Uitikon
Als Uitikon unbedingt zu Zürich gehören wollte — ein Blick zurück

Mit den Eingemeindungen von 1893 und 1934 wurde Zürich zur Grossstadt. Dass auch Uitikon einverleibt werden wollte, ist heute nur wenig bekannt. Im Weihnachtskurier wirft Historikerin Sonja Furger ­daher einen Blick zurück.

Alex Rudolf
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Als Uitikon

Als Uitikon

CH Media

Als die Stimmberechtigten des Kantons vor 89 Jahren an die Urne schritten, um über die künftigen Stadtgrenzen von Zürich zu befinden, wäre es beinahe auch um jene Uitikons gegangen. Viel fehlte nicht und die Gemeinde wäre zu den acht Dörfern gestossen, die sich beim Stimmvolk für eine Fusion mit Zürich bewarben. Die Historikerin Sonja Furger geht im diesjährigen Weihnachtskurier, der an die Haushalte der Gemeinde verteilt wurde, dieser Geschichte auf den Grund.

Zahlreiche Gemeinden der Zürcher Agglomeration waren vor der ersten Eingemeindung 1893 am Rande des finanziellen Ruins. Wegen der Landflucht nahm die Bevölkerung rasant zu, weswegen grosse Investitionen in Infrastrukturen wie Schulhäuser und Strassen getätigt werden mussten. Das Geld dazu fehlte jedoch, da die solventen Einwohner und Unternehmen in der Stadt wirtschafteten und Steuern zahlten. Die völlig unbestrittene erste Eingemeindung schuf Aussersihl, Enge, Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen zwar Abhilfe, aber das Problem verlagerte sich. Bald lancierten Vertreter der neuen Vorortsgemeinden eine Initiative, nach der eine zweite Eingemeindung an die Urne kommen sollte. Neben Affoltern, Albisrieden, Altstetten, Höngg, Kilchberg, Oberengstringen, Oerlikon, Seebach, Schlieren und Schwamendingen bewarben sich auch Witikon und Zollikon.

Die Namen von Steuerschuldnern wurden laut vorgelesen

Uitikon war damals nicht wie heute finanziell auf Rosen gebettet. Am Rande sei erwähnt, dass man die Steuereinnahmen auf unkonventionelle Weise in die Höhe treiben wollte. So wurden etwa die Namen säumiger Steuerschuldner vor der jährlichen Budgetversammlung verlesen, um so die Zahlungsmoral zu heben, schreibt Furger. Dennoch befasste sich der Uitiker Gemeinderat mit der Frage, ob man sich Zürich anschliessen wolle, und wog Vor- und Nachteile ab. Wie Furger schreibt, seien die konkreten Überlegungen der Exekutive zwar nicht überliefert, doch habe wohl grosse Skepsis geherrscht. Der Wind drehte Ende Oktober 1925. Damals warb ein Mitglied des Initiativkomitees an einer Versammlung der Mittwochsgesellschaft für das Anliegen. Die Begeisterung bei den Anwesenden war gross, was dazu führte, dass die Mittwochsgesellschaft einstimmig beschloss, eine Eingemeindung Uitikons zu forcieren. Eine Kommission mit fünf Mitgliedern aller Parteien und Ortsteile wurde gewählt und sammelte fortan Unterschriften für den Einbezug der Gemeinde.

Bereits Mitte Dezember desselben Jahres hatten zwei Vertreter Uitikons die Gelegenheit, bei den Initianten vorstellig zu werden. Diese liessen sich jedoch nicht davon überzeugen, zu einem so späten Zeitpunkt noch weitere Gemeinden in die Vorlage zu integrieren. Mit den später eingereichten Gesuchen aus Witikon und Oberengstringen wurde der Kreis der Eingemeindungswilligen bereits einmal erweitert. Zwar wurde den Uitikern nahegelegt, sich an den Kantonsrat zu wenden, und es zirkulierten an der nächsten Versammlung der Mittwochsgesellschaft erneut Unterschriftenbögen. «Trotz der Einhelligkeit sind in der Folge keine weiteren Schritte aktenkundig, die den Fusionswunsch in irgendeiner Weise befördert hätten», schreibt Furger.

Heute ist das Gebiet rund um den Bahnhof Waldegg dicht bebaut.

Heute ist das Gebiet rund um den Bahnhof Waldegg dicht bebaut.

