In der «Swiss Chinese Kung Fu School» in Urdorf herrschte eine besondere Atmosphäre. Am Wochenende war Shaolin-Mönch Shi Yan Ti zu Besuch, um Teilnehmern eines Workshops die chinesischen Trainingsmethoden näher zu bringen. Dazu gehörten nebst diversen Kung Fu- und Qi Gong-Techniken auch buddhistische Zeremonien. Mit einer solchen startete der Anlass dann auch.

Nach dem Anzünden von Weihrauchstäbchen faltete der 32-jährige Mönch die Hände zusammen, um den Buddha auf dem Altar zu begrüssen. Auf einen Holzfisch klopfend sang er einen Vers. Dann erklärte er das Gesungene. «Heute wird Vergangenheit sein. Vielleicht sind einige froh, dass wieder ein Tag vorbei ist», sagte der Mönch auf Englisch.

Doch man müsse sich auch bewusst sein, dass damit ein Tag des Lebens verloren geht. Die Botschaft sei, dazu aufzurufen, keine Zeit zu verschwenden und hart zu arbeiten. Dies passe perfekt zur Kampfkunst, die er praktizierte. Denn Kung Fu bedeutet wörtlich harte Arbeit. Und diese war nun von den Teilnehmern gefordert.

«Heute möchte ich euch die Methode ‹Die starke Faust› beibringen», sagte Shi Yan Ti. In China setze man dafür ein halbes Jahr ein. Hier stünden jedoch nur wenige Stunden zur Verfügung. Er lehre deshalb nur die Bewegungsabläufe, den philosophischen Hintergrund könne nicht vermittelt werden. Armbewegungen und Kicks zwischen Verteidigung und Angriff wurden Schritt für Schritt geübt. Die 27 Schüler, darunter sieben Frauen, kamen ins Schwitzen.

«Bei Shi Yan Ti sieht alles viel eleganter aus», fand der 17-jährige Marco Popp, der seit 10 Jahren Kung Fu lernt und das zweite Mal an einem Workshop mit dem Shaolin-Mönch teilnahm. Auch zum zweiten Mal dabei war Janine Schneebeli. Zwar sei das Training mit Shi Yan Ti immer sehr intensiv, doch bleibe der Meister trotz aller Strenge menschlich und humorvoll. «Ich besuchte zwei Mal das Shaolin-Kloster und konnte sehen, wie die Mönche den Kung Fu dort leben. Davor habe ich viel Respekt», so Schneebeli.

Meister Shi Yan Ti bei der Swiss Chinese Kung Fu School in Urdorf

Meister Shi Yan Ti bei der Swiss Chinese Kung Fu School in Urdorf

Impressionen vom Besuch des Shaolinmoenchs Meister Shi Yan Ti bei der Swiss Chinese Kungfu School in Urd

Sein Vater entschied für ihn

Das strenge Leben eines Shaolin-Mönchs habe er nicht freiwillig gewählt, sagte Shi Yan Ti, der mit bürgerlichem Namen Liu Xiao Tao heisst. Sein Vater wollte ursprünglich selber Shaolin-Mönch werden. Doch zur Zeit der Kulturrevolution war dies nicht möglich, weil Religion vom kommunistischen Staat verboten war.

Deshalb wurde der Vater nur Kung-Fu-Lehrer. Schon als Shi Yan Ti drei Jahre alt war, brachte ihm sein Vater die Kampfkunst bei. Als er 13-jährig und des Kung Fus müde war, zwang ihn der Vater, Shaolin-Mönch zu werden. Nach drei Monaten im Kloster begann ihm das Leben dort zu gefallen. «Durch die Gemeinschaft mit den anderen Mönchen erhielten das Kung Fu und der Buddhismus Sinn. Zusätzlich zur Ausbildung im Kloster studierte ich Philosophie und Buddhismus an der Nanjing Universität», sagte Shi Yan Ti.

Als Botschafter des Buddhismus und Kung Fus lernt er viele Menschen rund um den Globus kennen, darunter auch Prominente wie Jackie Chan oder Evander Holyfield. Gerade kürzlich drehte er in Los Angeles ein Lernvideo für Kung Fu. Auch auf Facebook ist er präsent.
Zu seinem Netzwerk zählt unter anderem Roger Müller, Leiter der «Swiss Chinese Kung Fu School».

Die beiden lernten sich vor vier Jahren im Shaolin-Tempel kennen. Seither organisiert Müller Workshops mit Shi Yan Ti. Er selbst reist seit 20 Jahren immer wieder ins Land des Lächelns. Seine seit 1995 bestehende Schule pflegt deshalb beste Beziehungen zum Shaolin-Kloster. «Der Besuch von Meister Shi Yan Ti ist ein wunderbarer Kulturaustausch. Er verbindet Tradition und Moderne auf eine gute, zeitgemässe Art, eben wie ein richtiger Shaolin-Mönch», so Müller.