Limmattal
Altersarmut: Vom Leben übers Ohr gehauen

Kurt Felber ist 68 Jahre alt und arm – arm an Geld und arm an sozialen Kontakten. Er wurde vom Leben übers Ohr gehauen.

Katja Landolt
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Trotz AHV und Pensionskasse: in der Schweiz kämpft jeder achte ältere Mensch mit finanziellen Problemen.azr

Trotz AHV und Pensionskasse: in der Schweiz kämpft jeder achte ältere Mensch mit finanziellen Problemen.azr

Ich hocke nicht auf Holzharassen, falls Sie das von einem Armen erwartet haben», sagt Kurt Felber (Name geändert) und schliesst die Haustür. Die Wohnung ist aufgeräumt, karg dekoriert. Wohnwand, Sofas, Esstisch, auf dem Balkon stehen Gartenmöbel. «Das habe ich mir alles in guten Zeiten angeschafft», sagt Felber und kocht Wasser auf. Er habe halt keine Kaffeemaschine, sagt er dann entschuldigend, nur Pulverkaffee.

Kurt Felbers Leben ist eins, das vom ersten Atemzug an nicht einfach ist. Als Säugling lassen ihn die Eltern alleine zu Hause liegen, schliessen die Tür ab. Kurt liegt brüllend vor Hunger in den dreckigen Windeln, bis sie wieder von der Arbeit zurückkommen. Mit einem offenen Rücken und völlig unterernährt landet er im Spital, wird dort ein halbes Jahr lang aufgepäppelt. Er kommt zu Pflegeeltern; strenggläubigen und liebenswerten Menschen. Anders zu heissen lässt ihn aber trotzig werden, aufmüpfig. Ständig muss er sich wegen seiner Geschichte auf alle Seiten verteidigen, sich wegen der vielen Umzüge immer wieder neu behaupten. Aus dem Klassenbesten wird ein Schlendrian, Kurt kapselt sich ab, zieht sich zurück. Mit 18 Jahren sieht Malerlehrling Kurt seine Mutter und seine Geschwister erstmals wieder. «Aber meine Mutter wollte mich nicht.»

Kurt wird ins Erziehungsheim gesteckt. Er haut ab, will zur Fremdenlegion. An der Grenze wird er geschnappt. Der Gemeindeschreiber seiner Heimatgemeinde hat Erbarmen, nimmt den jungen Mann auf. Später geht Kurt ins Welsche, findet seine erste Freundin. Kurz darauf wird sie schwanger. Die beiden drehen ein krummes Ding, werden verhaftet. Ein Jahr später ist die nächste Freundin schwanger. Kurt ist 21 Jahre alt.

Felber ist ein gepflegter Mann. Frisch rasiert, die Konturen seiner Frisur sind gestutzt. Einen Armen stellt man sich anders vor und seine 68 Jahre würde man ihm auch nicht geben. Das weiss er. «Aber davon kann ich mir nichts kaufen.» Er habe Mühe mit dem Altwerden, könne damit nichts anfangen. Früher war er das Kompaniekalb, wie er sagt. Überall mittendrin, überall gern gesehen. Heute will er seine Ruhe, jasst gern am Computer, löst Kreuzworträtsel, liest und hält seine Wohnung sauber. «Kontaktarme Phase», nennt er das. Nie würde er sich mit anderen Rentnern treffen wollen. «Ich kann das nicht, ich habe Hemmungen.» Hemmungen vor dem Kontakt, aber auch Hemmungen, dass jemand von seiner Situation Wind bekommen würde. Davon weiss niemand. Niemand.

Sein bester Freund ist sein jüngerer Bruder, der am anderen Ende der Welt wohnt. Eine Frau gibt es nicht mehr. Felber ist geschieden, die Ehe zerbrochen an seiner Untreue und seinem aufbrausenden Wesen, seine letzte Beziehung ging vor ein paar Wochen vor die Hunde. Mit einem seiner drei Kinder hat er noch Kontakt; der Zufall hat die beiden nach 17 Jahren Funkstille wieder zusammengeführt. Felber ist sogar Grossvater. Aber das reicht ihm nicht zum Leben. Älter als 70 Jahre will er nicht werden, auf keinen Fall. «Ich habe meine Lebensfreude verloren.»

Jahrzehntelang hat Felber als Chauffeur und Lagerist gearbeitet, hat gut verdient, aber seinen Körper geschlissen. Mit 60 Jahren wird er von seinem Arbeitgeber entlassen, zusammen mit 59 anderen. Er findet zwar nochmals eine Anstellung, muss sich aber seinen Lohn, AHV- und Pensionskassengelder vor Gericht von seinem Arbeitgeber erkämpfen. Auch ein zweiter Arbeitgeber haut ihn übers Ohr, Felber findet keinen Job mehr. Mit 64 Jahren lässt er sich frühpensionieren.

Und was ist ihm geblieben? Die Armut. Die Scheidung hat sein Erspartes gefressen, die AHV und das Pensionskassenguthaben geschmälert. Und dann ist da noch ein Kredit, den er mühsam abstottern muss. Kurt Felber ist arm, obwohl er nie gewütet hat, nie sein Geld fürs Amüsement verschleudert hat. Vor zwei Jahren hat er sogar aufgehört zu rauchen, nach 40 Jahren. So habe er sich das nicht vorgestellt, sagt Felber. Von seinen Einkünften aus AHV und Pensionskasse von insgesamt 3388 Franken bleiben nach allen Abzügen 363.80 Franken. Zu wenig, um zu leben, zu viel, um zu sterben. «Ein Bekannter hat mich gefragt, ob ich mit ihm für ein paar Wochen ins Ausland verreisen wolle. Aber mein Geld reicht noch nicht einmal für einen Ausflug auf den Üetliberg», sagt Felber und lacht. Ein zynisches Lachen.

Er lebe ständig unter Druck, das sei das Schlimmste. «Ich liege im Bett und hirne, wie ich das alles finanziell stemmen soll.» Kurt Felber würde gern wieder arbeiten; nicht den sozialen Kontakten wegen, sondern dem Geld, dem Gebrauchtwerden wegen. Er ist gezwungen, immer nur das Nötigste einzukaufen; meist Fast Food, Lasagne, Pizza, Pastetli, mal eine Bratwurst – und nie ohne Einkaufsliste, so hält er sich selber unter Kontrolle, kauft nicht zu viel. Wann er das letzte Mal auswärts gegessen hat, weiss er nicht mehr. «Manchmal träume ich von einem Teller Schnipo. Und einem Glas Roten.»

Kurt Felber redet lange und viel, nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht von seinen Fehlern, seinen Ängsten. Dafür entschuldigt er sich, als er seinen Besuch zur Tür begleitet. «Wissen Sie, der Einzige, mit dem ich sonst reden kann, ist mein Schatten.» Die Haustür fällt ins Schloss.