Jakob Gut, Landwirt und alt Gemeindepräsident von Birmensdorf, sitzt am Tisch in der Küche seines Bauernhofs, vor ihm ein Stapel mit Briefen und Karten mit Wünschen für eine baldige Genesung. Der 67-Jährige nimmt das oberste Couvert, holt die Karte heraus und sagt: «Diese zwei Frauen, die mir hier geschrieben haben, die kennen mich nur von den Gemeindeversammlungen.»

Der zweite Brief auf dem Stapel? Handschriftliche Genesungswünsche von Hans Hollenstein, Sicherheitsdirektor des Kantons Zürich, mit dem Gut wegen des Waffenplatzes einige Male zusammentraf. Für all diese Schreiben, für diese grosse Anteilnahme, die er nach seinem Leitersturz habe erfahren dürfen, wolle er sich bedanken, sagt Gut, das sei überwältigend gewesen, er habe sich ausserordentlich gefreut.

Der Sturz beim Kirschenernten

Der Leitersturz. Es war der 10.Juli dieses Jahres, ein Samstag im Hochsommer. Jakob Gut hatte tagsüber noch Cheminéeholz ausgeliefert, das weiss er noch – aber dann: nichts mehr, ein dunkles Loch im Gedächtnis: «Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.» Was er über den Unfall wisse, hätten ihm sein Sohn, der ihn glücklicherweise schnell nach dem Sturz gefunden hatte, und die Ärzte erzählt.

Es muss um ca. 16.30 Uhr an jenem Tag gewesen sein, als Gut, wie schon viele Male zuvor, eine Leiter bestiegen hatte, um an den Bäumen, wenige Schritte von seinem Wohnhaus auf dem Hafnerberg entfernt, Kirschen zu ernten. Auf einer Höhe von gegen sechs Metern muss die Leiter ins Kippen geraten sein; Gut stürzte kopfüber zu Boden und war sofort bewusstlos. In der Polizeimeldung, die tags darauf verbreitet wurde, war von schweren Verletzungen zu lesen.

Gut wachte zwei Tage später aus dem Koma auf – auf der Intensivstation des Universitätsspitals in Zürich. «Ich musste mich zuerst orientieren, wo ich bin, und ich wurde informiert, was sich zugetragen hatte», so Gut. Beim Sturz war ihm die obere linke Körperhälfte eingedrückt worden. Neun Rippen, die Schulter und die Lunge waren in Mitleidenschaft gezogen worden. Keine Schäden habe das Hirn davongetragen, hält er fest und fügt mit einem Schmunzeln an: «Gescheiter geworden bin ich aber auch nicht.»

Der lange Weg zurück

Der Alt-Gemeindepräsident verspürte starke Schmerzen, die in der Folge mit Medikamenten gedämpft wurden. Von einer Operation sahen die behandelnden Ärzte aber ab – was gebrochen war, sollte auf natürliche Weise zusammenwachsen. Nach fünf Tagen auf der Intensivstation wurde er ins Spital Limmattal verlegt. Während der zehn Tage im «Limmi» sei er sehr gut betreut worden, hält Gut fest, medizinisch, pflegerisch und auch, was das Essen anbelange.

Allerdings seien diese Tage für ihn, der es sich zeit seines Lebens gewohnt war anzupacken und sich selbst nicht zu schonen, keine einfache gewesen, erzählt er. «Man liegt im Spitalbett und denkt, man könne bereits wieder Bäume ausreissen», so Gut. «Ein trügerisches Gefühl: Als ich versuchte, von meinem Stockwerk, dem fünften, mit der Treppe eine Etage höher zu kommen, war ich schon nach wenigen Schritten kaputt.»

Zur Rehabilitation ging es für Gut anschliessend einen Monat nach Bad Zurzach. Eine wichtige Zeit, während der Gut durch die verschiedenen Therapien nach und nach Fortschritte im Bewegungsablauf und in der Ausdauer erzielen konnte.

Bei 60 bis 70 Prozent

Danach, die ersten Schritte zurück zu Hause, in der vertrauten Umgebung – «ein sehr gutes Gefühl», so Gut. Seine Frau sei ihm beim allmählichen Zurechtfinden im Alltag eine unglaublich grosse Hilfe gewesen, ebenso sein Sohn und seine Schwiegertochter beim Weiterführen des Betriebs. Er habe lernen müssen, geduldig zu sein und nichts zu überstürzen, kleine Fortschritte im Wochen-, wenn nicht im Monatsrhythmus zu verstehen und zu schätzen. «Ich bin jetzt bei 60 bis 70Prozent meiner früheren Leistungsfähigkeit», schätzt er. Er hoffe, 100Prozent in den ersten Monaten des neuen Jahres zu erreichen.

Seit Anfang November braucht Gut keine Schmerzmittel mehr, und bereits ist er auch wieder einige Tritte auf eine Leiter hinaufgestiegen, «aber wirklich nur zwei, drei Tritte», wie er sagt. Berührungsängste habe er jedoch keine: «Ich werde in diesem Winter sicher wieder richtig auf eine Leiter steigen, wenn es ums Astschneiden geht.» Den Sturz sieht er mit der nötigen Pragmatik: Es gebe Leute, die etwas das erste Mal machten und sich dabei überschätzten, und es gebe Leute, die etwas schon seit mehr als 40Jahren täten, und mögliche Gefahren deshalb unterschätzten. Er werde künftig noch mehr auf eine gute Standfestigkeit der Leiter achten, wenn er hoch hinaus wolle.

«Ein grundsolider Mensch»

Was er Positives aus dem Unfall und den letzten Monaten mitgenommen habe? Das eine sei, meint Gut, die Unterstützung, die er von der Familie, aber auch von vielen anderen Menschen gespürt habe, der Zuspruch, den er erhalten habe. Und das andere? «Ich bin», und er muss lachen, als er es sagt, «ein grundsolider Mensch geworden. Ich habe mich gut ernährt, ich habe wenig Alkohol getrunken, und ich habe nicht weniger als 15Kilogramm abgenommen.» Ob er das in den kommenden Monaten und Jahren weiterziehen könne, sei jedoch offen. Und er fügt an: Die andere wichtige Frage in diesem Zusammenhang sei doch, ob ein solches Leben für ihn erstrebenswert sei. Seine Antwort: ein süffisantes Schmunzeln.