Dietikon

«Alt, alleinerziehend und Ausländerin» — aber sie bekam nochmals eine Chance auf dem Arbeitsmarkt

«Einfach anpacken»: Das ist das Motto von Rosilene Hagnauer. Seit sechs Jahren arbeitet sie bei Etcetera im Limmattal.

«Einfach anpacken»: Das ist das Motto von Rosilene Hagnauer. Seit sechs Jahren arbeitet sie bei Etcetera im Limmattal.

Durch die Arbeitsvermittlung Etcetera in Dietikon erhielt Rosilene Hagnauer nochmals eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Vor sechs Jahren sah ihr Leben aber alles andere als rosig aus: «Ich war alt, alleinerziehend und Ausländerin», sagt die gebürtige Brasilianerin.

Wenn Rosilene Hagnauer spricht, erscheint bald ein Lächeln auf ihrem Gesicht. «Heute geht es mir gut, morgen besser», sagt die Dietikerin. Vor sechs Jahren sah ihr Leben aber alles andere als rosig aus: «Ich war alt, alleinerziehend und Ausländerin», sagt die gebürtige Brasilianerin. Diese Voraussetzungen hätten dazu geführt, dass sie Dutzende Bewerbungen verschickt habe, aber trotzdem keine Stelle bekommen hat. «Doch ich musste arbeiten, für mich und meinen Sohn», sagt die 57-Jährige.

Für Menschen wie Hagnauer bietet die soziale Arbeitsvermittlungsstelle Etcetera in Dietikon seit 20 Jahren Unterstützung. Das Non-Profit-Angebot des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) Zürich vermittelt zwischen Arbeitssuchenden und Privatpersonen, die Hilfe im und ums Haus brauchen. Dabei kommen ganz verschiedene Leute zusammen: «Wir haben Anfragen von Angestellten, die 30 Jahre einen Topjob bei einer Bank hatten bis zu anerkannten Flüchtlingen», sagt Marco Abrecht. Er führt vier Etcetera-Standorte im Kanton Zürich.
Hagnauer, die von allen nur Rosi oder Leni gerufen wird, hörte über eine Kollegin vom Angebot. «Etcetera wickelt alles korrekt ab und bezahlt gut», sagt sie. Dies ist keine Selbstverständlichkeit im Bereich der Reinigung. Diese Unternehmen sind einem starken Konkurrenzkampf ausgesetzt und drücken oft auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der Angestellten.

Alle brauchen Anerkennung

Bei Etcetera zahlen die Kunden einen Stundenlohn, der über dem Mindestlohn liegt, sowie die Versicherungen ihrer Angestellten. Die Verwaltungskosten von Etcetera werden vom Sozialdienst Limmattal übernommen. So ergibt sich eine Win-win-Situation, da die Gemeinden einerseits weniger Sozialhilfe bezahlen müssen und die Betroffenen andererseits einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen können. Dabei geht es Etcetera nicht nur darum, Kosten zu sparen im Sozialbereich: «Alle wollen für ihre Arbeit Anerkennung erhalten. Sie wollen für etwas gebraucht werden», sagt Abrecht. Durch die Arbeit sollen die Leute wieder eine Beschäftigung, einen Sinn in ihrem Leben erhalten.

Sowie beispielsweise der Butler, dem nach Jahrzehnten Arbeitserfahrung gekündet wurde. Er arbeitet jetzt als Mädchen für alles in den Haushalten von älteren Leuten. Dort ist er ein gern gesehener Gast. «Die älteren Damen fragen immer wieder, ob wir ihn schicken können», sagt Abrecht. Nebst Anfragen für Putzkräfte erhält Etcetera auch spezielle Arbeitsaufträge. Einmal sollten sie etwa einen Weihnachtsbaum kaufen und schmücken. Kostenpunkt 600 Franken. «Heute Nachmittag geht eine Kollegin zu einem Kunden, um Bilder aufzuhängen», sagt Hagnauer. Sie hat ebenfalls noch zwei Aufträge zu erledigen. Obwohl sie nur im 30-Prozent-Pensum angestellt ist, verbringt sie jeden Tag einige Stunden mit Putzen. Sie gehört zu den Wenigen, die ein Auto zur Verfügung haben. Das erleichtert ihr die Distanzen im Limmattal erheblich. Denn bei ihren Einsätzen richtet sie sich hauptsächlich nach dem Terminplan der Kunden.

Rosilene Hagnauer

Rosilene Hagnauer

Fäkalverschmierte Wohnungen

Doch nicht nur die unregelmässigen Arbeitszeiten und die Distanzen im Bezirk sind eine Herausforderung für die Angestellten. Auch die Kunden können eine Herausforderung sein: Hagnauer traf bereits auf fäkalverschmierte Wohnungen und depressive oder wütende Hausbesitzer. Glücklicherweise mache das ihrer frohen Natur nicht viel aus. «Ich stehe jeden Morgen auf und bin dankbar, dass ich arbeiten kann», sagt sie.
Da die Arbeit sie auch körperlich fordert, hält sie sich viermal in der Woche mit Aerobic fit. Zudem lese sie immer wieder Bücher über ergonomisches Arbeiten. «Später möchte ich in Deutschland einen Sprachkurs absolvieren», sagt sie. Doch erst müsse sie mehr Geld verdienen.

Die Freude am Leben steckt ihre Kundinnen an. Eine Frau kaufe ihr beispielsweise extra Mineralwasser. Einem Senior mit depressiven Verstimmungen mache sie jeweils als erstes eine Tasse Kaffee und sage dann: «Kommen Sie, jetzt gibt es ein wenig Bewegung.» Dabei motiviere sie ihn, ein paar Schritte zu laufen. Für Hagnauer scheint diese Zusatzaufgabe nicht speziell zu sein. «Heute hat es meinen Klienten getroffen, morgen trifft es vielleicht mich», sagt sie.

Probleme kenne sie selbst zur Genüge: Der grösste Teil ihrer Familie wohnt in Brasilien. Ihre Sorgen nehme sie jedoch nicht mit zur Arbeit. Denn da gilt bei ihr das Motto: «Einfach anpacken». Bereits mit zwölf Jahren habe Hagnauer arbeiten müssen. «Arbeiten ist Leben», sagt sie. Es gehöre einfach dazu und sie sei froh, dass sie es hier tun könne.

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