Armut
Altersarmut: Parkinson und Schulden bestimmen sein Leben

Franz Holliger (69) ist arm und krank – seine grosse Stütze ist Kater Muck. 1995 wurde bei Holliger die Nervenkrankheit Parkinson diagnostiziert. Seitdem ist das Leben nicht mehr wie es einmal war.

Katja Landolt
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Franz Holligers einziger Begleiter ist sein Kater Muck. (Symbolbild)

Franz Holligers einziger Begleiter ist sein Kater Muck. (Symbolbild)

Keystone

Kater Muck maunzt vor der Balkontür. Franz Holliger (Name geändert) steht auf, öffnet ihm die Tür. Der Kater mit den ausgefransten Ohren schleicht am Stubentisch vorbei und verschwindet in der Küche. Holliger lässt sich wieder auf seinen Stuhl sinken, das Gehen fällt ihm schwer. Er hat Parkinson. Die Krankheit tanzt in seinem Körper, spielt willkürlich mit Armen, Kopf, Händen. Unvermittelt, ununterbrochen. Als würde sie Holliger wie eine Marionette an den Fäden zappeln lassen.

Es ist das Jahr 1995, als bei Franz Holliger die heimtückische Krankheit diagnostiziert wird. Er ist damals 52 Jahre alt. Elf Jahre lang arbeitet er weiter als Kältetechniker, mit 63 geht es nicht mehr. Er hat Probleme mit dem Gehen, zittert. Holliger bekommt eine IV-Rente. «Man kommt sich plötzlich so unnütz vor», sagt er. Ob er gerne gearbeitet hat? Der hagere Mann, der sonst so leise spricht, wird plötzlich laut: «Ja, natürlich.»

Das mit den Schulden , das habe vor etwa zwei Jahren richtig angefangen: Franz Holliger mietet sich übers Wochenende ein Auto. Die Verleiherfirma bucht den Mietpreis von 400 Franken direkt vom Konto ab. «Damit war ich auf null. So hat das mit den Schulden angefangen», sagt Holliger.

Danach sei er über diese verflixte Null nicht mehr hinaus gekommen. Das Pensionskassengeld, das er sich bei der Pensionierung vollständig hat auszahlen lassen, ist auch weg. 150000 Franken, alles weg. «Ich habe auf grossem Fuss gelebt», sagt Holliger leise. Was ihm geblieben ist, ist die AHV: 2300 Franken pro Monat. Dazu kommen die Ergänzungsleistungen von 1016 Franken. Dass es einmal so weit kommen würde, damit hat Holliger nie gerechnet. «Ich habe immer gut verdient und nie aufs Geld achten müssen.» Doch auch, wenn er jeden Rappen zweimal umdrehen muss, sagt er: «Ich brauche gar nicht mehr Geld, zum Leben reicht es.»

Unabhängigkeit bleibt wichtig

Seine Unabhängigkeit ist Holliger wichtig, trotz Armut und Krankheit. Noch immer macht er im Haushalt alles selber; putzen, abwaschen, Wäsche machen. Nur das Hemdenglätten überlässt er seiner Glättifrau. Holliger kocht auch gern, Kotelett mit Pommes frites, Ghackets und Hörnli. Davon macht er jeweils gleich mehrere Portionen, friert diese ein. An vier Abenden pro Woche bezieht er das Znacht von der Spitex.

42 Jahre lang war Franz Holliger verheiratet. Bis 2007, als seine Frau an Krebs starb. Familie hat er keine mehr, die Ehe war kinderlos geblieben und vor zwei Wochen ist seine letzte Schwester verstorben. Wer ihm geblieben ist, ist Kater Muck. Und seine Freunde vom Stammtisch in der Dorfbeiz. Die trifft Holliger täglich, morgens zum Kaffee, nachmittags zur Stange. «Hier habe ich Freunde, die sich um mich kümmern», sagt er. «Sie sind meine grösste Stütze.» Diese Stammtischbesuche sind ihm heilig. «Das leiste ich mir», sagt er, das Geld spare er woanders ein. Doch auch diese Freunde wissen nichts von seiner Armut. Niemand weiss davon.

Den Wind und die Gischt im Gesicht, die Planken unter den Füssen. Das eigene Segelboot auf dem Zürichsee war Holligers liebster Ort. Ein 7-Meter-Schiff; jedes Wochenende war er damit unterwegs, zwölf Jahre lang. Aus Gesundheitsgründen musste er es verkaufen, auch finanziell ging es nicht mehr. 2000 Franken pro Jahr für den Standplatz, 2000 Franken fürs Einwassern und Auswassern. Das läppert sich.

Zum Baden an die Limmat

Heute geht Holliger gern spazieren, im Sommer radelt er manchmal zum Baden an die Limmat. Hobbys hat er sonst keine mehr, grössere Ausflüge oder gar Ferien liegen überhaupt nicht mehr drin. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch wegen der Parkinsonkrankheit. «Weiterleben ist meine einzige Lebensaufgabe», sagt er. Obwohl: Seit der Implantation eines Hirnschrittmachers gehe es ihm viel besser, die Zuckungen seien deutlich zurückgegangen. «Vor der Operation habe ich überhaupt nichts mehr tun können.»

Jetzt geniesse er das Leben. «Und wie.» Das Jahr 2012 werde aber hoffentlich besser. Das Vergangene hat es nicht gut mit ihm gemeint, sagt Holliger nachdenklich und erzählt von jenem schlimmen Wochenende: Mit Bauchschmerzen weist ihn der Arzt ins Spital ein. Dort platzt Holligers Aorta, die Hauptschlagader. Er wird notfallmässig operiert, kann gerade noch gerettet werden. «Das war wie ein zweiter Geburtstag», sagt Holliger und strahlt.

Kater Muck hockt wieder miauend vor der Balkontür. Diesmal will er raus. Holliger steht auf und öffnet die Tür erneut, schimpft den Kater liebevoll. Dieser springt aufs Balkongeländer und schaut durch die Vorhänge ins Innere. Holliger lacht und winkt ihm. «Muck wartet jedes Mal hinter der Tür, wenn ich nach Hause komme», sagt er. Und nachts käme er zum Einschlafen ins Bett. «Es ist schön zu wissen, dass noch ein Lebewesen für einen da ist.»