Thomas-Mann-Gesellschaft
Als wär der Dichter nur kurz weggegangen

Katrin Bedenig kommt seit Jahren an ihren Arbeitsplatz im 1956 gegründeten Thomas-Mann-Archiv. Ihr Blick fällt täglich auf Manns pompösen Schreibtisch, auf dem seine Utensilien liegen. Sie hat sich ein Leben lang mit ihm beschäftigt.

Gabriele Spiller
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Katrin Bedenig kommt seit 17 Jahren an ihren Arbeitsplatz im ebenfalls 1956 gegründeten Thomas-Mann-Archiv. Ihr Blick fällt täglich auf Manns pompösen Mahagoni-Schreibtisch, auf dem seine Utensilien liegen, als ob er nur kurz weggegangen wäre: Die lederne Schreibmappe mit den Initialen «T.M.», seine leicht gleitenden Federn in den Alabaster-Haltern. Das schwere Stück Elefantenzahn als Briefbeschwerer, ein Geschenk der Dienstmädchen. Ein siamesischer Buddha, sein «schöner Siam-Krieger», steht zwischen zwei Messing-Kerzenständern, mit denen er Schillers Schreibtisch imitieren wollte. Die Buddenbrooks und den Zauberberg las Bedenig schon in der Schule. Heute ist die Vierundvierzigjährige, die auch über Mann promoviert hat, Präsidentin der Thomas-Mann-Gesellschaft Zürich. Der Verein wurde am ersten Todestag Manns ins Leben gerufen; sein Freund Hermann Hesse gehörte zum Gründungskomitee.

Mehr Schulklassen erwünscht

Die Gesellschaft hat rund 350 Mitglieder aus vielen Ländern. «Freunde in aller Welt zu haben, entspricht dem kosmopolitischen Denken Thomas Manns, es spiegelt auch seine grenzübergreifende Rezeption wieder», sagt Bedenig. Es gebe eine Thomas-Mann-Generation, die der Gesellschaft treu verbunden sei. Sie wünscht sich aber auch jüngere Mitglieder. Ein Ziel der neuen Präsidentin ist, den Kreis über Lesungen und Workshops sanft zu erweitern. Der Internetauftritt, der auch Manns engen Bezug zur Schweiz vorstellt, wurde bereits aufgefrischt.

Immer mehr im Online

Denn die Nutzung des Archivs verlagert sich immer mehr in den Online-Bereich. Anfragen werden nach Möglichkeit per E-Mail beantwortet, Besuche nehmen tendenziell ab. Neben den Forschern und Studenten aus dem In- und Ausland könnten deshalb noch mehr Schulklassen das Thomas-Mann-Archiv besuchen, meint die Mutter zweier Kinder. Im geschichtsträchtigen Haus mit dem malerischen Garten und dem herrlichen Blick über die Altstadt finden sich Anknüpfungspunkte zum Deutsch-, Kunst- und Geschichtsunterricht. Als Einstiegslektüre empfiehlt sie die «Buddenbrooks» oder Erzählungen, zum Beispiel Mario und der Zauberer. Aber vor allem die Vermittlung des politischen Thomas Mann liegt der Schweizerin mit österreichischen Wurzeln und deutschem Ehemann am Herzen.

Vom Nobelpreis bis zur Totenmaske

«Man kann von Thomas Mann konkret lernen zu sagen, ich habe mich geirrt», erklärt Bedenig. Er habe zugegeben, im 1. Weltkrieg ideologisch auf der falschen Seite gestanden zu haben, habe sich weiter entwickelt und Konsequenzen daraus gezogen. Auch ihr Bild des grossen Schriftstellers hat sich aufgrund des Studiums der Briefe und Tagebücher, die im Archiv zur Verfügung stehen, gewandelt. Sie lädt jeden Interessierten dazu ein, in der Präsenzbibliothek, die nicht nur Handschriften und Sekundärliteratur, sondern auch Manns persönliche Bücher mit seinen Anstreichungen und Notizen umfasst, zu schmökern.

Viele der Kostbarkeiten im Thomas-Mann-Archiv haben Referenzen zu seinem Werk. Das ovale Miniaturporträt des florentinischen Priesters Savonarola verweist auf sein Drama Fiorenza. Die Leselupe mit dem Aufdruck «Grand Hotel Dolder» erinnert an seine schwärmerische Liebe zu einem Kellner des Hotels, den er aus den Augen verlor – das Vorbild für Felix Krull. Sogar die im «Zauberberg» erwähnte Schildpatt-Schnupftabakdose, die er von seinem Vater geerbt und nie benutzt hat, liegt noch auf dem Schreibtisch. Seine «Sächlein», wie er die Objekte selbst liebevoll nannte, laden zur Beschäftigung mit Thomas Mann ein, der Zürich ein unschätzbares kulturelles Erbe hinterlassen hat.