss. Als kleiner Junge sei er mit den Teddy stundenlang auf dem Vermessungsstein im Garten ihres Hauses an der Bahnlinie gesessen und schaute den Rangierloks zu. «Es war klar, dass ich einmal zu den SBB gehen würde», so Wyss. Heute ist er in der SBB-Immobilien-Abteilung. Noch heute geht er zwei- bis dreimal pro Jahr an ein Hardrock-Konzert, «um so richtig auszuflippen». 

Rolf Wyss mit Fritz und Walti «Ohne Hardrock wäre ich in die Drogen abgerutscht», sagt Rolf Wyss. Die Musik sei sein Ventil, sein Rauschmittel gewesen. Zusammen mit seinem Nachbarsjungen liess er es krachen zuhause – zur Musik aus den Lautsprechern spielten sie Luftgitarre. «Die beiden Bären Fritz und Walti waren unsere ersten und einzigen Fans», sagt Wyss. Seine erste Schallplatte kaufte er sich als Sechstklässler. Es war die Single «Paranoid» von der Heavy-Metal-Band «Black Sabbath». Als sein Vater Wyss und seine Mutter wegen einer Nebenbeziehung im Nachbardorf verliess, bekam er dies auch von Nachbarn zu spüren. «Damals war eine Scheidung eine Schande auf dem Dorf», erklärt Wyss. Als kleiner Junge sei er mit den Teddy stundenlang auf dem Vermessungsstein im Garten ihres Hauses an der Bahnlinie gesessen und schaute den Rangierloks zu. «Es war klar, dass ich einmal zu den SBB gehen würde», so Wyss. Heute ist er in der SBB-Immobilien-Abteilung. Noch heute geht er zwei- bis dreimal pro Jahr an ein Hardrock-Konzert, «um so richtig auszuflippen». 

Giulia Marthaler

Und doch sprudeln aus dem Journalisten beim Gedanken an ihn Erinnerungen hoch. Etwa daran, wie er als Bub mit seiner Familie nach Holland fuhr, als mitten in der Nacht das Benzin ausging. «Mein Bruder und mein Vater wollten aus einem Kanister ‹Most› nachfüllen. Dabei verschütteten sie einen Teil – leider auch über mein Bärli», sagt Donzé. Das Plüschtier habe danach so stark gerochen, dass es seine Mutter habe waschen müssen. Er habe den Bären mitgenommen, als er zu Hause auszog, erinnert sich der Journalist. Doch wo er heute ist, weiss er nicht: «Er muss irgendwo im Estrich liegen.»

Als Donzé das sagt, kommt mir plötzlich der Gedanke, dass wohl den meisten Stofftieren dasselbe undankbare Schicksal blüht. Und ich nehme mir vor, mich bei nächster Gelegenheit auf die Suche nach meinem Tigi zu machen, gespannt darauf, was er mir über meine Vergangenheit alles zu erzählen hat.