Yohanes Yemane strahlt, als er auf der «Ameise» durch die riesige Halle herangebraust kommt. Das Fahren auf dem Hubstapler sei ihm der liebste Teil seiner Arbeit, sagt er. Und offensichtlich einer, den er gut macht: «Yohanes ist ein Profi auf der ‹Ameise›», sagt sein Ausbildner Jan Bochsler, der auch gleich erklärt, woher das Arbeitsgerät seinen Spitznamen hat. «Wir sagen dem Hubstapler ‹Ameise›, weil er, wie das Insekt, klein ist, aber viel arbeiten und tragen mag.»

Die «Ameise» ist aber nicht der einzige Grund, wieso Yemane strahlt. Dass der 28-Jährige bei der Transportfirma Planzer am Standort Altstetten eine Ausbildung machen kann, hat sein Leben verändert. Geboren in Eritrea, flüchtete Yemane im Alter von drei Jahren mit seiner Familie über die Grenze nach Äthiopien. Das war Anfang der 1990er-Jahre. Ein paar Jahre später, 1998, brach der Eritrea-Äthiopien-Krieg aus, der zwölf Jahre lang dauern sollte. Er machte rund eine Million Eritreer zu Flüchtlingen, darunter auch Yemane, der in der Schweiz Zuflucht suchte. Fünfeinhalb Jahre ist das nun her.

Ohne Familie, ohne Arbeit

Als Asylbewerber durfte Yemane nicht arbeiten. «Das war schlimm für mich», sagt er. Ohne Aufgabe zu sein, wenn man etwas tun wolle. Das sei schwierig. Zudem war er örtlich von seiner heutigen Frau und damaligen Freundin getrennt: Sie lebte in einer Asylunterkunft in Meilen, er war in Bubikon. «Wenn man nicht verheiratet und noch ohne Aufenthaltsbewilligung ist, hat man kein Recht darauf, am gleichen Ort zu wohnen», sagt er. Auch seine Tochter, die heute zwei Jahre alt ist, musste er anfangs noch die meiste Zeit entbehren.

Heute hat Yemane wieder viel Hoffnung für die Zukunft. Er hat eine Aufenthaltsbewilligung, ist verheiratet, wohnt seit Oktober gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter – ein «ruhiges und angenehmes Kind», sagt er – in Oetwil am See. Und er kann eine Ausbildung machen. Eine Ausbildung, die es bis vor kurzem noch gar nicht gegeben hat.

Dass es sie heute gibt, ist der Initiative des Familienunternehmens Planzer zu verdanken. Diese begann im Herbst 2015 mit einer Diskussion in der Familie. «Wir beschlossen, dass wir unsere soziale Verantwortung wahrnehmen und etwas zur Integration von Flüchtlingen beitragen wollen», sagte Severin Baer damals über die Motivation der Familie. Baer ist Teilhaber und Geschäftsleitungsmitglied der Transportfirma, die in Dietikon zu Hause ist – und der Cousin von Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer Nils Planzer.

Doch dass die Firma ankündigte, rund 100 Flüchtlinge ausbilden zu wollen, löste nicht nur positive Reaktionen aus. Zwar gab es mehrheitlich Lob aus der Branche und der Politik, doch aus der Bevölkerung erhielt Planzer teilweise sehr kritische Rückmeldungen. Auch wenn Planzer stets betont hat, die Stellen würden zusätzlich geschaffen, so war die Angst vor allem: Die Flüchtlinge werden uns die Arbeit wegnehmen.

Mittlerweile ist das Projekt längst gestartet – und die kritischen Stimmen sind verstummt, wie Baer sagt. Aus der Bevölkerung höre er nichts mehr und auch intern gebe es keine negativen Reaktionen. «Unsere Leute stehen hinter dem Projekt. Selbst die Skeptiker sind jetzt positiv eingestellt.» Neben den 240 regulären Lehrstellen hat das Transportunternehmen im Bereich Logistik neun zusätzliche Ausbildungsplätze für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen geschaffen, die bereits passable Deutschkenntnisse haben. Das Ganze nennt sich Integrationsvorlehre, dauert ein Jahr und ist in Kooperation mit dem Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamt entstanden – und beschränkt sich daher bis jetzt auf den Kanton Zürich. Ende August sind die Männer aus Syrien, Afghanistan und Eritrea im Alter zwischen 20 und 32 Jahren gestartet und haben nun schon die Hälfte der Ausbildung hinter sich gebracht.

«Mir gefällt alles»

Einer von ihnen ist Yemane. Wie die anderen ist er in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt worden. Wichtig waren vor allem Sprachkenntnisse und Motivation. Bei Yemane ist es offensichtlich, dass beides vorhanden ist: «Mir gefällt alles an dieser Ausbildung», sagt er und strahlt wieder übers ganze Gesicht. Die Arbeit, die Kollegen, der Chef, alle seien so nett, sagt er. Die Sprache sei manchmal eine Herausforderung, aber er komme gut voran. «Diese Ausbildung hat mir ein Tor geöffnet.» Sein grösster Wunsch sei es nun, dass er bei Planzer eine richtige Lehre machen könne.

Das ist durchaus im Bereich des Möglichen. «Wir möchten den neun Männern gerne Lehrstellen anbieten», sagt Baer. Dazu habe man eigens ein paar Ausbildungsplätze mehr geschaffen. Die Absolventen der Integrationsvorlehre müssten dafür jedoch den regulären Bewerbungsprozess durchlaufen. Ende Februar werden die ersten Gespräche geführt.

Im Team angekommen

Bochsler, der in Altstetten Stellvertretender Filialleiter und für die Berufsbildung zuständig ist, betreut nebst 14 regulären Lernenden drei der Männer in der Integrationsvorlehre. Dass bei allen von ihnen bereits jetzt klar ist, dass sie für eine zweijährige Ausbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) infrage kommen, sei für ihn der grösste Erfolg, sagt er. «Und dass sie wirklich im Team angekommen sind.» Mit ihnen zusammenzuarbeiten, sei eine Freude: «Das sind richtig gute Leute, mit denen man etwas anfangen kann. Sie sind motiviert, fröhlich, positiv eingestellt.»

Dass die neue Ausbildung ein Erfolg ist, hat sich in der Branche herumgesprochen. Einige andere Unternehmen haben schon bei Planzer angeklopft und Fragen gestellt. «Das Interesse wurde geweckt», so Baer. Klar ist, dass im Sommer bei Planzer bereits die nächsten sechs Personen in die Integrationsvorlehre starten werden. Es ist also durchaus möglich, dass dann jemand anderes Yemane den Rang als «Ameisen-König» ablaufen wird. Zu kümmern scheint ihn das nicht: Flink lädt er Pakete aus einem Camion, stapelt sie sorgfältig auf einen Gabelstapler, springt dann wieder selber auf die «Ameise». Es ist bitterkalt in der Planzer-Halle. Aber Yemane strahlt.