Er steht mit dem Rücken zur Wand, und daran ist er selbst schuld. Wenn der Geroldswiler Michael S. bis zum 23. Oktober seine Wohnung in der Fahrweid nicht geräumt hat, rückt am nächsten Tag um 8 Uhr die Polizei an und erledigt das für ihn. Dann steht er auf der Strasse. Noch vier Tage.

Wer die Geschichte von S. hört, sucht unweigerlich nach Stellen, an denen neue Hoffnung keimen, es aufwärtsgehen könnte. Viel findet man nicht. Letzte Woche wandte er sich mit einem Hilferuf an die Limmattaler Zeitung: «Ich bin ein alleinerziehender Vater und in Not, da ich bald meine Wohnung verlassen muss und ich noch keine neue gefunden habe. Beim Sozialamt sagt man mir, man kann mir nicht helfen. Keine Notwohnung, nichts. Ich weiss nicht weiter. Es kann doch nicht sein, dass ich bald auf der Strasse stehe. Ich schreibe, weil ich so noch eine kleine Chance sehe, dass mir ein Vermieter, der das liest, eventuell eine Tür aufmacht.» Ein Verzweifelter auf herbstlicher Herbergssuche.


Der Sohn baut Mist


Vor sieben Jahren zügelt der 38-jährige Schaltanlagenmonteur von Schwamendingen mit seiner Partnerin und seinem 15-jährigen Sohn in die Viereinhalb-Zimmer-Wohnung in der Geroldswiler Fahrweid, 2450 Franken beträgt der Mietzins. Eigentlich viel zu teuer, meint S. Da aber beide Erwachsenen verdienen, er als Projektleiter bei einer Effretiker Firma, sie in der Gastronomie, können sie sich die Wohnung leisten. Das ändert sich, als die Partnerschaft in die Brüche geht und die Freundin zurück nach Deutschland zügelt.



Dann bekommt der Sohn Ärger in der Schule. «Er ist an die falschen Freunde geraten, hat auch Mist gebaut», räumt der Vater ein und auch, dass er zu wenig Zeit mit ihm verbracht hat. Als der Sohn von der Schule fliegt, kündigt der Vater seinen Job und bleibt zu dessen Betreuung fünf Monate zu Hause. Zur Mutter, die zusammen mit der gemeinsamen achtjährigen Tochter in Zürich wohnt, will der Sohn nicht. Derzeit befindet er sich in einer Jugendeinrichtung zum Timeout. S. wünscht sich aber, dass er wieder zu ihm zieht.

Dass die Wohnungssuche sich so schwierig gestaltet, liegt vor allem daran, dass das Betreibungsregister von S. einige Einträge aufzuweisen hat. So schuldet er der Alimentenstelle 20 000 Franken. Auch beim Steueramt steht er mit 10 000 bis 20 000 Franken in der Kreide, genauer kann S. seine Steuerschulden nicht beziffern. Wenn er arbeitet, wird sein Lohn gepfändet.

Der Chef hat genug

Auch die Geschichte über seine Arbeit ist kompliziert. Nach seiner Kündigung muss er zunächst zum Sozialamt, später zur Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV), schliesslich wird er ausgesteuert. Ein Jahr bezieht er RAV-Leistungen, seit Juni hat er wieder Arbeit, allerdings nur für Temporäreinsätze. Bis letzten Donnerstag. Da hat sein Chef genug von seinen vielen Fehlzeiten wegen der Wohnungssuche. «Komm wieder, wenn deine Wohnsituation geklärt ist», meint er.

Eine Zeit lang versucht S. es mit Mitbewohnern. Dreimal hat er Pech, weil die sich nicht zuverlässig an den Mietzinsen beteiligen. Schliesslich fragt er beim Sozialamt nach einem guten Mitbewohner, dann wäre ihm der Mietzins zumindest sicher. Als er zwei Asylbewerber aufnehmen soll, streikt er. Mit dem Vermieter, der seine Ausweisung aus der Wohnung vor Gericht betreibt, kann er nicht mehr reden. Zwei Mietzinse sind offen. Auch einen Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten findet er nicht. Die Mutter ist tot, mit dem Vater ist er zerstritten, der Bruder lebt selbst in prekären Verhältnissen.


Sozialamt als letzte Hoffnung?


Im März wendet er sich erstmals an das Sozialamt der Gemeinde Geroldswil. Dort bekommt er die Auskunft, dass es keine freie Notwohnung gibt (siehe Text unten). Man eröffnet ihm die Möglichkeit, ein billiges Hotelzimmer in Spreitenbach als Notwohnung zu beziehen. S. lehnt ab. Er müsse für den Sohn kochen und waschen können. Seither hat er sich wiederholt an die Gemeinde gewandt, ohne einen anderen Bescheid.

S. versteht die Welt nicht mehr. «Asylanten finden doch auch eine Wohnung», meint er. «Warum ich nicht?» Auch der Umzug in eine andere Gemeinde wäre kein Problem für ihn. «Es geht um einen Notfall. Soll ich da noch wählerisch sein? Ausserdem bin ich doch in der ganzen Schweiz Schweizer und nicht nur in der Fahrweid.» So lange auch sein Sohn mit einziehen könne, habe er auch kein Problem mit einer kleineren Wohnung, einer Wohnung mit Hausmeisterjob oder einem befristeten Mietvertrag. «Im Moment akzeptiere ich alles, was mir hilft und mir Luft verschafft.» Ein Mietzins bis 1800 Franken sei für ihn machbar. Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er einen verständnisvollen Vermieter findet, der ihm eine günstige Wohnung vermietet. Sozusagen als letzte Chance.