Soziale Not
Am Montag steht der Geroldswiler Michael S. auf der Strasse

Der Alleinerziehende sucht händeringend eine Wohnung und hofft auf einen verständnisvollen Vermieter

Gabriele Heigl
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Die Ungewissheit lässt Michael S. verzweifeln. Wo wird ab Montag seine Bleibe sein? Symbolbild: Gaetan Bally/Key

Die Ungewissheit lässt Michael S. verzweifeln. Wo wird ab Montag seine Bleibe sein? Symbolbild: Gaetan Bally/Key

KEYSTONE

Er steht mit dem Rücken zur Wand, und daran ist er selbst schuld. Wenn der Geroldswiler Michael S. bis zum 23. Oktober seine Wohnung in der Fahrweid nicht geräumt hat, rückt am nächsten Tag um 8 Uhr die Polizei an und erledigt das für ihn. Dann steht er auf der Strasse. Noch vier Tage.
Wer die Geschichte von S. hört, sucht unweigerlich nach Stellen, an denen neue Hoffnung keimen, es aufwärtsgehen könnte. Viel findet man nicht. Letzte Woche wandte er sich mit einem Hilferuf an die Limmattaler Zeitung: «Ich bin ein alleinerziehender Vater und in Not, da ich bald meine Wohnung verlassen muss und ich noch keine neue gefunden habe. Beim Sozialamt sagt man mir, man kann mir nicht helfen. Keine Notwohnung, nichts. Ich weiss nicht weiter. Es kann doch nicht sein, dass ich bald auf der Strasse stehe. Ich schreibe, weil ich so noch eine kleine Chance sehe, dass mir ein Vermieter, der das liest, eventuell eine Tür aufmacht.» Ein Verzweifelter auf herbstlicher Herbergssuche.

Der Sohn baut Mist

Vor sieben Jahren zügelt der 38-jährige Schaltanlagenmonteur von Schwamendingen mit seiner Partnerin und seinem 15-jährigen Sohn in die Viereinhalb-Zimmer-Wohnung in der Geroldswiler Fahrweid, 2450 Franken beträgt der Mietzins. Eigentlich viel zu teuer, meint S. Da aber beide Erwachsenen verdienen, er als Projektleiter bei einer Effretiker Firma, sie in der Gastronomie, können sie sich die Wohnung leisten. Das ändert sich, als die Partnerschaft in die Brüche geht und die Freundin zurück nach Deutschland zügelt.

«Es geht um einen Notfall. Soll ich da noch wählerisch sein?»
Michael S.

Dann bekommt der Sohn Ärger in der Schule. «Er ist an die falschen Freunde geraten, hat auch Mist gebaut», räumt der Vater ein und auch, dass er zu wenig Zeit mit ihm verbracht hat. Als der Sohn von der Schule fliegt, kündigt der Vater seinen Job und bleibt zu dessen Betreuung fünf Monate zu Hause. Zur Mutter, die zusammen mit der gemeinsamen achtjährigen Tochter in Zürich wohnt, will der Sohn nicht. Derzeit befindet er sich in einer Jugendeinrichtung zum Timeout. S. wünscht sich aber, dass er wieder zu ihm zieht.
Dass die Wohnungssuche sich so schwierig gestaltet, liegt vor allem daran, dass das Betreibungsregister von S. einige Einträge aufzuweisen hat. So schuldet er der Alimentenstelle 20 000 Franken. Auch beim Steueramt steht er mit 10 000 bis 20 000 Franken in der Kreide, genauer kann S. seine Steuerschulden nicht beziffern. Wenn er arbeitet, wird sein Lohn gepfändet.

Der Chef hat genug

Auch die Geschichte über seine Arbeit ist kompliziert. Nach seiner Kündigung muss er zunächst zum Sozialamt, später zur Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV), schliesslich wird er ausgesteuert. Ein Jahr bezieht er RAV-Leistungen, seit Juni hat er wieder Arbeit, allerdings nur für Temporäreinsätze. Bis letzten Donnerstag. Da hat sein Chef genug von seinen vielen Fehlzeiten wegen der Wohnungssuche. «Komm wieder, wenn deine Wohnsituation geklärt ist», meint er.

Eine Zeit lang versucht S. es mit Mitbewohnern. Dreimal hat er Pech, weil die sich nicht zuverlässig an den Mietzinsen beteiligen. Schliesslich fragt er beim Sozialamt nach einem guten Mitbewohner, dann wäre ihm der Mietzins zumindest sicher. Als er zwei Asylbewerber aufnehmen soll, streikt er. Mit dem Vermieter, der seine Ausweisung aus der Wohnung vor Gericht betreibt, kann er nicht mehr reden. Zwei Mietzinse sind offen. Auch einen Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten findet er nicht. Die Mutter ist tot, mit dem Vater ist er zerstritten, der Bruder lebt selbst in prekären Verhältnissen.

Sozialamt als letzte Hoffnung?