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Der Abstimmungskampf war sehr emotional geführt worden. Einige kritisierten den Verlust der Gemeindeautonomie, andere befürchteten, Gross-Zürich werde zu mächtig, da bei einem Ja 55 Prozent der Einwohner des Kantons in einer der beiden Grossstädte Zürich und Winterthur gelebt hätten. Mit knapp 75000 zu 60000 Stimmen wurde die Vorlage an der Urne schliesslich abgelehnt. In Uitikon fand die Gross-Fusion mit 61 zu 55 Stimmen jedoch eine knappe Mehrheit.

Die finanzielle Misere der kleinen Vorortsgemeinden war damit nicht behoben. Rund ein halbes Jahr später wurde an der Urne über eine alternative Massnahme zur Milderung der Geldprobleme befunden: Der Finanzausgleich sollte es richten und auch die Gemeinden berücksichtigen, die nicht an die Stadt Zürich grenzten. Doch auch dieser erhielt vom Volk eine Abfuhr. Eine Kombination beider Vorlagen, ein Finanzausgleich und eine kleinere Eingemeindung, fanden 1931 schliesslich eine deutliche Mehrheit. 1934 wurde die zweite Eingemeindung offiziell und Zürich erhielt seine Stadtgrenzen, die es noch heute aufweist.

Ein neuartiges Problem für die Uitiker Behörden

Warum stand Uitikon einer Fusion damals so positiv gegenüber? Furger schreibt, dass aus dieser Zeit nur wenige Dokumente im Gemeindearchiv Uitikon und Stadtarchiv Zürich zu finden sind, in denen der Diskurs dargestellt werde. Die damaligen Behörden waren im Vorfeld zur Abstimmung aber mit einem neuartigen Problem konfrontiert. So mussten raumplanerische Instrumente entwickelt und die örtliche Infrastruktur ausgebaut werden, da Landhandel im Gebiet Neuhaus/Waldegg den Weg für eine grosse Bautätigkeit ebnete. «Die erfolgreiche Bewältigung dieser Aufgaben mit tatkräftiger Unterstützung seitens Stadtzürcher Behörden und Amtsstellen mag dazu beigetragen haben, dass man in Uitikon die Stadterweiterung befürwortete», heisst es im Kurier.

Dass Zürich insbesondere im Bereich Planung nicht an der Stadtgrenze endet, wurde bereits rund zwei Jahrzehnte vor der zweiten Eingemeindung klar. Der damalige Zürcher Bauvorstand Emil Klöti (SP) richtete 1915 angesichts des Wachstums der Stadt einen Planwettbewerb aus, in dem analog zum Beispiel Gross-Berlin eine interdisziplinäre, weit über die Kernstadt hinausreichende Raumplanung entwickelt werden sollte. Gemeinsam mit 21 weiteren Gemeinden war Uitikon Teil des Wettbewerbsgebiets. Bis 1918 wurden 31 Vorschläge eingereicht, aus denen sich eine ziemlich einheitliche Forderung ablesen liess, schreibt Furger. Von der weitgehend unregulierten Baupraxis soll abgewichen und die Bereiche Wohnen und Arbeiten sollen klar getrennt werden. «Nicht mehr in dicht gedrängten Mietskasernen, sondern in möglichst ländlich überschaubaren Trabantenstädten sollen die Menschen wohnen», fasst Furger zusammen.

Der Leiter des 1919 gegründeten Bebauungsplanbüros der Stadt Zürich, Konrad Hippenmeier – er war einer der Sieger des Planwettbewerbs Gross-Zürich –, arbeitete auf Geheiss von Klöti zwischen 1924 und 1927 an einem Konzept für Uitikon und Ringlikon. Dort sei man aber nicht vom Ergebnis begeistert gewesen. Der Uitiker Gemeinderat habe Monate verstreichen lassen, so Furger, bis er sich Anfang 1928 für den Erhalt der Pläne bedankte. Zwischenzeitlich hatte die Bautätigkeit in der Gemeinde nämlich eingesetzt und der Erlass von kommunalen Bauvorschriften geriet in den Hintergrund. Es sollte bis 1936 dauern, bis unter Federführung des Uitiker Gemeinderats Alfred Fritz eine Bauordnung ausgearbeitet und in Kraft gesetzt wurde.