Sonntagsgespräch
«Am Anfang sagten die Leute, das Limmatfeld sei viel zu urban und zu gross»

Mehr als 20 Jahre ist es her, seit sich Emil Soller von der Firma Rapid erstmals mit der Idee befasste, auf dem einstigen Firmenareal einen neuen Dietiker Stadtteil zu entwickeln: Das Limmatfeld

Bettina Hamilton-IRvine
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Emil Soller auf dem Rapidplatz im Limmatfeld, der zu Ehren der Firma Rapid benannt wurde, die früher hier ansässig war.BHI

Emil Soller auf dem Rapidplatz im Limmatfeld, der zu Ehren der Firma Rapid benannt wurde, die früher hier ansässig war.BHI

Herr Soller, darf man Sie als einen der Väter des Limmatfelds bezeichnen?

Emil Soller: Ja, das könnte man fast so sagen. Ich bin nun seit 30 Jahren bei Rapid dabei und habe die Firma als Geschäftsführer lange geleitet. Schon Anfang der 1990er-Jahren haben wir uns überlegt, das Areal neu zu nutzen und das Operative vom Land zu trennen. Ich habe also seit den frühen Anfängen mitgedacht.

Wenn wir beim Bild des Vaters bleiben wollen: Wann wurde das Kind geboren respektive wann wurde die Idee des neuen Stadtteils Limmatfeld erstmals konkreter?

Konkreter wurde es im Jahr 2000.

Vorher dauerte es fast zehn Jahre, bis die Idee herangereift war?

Das ist richtig. Im Jahr 2000 gab ich die Führung der Rapid Technic AG ab und wurde als Geschäftsführer der Immobilienfirmen voll für die Immobilienentwicklung zuständig. Damals begannen wir, Varianten zu studieren.

Welche Ideen standen zur Diskussion?

Wir zogen in Betracht, das Land Stück für Stück zur verkaufen oder einzelne Wohnblöcke und ein Shoppingcenter hinzustellen. Schliesslich beschlossen wir, dass wir keinen Patchwork-Teppich wollten, sondern etwas Schönes, Gesamthaftes.

Das klingt logisch.

Ja. Doch wir mussten bald feststellen: Wir können das alleine nicht. Wir haben gar nicht die Kompetenzen, um das Ganze zu entwickeln. So machten wir uns auf die Suche nach einem Entwickler.

Wieso entschieden Sie sich für Halter?

Balz Halter von der Firma Halter Unternehmungen hat bereits Zürich-West entwickelt. Auch dort startete man mit einem Industrieareal, für das man eine Städteplanung machen musste.

Ein vergleichbares Projekt.

Sehr vergleichbar. Er musste auch damals Investoren suchen, hat das Ganze mitentwickelt, begleitet und ausgeführt. Als wir diese Parallelität erkannt haben, wussten wir, er ist der Partner für uns. Im Jahr 2002 begannen wir, zusammen mit Halter das Limmatfeld zu entwickeln.

Wann wurde die Stadt involviert?

Das war ganz wesentlich: Wir haben sehr früh angefangen, mit der Stadt zu kommunizieren und ihre Ideen abgeholt. Wir wollten herauszufinden, ob sie sich eine solche Entwicklung vorstellen könnte.

Was war damals Ihre eigene Vision?

Im Jahr 2001 formulierten wir die Vision so: Entwickeln und Realisieren eines zukunftsgerichteten Stadtteils von Dietikon mit gemischter Nutzung von hochwertigem Wohnen und Arbeiten, verbunden mit der entsprechenden Versorgung und Infrastruktur.

Hat sich die Vision später verändert?

Nein, wir nahmen höchstens Kleinkorrekturen vor.

Zum Beispiel?

Das Land zwischen Limmatfeldstrasse und Limmat gehörte nicht uns. Es war schon seit Ende der 1980er-Jahren eine Brache. Als dort zufällig praktisch gleichzeitig Planungsarbeiten aufgenommen wurden, kam die Idee auf, dass man das Limmatfeld gleich bis zur Limmat planen könnte. Die Grundbesitzer reagierten zuerst kritisch. Als sie jedoch ihr eigenes Projekt einreichten, erklärte die Stadt, sie wolle ein Gesamtprojekt. Entweder ihr macht mit, oder wir bewilligen euch das nicht.