Im März wendet er sich erstmals an das Sozialamt der Gemeinde Geroldswil. Dort bekommt er die Auskunft, dass es keine freie Notwohnung gibt (siehe Text unten). Man eröffnet ihm die Möglichkeit, ein billiges Hotelzimmer in Spreitenbach als Notwohnung zu beziehen. S. lehnt ab. Er müsse für den Sohn kochen und waschen können. Seither hat er sich wiederholt an die Gemeinde gewandt, ohne einen anderen Bescheid.
S. versteht die Welt nicht mehr. «Asylanten finden doch auch eine Wohnung», meint er. «Warum ich nicht?» Auch der Umzug in eine andere Gemeinde wäre kein Problem für ihn. «Es geht um einen Notfall. Soll ich da noch wählerisch sein? Ausserdem bin ich doch in der ganzen Schweiz Schweizer und nicht nur in der Fahrweid.» So lange auch sein Sohn mit einziehen könne, habe er auch kein Problem mit einer kleineren Wohnung, einer Wohnung mit Hausmeisterjob oder einem befristeten Mietvertrag. «Im Moment akzeptiere ich alles, was mir hilft und mir Luft verschafft.» Ein Mietzins bis 1800 Franken sei für ihn machbar. Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er einen verständnisvollen Vermieter findet, der ihm eine günstige Wohnung vermietet. Sozusagen als letzte Chance.

Wie die Gemeinden von Wohnungsnot Betroffenen helfen: Das allerletzte Auffangnetz in höchster Not

Es ist ein geflügeltes Wort: In der Schweiz muss niemand unter der Brücke schlafen. Aber hält der Satz auch der Nachprüfung in Limmattaler Gemeinden stand?


Gemäss Bundesverfassung und Sozialhilfegesetzgebung hat, wer in Not gerät, Anspruch auf Hilfe. Schlierens stellvertretender Abteilungsleiter Soziales Fabio Pedretti: «An dem Tag, an dem eine Person obdachlos wird, ist die Gemeinde zur Hilfestellung verpflichtet.» Damit Obdach gewährt werden kann, verfügen die meisten Gemeinden über Notwohnungen. Der Gemeinde Geroldswil stehen fünf zur Verfügung. Laut Auskunft von Alexandra Brandenberger, der stellvertretenden Geroldswiler Gemeindeschreiberin, sind derzeit alle fünf bewohnt. Dasselbe gilt für Dietikon. Auch dort sind gemäss Sozialvorstand Roger Bachmann alle zwölf Notwohnungen belegt. In Schlieren dagegen wäre eine von drei Notwohnungen verfügbar.


Könnte nun nicht Schlieren der Gemeinde Geroldswil diese freie Wohnung für Michael S. zur Verfügung stellen? Pedretti ist kein Fall bekannt, in dem Schlieren derart ausgeholfen hat; es liege auch keine Anfrage seitens Geroldswil vor. In Dietikon waren alle Notwohnungen immer belegt. Für Brandenberger in Geroldswil stellt sich diese Frage aber sowieso nicht: «Abschiebung ist in der Sozialhilfe verboten.» Gebe es in der Gemeinde keine Möglichkeit, würden Angebote der Heilsarmee oder der Caritas genutzt.


Auch in Schlieren gibt es einen Plan B in Form von Notschlafstellen, Dauerzimmern in einem günstigen Hotel, Familienwohnheim oder Frauenhaus. Ähnlich in Dietikon, wo man in der Umgebung nach günstigen möblierten Zimmern sucht.


Man will es den Betroffenen aber auch nicht zu leicht machen. Pedretti: «Eine Notwohnung ist quasi das letzte Auffangnetz.» Meistens fänden die Betroffenen, kurz bevor es ernst wird, doch noch eine Lösung. Es wird auch unmissverständlich klar gemacht, dass die Notlösung eben nur für die Dauer der Not möglich ist. Brandenberger: «Sofort nach Bezug muss eine Wohnung gesucht werden. Die Suchbemühungen müssen nachgewiesen werden.» Schlieren begrenzt die Wohndauer auf drei, Dietikon auf sechs Monate; im Einzelfall kann der Aufenthalt in Dietikon auch verlängert werden. Die Mietkosten werden den Untermietern in Rechnung gestellt.


Dennoch fallen Kosten für die Gemeinden an. «Da Personen in Notwohnungen auf wirtschaftliche Hilfe angewiesen sind, beinhaltet diese grundsätzlich auch den Mietzins», so Brandenberger. Bachmann verweist darauf, dass Mobiliar gekauft und die Wohnungen unterhalten werden müssten. Hinzu kämen Personalkosten für Instandhaltung und Administration. In Schlieren verweist man darauf, dass es für die Stadt günstiger sei, wenn die Notwohnung untervermietet sei. Trotzdem gilt für Pedretti der Grundsatz: «Eine gute Notwohnung ist eine leere Notwohnung. Damit sie zur Verfügung steht, wenn sie wirklich gebraucht wird.» (GAH)