Bergdietikon
Alterszentrum Hintermatt: Ein folgenschwerer Entscheid steht an

Bekommt Bergdietikon ein Alterszentrum oder nicht? Nach einem jahrelangen Streit geht es nun um alles oder nichts.

Bettina Hamilton-Irvine
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Ja oder Nein? So soll das geplante Alterszentrum aussehen, welches die Investorin Oase Holding im Weiler Kindhausen bauen wird.

Ja oder Nein? So soll das geplante Alterszentrum aussehen, welches die Investorin Oase Holding im Weiler Kindhausen bauen wird.

ZVG/Visualisierung

Schon seit Jahren beschäftigt die Planung der Pflegeplätze für Senioren die Gemeinde Bergdietikon – und das wird wohl auch in absehbarer Zeit noch so bleiben. Doch wie es weitergeht, das weiss man erst am kommenden Montag: Dann wird an der Gemeindeversammlung darüber entschieden, ob der Gemeinderat auf dem eingeschlagenen Weg weiterfahren kann oder ob er vor einem Scherbenhaufen steht.

Der Krimi um das geplante Alterszentrum Hintermatt begann schon Ende 2012, kurz nachdem der Gemeinderat erstmals seine Pläne für ein Pflegezentrum präsentierte, welches die private Investorin Oase Holding erstellen wollte. Nicht lange darauf regte sich erster Widerstand von Gegnern – mehrheitlich Anwohner, die das Projekt als überdimensioniert, unpassend und als «Altersgetto» kritisierten. Die nächsten Jahre waren von einem immer heftigeren Hin und Her zwischen Gemeinderat und Gegnern geprägt, die sich in einer Interessensgemeinschaft, der «IG für eine sinnvolle Seniorenresidenz», zusammenschlossen. Mehrmals wurde dabei auch der Kanton Aargau eingeschaltet, der im Frühling 2014 und Ende 2015 je eine Beschwerde gegen den Gemeinderat zurückwies. Im Februar 2015 aber gab der Kanton den Anwohnern Recht: Aufgrund einer Beschwerde hob er den Gestaltungsplan für das geplante Projekt auf. Dieses sei in der öffentlichen Zone nicht zulässig.

Konstruktive Gespräche

Anfang dieses Jahres dann schienen die Zeichen endlich auf Versöhnung zu stehen. Der Gemeinderat hatte alle beteiligten Parteien – die Investorin, Vertreter der Spitex und der Ortsparteien sowie der IG – zu einem Runden Tisch geladen, um gemeinsam einen neuen Weg zu finden. Der Gemeinderat sprach danach von «konstruktiven und zielführenden» Gesprächen, die in einem nächsten Treffen weitergeführt wurden. Im März dann präsentierte die Gemeinde ein überarbeitetes Projekt, das von allen Teilnehmern des runden Tisches unterstützt wird. Man habe diverse Kritikpunkte miteinbezogen und nun Volumen, Ausrichtung und Höhen der Gebäude angepasst. Neu soll das Pflegezentrum zudem nur noch drei Vollgeschosse aufweisen. Kaum verändert hatte sich mit 72 Pflegeplätzen und 48 Alterswohnungen das Angebot. Jedoch sind neu nur noch Mietwohnungen und keine Eigentumswohnungen vorgesehen. Diese hatte der Kanton als nicht zonenkonform kritisiert, da nicht sichergestellt werden könne, dass sie nur von Senioren genutzt werden. Dazu kommen zehn Altersmietwohnungen mit je einem Langzeitpflegeplatz – beispielsweise für Ehepaare, bei denen eine Person pflegebedürftig ist.

Doch bevor es mit dem neuen Projekt weitergehen kann, gibt es bereits wieder Opposition dagegen. Denn während ein Teil der früher in der IG organisierten Gegner sich mit dem neuen Projekt angefreundet hat und sich als Teil des runden Tisches dafür engagiert, gibt es nach wie vor einzelne Bergdietiker, die es bekämpfen. An vorderster Front Armin Sommer, über dessen Antrag die Gemeindeversammlung am Montag abstimmen wird.

«Dann haben wir nichts»

Sommer hatte an der «Gmeind» im Juni 2015 einen Überweisungsantrag gestellt, der mit 75 Ja- zu 61 Nein-Stimmen unterstützt wurde. Er wollte, dass der Vorvertrag mit der Investorin Oase Holding vom Dezember 2012 aufgelöst wird. Diesen schloss der Gemeinderat ab, nachdem die «Gmeind» im November 2012 den Verkauf der Parzelle im Weiler Kindhausen, wo das Alterszentrum zu stehen kommen soll, mit 132 zu 37 Stimmen genehmigt hatte. Am Montag muss die Gemeindeversammlung nun zuerst darüber abstimmen, ob der Beschluss von 2012 aufgehoben werden soll. Sagt sie dazu Nein, kann der Gemeinderat gemeinsam mit dem Runden Tisch das Projekt Alterszentrum weiter vorantreiben. Sagt sie Ja, muss nochmals über den Verkauf der Parzelle abgestimmt werden. Im Falle eines Nein müsste der Gemeinderat den Vertrag mit der Oase Holding auflösen.

Vor diesem Schritt warnt der Gemeinderat eindringlich. «Wenn das Alterszentrum Hintermatt nicht kommt, haben wir nichts», sagt Gemeinderat Ralf Doerig. «Die Verlierer sind dann die Bergdietiker Senioren.» Ganz anders sieht dies Armin Sommer. Den Vertrag aufzulösen, sei die einzige Möglichkeit für einen Neubeginn, sagt er. Seine Chancen, dass die Stimmbürger am Montag auf seiner Seite stehen werden, sieht er als intakt an: «Ich bin guten Mutes.» Die rechtliche Situation bezeichnet er als «haltlos»: Der Gemeinderat wende «faule Tricks» an, um das Projekt doch noch durchzuzwängen. Unterstützt wird Sommer von Urs Künzler, der das Alterszentrum ebenfalls bekämpft. Beide haben in den letzten Tagen in der Gemeinde separate Flugblätter in Umlauf gebracht, in der sie für den Antrag Sommer werben.

Wogen sollen sich glätten

Der Gemeinderat hat sich mittlerweile vom runden Tisch zurückgezogen, weil er sich nicht im Abstimmungskampf engagieren könne. «Wir wollen nun möglichst Ruhe in die Sache bringen, damit die Wogen sich wieder glätten», sagt Gemeinderat Urs Emch.

Was sonst noch auf dem Programm steht

Am meisten zu diskutieren wird am Montag an der Bergdietiker Gemeindeversammlung bestimmt der Antrag von Armin Sommer geben, den Vorvertrag für das Projekt Alterszentrum aufzulösen (siehe Haupttext). Daneben stehen noch eine ganze Reihe von anderen Traktanden zur Debatte: So werden die Stimmberechtigten über die Jahresrechnung sowie den Rechenschaftsbericht wie auch über eine Einbürgerung befinden. Traktandiert sind zudem die Kreditabrechnungen für die Planung und den Bau des Mehrzweckgebäudes Schule sowie weitere Kreditabrechnungen und Verpflichtungskredite für Sanierungen.

Am Donnerstag um 20 Uhr findet in der Aula der Schule eine Informationsveranstaltung zur Gemeindeversammlung statt. Die «Gmeind» selber beginnt am Montag um 20 Uhr auf dem Sportplatz.