Die Stadt forderte die Gesamtplanung?

Ja. Darauf bestand sie.

War die Zusammenarbeit mit mehreren Grundeigentümern nicht anstrengend?

Nein, sie funktionierte hervorragend. Es war genau die richtige Entscheidung. Trotzdem war das Ganze natürlich sehr aufwendig. Die Erstellung des Gestaltungsplans war ein riesiges Projekt, an dem wir drei Jahre arbeiteten.

Was war die grösste Herausforderung?

Wir wurden mit so vielen Auflagen konfrontiert, dass ich manchmal dachte, wir schaffen es nie durch diesen Dschungel. Aber wir haben nicht locker gelassen und der Stadtrat hat den Prozess perfekt begleitet. Zudem strengten wir uns an, um möglichst früh den Gemeinderat und alle Parteien mit ins Boot zu holen. Wir informierten abendelang, auch bei den Nachbarn vom Altbergquartier.

Wie waren die ersten Reaktionen? Leute reagieren auf Megaprojekte ja zu Beginn meist eher kritisch.

Das ist richtig und das war auch so. Das sei ja Klein-Berlin, hiess es. Es sei viel zu urban, zu gross und zu dicht und würde das Altbergquartier erdrücken. Doch schliesslich haben die Altbergbewohner realisiert, dass die Nähe zum Stadtplatz, zu neuen Restaurants und Läden ihr Quartier aufwerten wird. Plötzlich waren die Leute ganz überzeugt von der Idee. Und im Gemeinderat stimmten von 30 Anwesenden schliesslich 29 Ja zum Gestaltungsplan, bei einer Enthaltung.

Sie fanden also breite Unterstützung.

Ein besseres Resultat hätte man gar nicht erreichen können.

Gab es keinen Widerstand?

Der Vogelschutz kritisierte, dass Vögel in das Hochhaus fliegen könnten. Nach Abklärungen wurde der Rekurs zurückgezogen. Sonst gab es keinen Widerstand.

Die Dimensionen des Projekts sind gewaltig. Auf den elf Baufeldern wird es Platz geben für bis zu 3000 Bewohner und 2000 Arbeitsplätze. Fiel zu Beginn nie das Wort Grössenwahnsinn?

Doch. Zehn Prozent der Bewohner Dietikons, das füllt ihr niemals, hiess es. So viele Leute kommen doch nie hierhin.

Sie selber hatten diesbezüglich keine Bedenken?

Nein, nie. Ich habe gesehen, was rund um die S-Bahnhöfe in Zürich geschieht. Da geht die Post ab. Ich wusste: Wenn wir hier eine kleine Stadt aufbauen können, die quasi selbstversorgend ist, mit Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Läden, dann wollen die Leute hier wohnen. Das ist hochattraktiv, denn so können sie unheimlich viel Zeit sparen.

Sie sagten 2005, sie wollten einen «Stadtteil, der in sich lebt». Der Leitspruch des Limmatfelds ist «Unsere kleine Stadt». Besteht nicht die Gefahr, dass die Bewohner wenig Grund haben, am restlichen Stadtleben teilzunehmen?

Könnte sein. Das war damals auch eine Angst der Stadt, dass wir eine Konkurrenz zum Stadtzentrum schaffen. Aber darum haben wir den Stadtplatz, der im Gegensatz zum verbauten Kirchplatz neue Möglichkeiten bietet. Man kann hier Events veranstalten, die auch etwas Platz benötigen. Es wird eine Identität geschaffen. Ich bin überzeugt, dass auch das Stadtzentrum profitieren wird. Es wird eine Durchmischung geben, auf beide Seiten. Auch die Bevölkerungsstruktur hier soll durchmischt sein.

Lesen Sie das ganze Interview im heutigen Sonntag