Turnfest Weiningen
«Als junger Sportler hing ich am liebsten an den Ringen»

Vor 55 Jahren war Ernst Haug Präsident des Turnvereins Weiningen. Dann zog es den heute 82-Jährigen nach Kalifornien. Für das 100-Jahr-Jubiläum seines Vereins und das Turnfest kehrt er in seine ursprüngliche Heimat zurück.

Anja Mosbeck
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Ernst Haug trieb die Liebe in die USA – zum Turnfest kehrt er nach Weiningen zurück.

Ernst Haug trieb die Liebe in die USA – zum Turnfest kehrt er nach Weiningen zurück.

Sandra Ardizzone

Gestern Amerika und heute Weiningen – «für mich ist das jedes Mal fast eine kleine Weltreise», sagt Ernst Haug. Er lehnt sich in die Stuhllehne des Hotelsessels zurück und schmunzelt. Der 82-Jährige ist glücklich, wenn er «Winiger» Boden unter den Füssen hat, wie er sagt. Deshalb nimmt er gerne auf sich, zehn Stunden lang im Flugzeug zu sitzen und auf dem Weg von Pasadena Kalifornien nach Europa den Atlantik zu überqueren. Denn die Reise bedeutet für Haug vor allem: Vorfreude auf sein Zuhause.

Salto verlieh Nervenkitzel

«Heuer war ich besonders aufgeregt, nach Weiningen zu kommen», gesteht Haug. Denn er werde nicht nur seine Familie wiedersehen und altbekannte Gesichter in Weiningen antreffen. Das 100-jährige Bestehen des Turnvereins Weiningen (TVW) ermögliche ihm, in seine Vergangenheit als Turner einzutauchen. Denn wie es die Turner und Turnerinnen noch heute tun, schwang sich auch Haug vor knapp 60 Jahren akrobatisch in die Lüfte.

Mit 18 Jahren entdeckte der heute älteste Ex-Präsident des Turnvereins seine Leidenschaft zum Sport. «Der Turnverein war damals in den 1950ern der einzige Verein in Weiningen. So schloss ich mich ihm an», sagt er. Haug: «Ich hing am liebsten an den Ringen.» Aber auch für Reck und Barren konnte er sich begeistern: «Salto verlieh mir ein Nervenkitzel.» In die vorderen Ränge schaffte er es zwar bei Wettkämpfen nie. Dafür hatte er Spass an der Sache.

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Bereits mit 23 Jahren wurde er Vereinspräsident. Während seiner vier Amtsjahre gründete Haug die Damen- und Meitliriege. Der Turnverein sei damals ein Männersport gewesen. «Als sechs junge Frauen den Vorschlag brachten, eine Damen- und Meitliriege zu gründen, war ich zuerst skeptisch», sagt er. Doch Haug liess sich überzeugen.

«Sie hatte mehr Mut als ich»

Auf ähnliche Weise liess er sich vor 55 Jahren von seiner Frau überzeugen, mit den drei gemeinsamen Söhnen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten – in die USA – auszuwandern. Ihre Zielstrebigkeit habe er schon immer bewundert: «Sie hatte einfach den Mut, Dinge in die Tat umzusetzen», sagt er.

Denn als junger Mann habe er sich nicht im Traum überlegt, Weiningen zu verlassen. «Für mich war klar, dass ich bleibe, wo ich aufgewachsen bin», sagt er. Seine Frau änderte diese Einstellung. Ihre italienischen Wurzeln mit dem entsprechenden Temperament lockten Haug aus seinem Schneckenloch heraus. «So war ich der Erste im Dorf, der eine Ausländerin heiratete – für damalige Zeit aussergewöhnlich», sagt er. Sieben Jahre später wanderten die beiden aus.

Bei diesem Schritt unterstützte das junge Paar ein Freund, der mit Haug zusammen im Verein turnte. Dieser war bereits nach Kanada ausgewandert. «Wer in Kanada ein Visum anforderte, musste ein Jahr weniger warten, um in die USA zu gelangen», sagt Haug. Nach zwei Jahren in Kanada war es so weit. Die Familie konnte endlich in die USA einreisen. Dort komplettierte ein vierter Sohn die Familie.

Nach nun fast 60 Jahren in Kalifornien hat Haug neben Weiningen eine weitere Heimat dazugewonnen. «In Amerika fühle ich mich als Amerikaner, in der Schweiz als Schweizer», sagt er. Nur die Zeit als Turner habe er in der Schweiz zurückgelassen. In den USA sei er zwar Mitglied im «Swiss Athletic Club», dort stehe aber der Schiesssport im Vordergrund.

«Wenn ich Turnwettkämpfe verfolgen will, dann geht das nur am Fernseher», sagt er. In den USA sei die hiesige Vereinskultur wenig verbreitet. Sportliche Aktivitäten würden an den Universitäten gefördert, danach werde man zum Hobbysportler.

Nostalgisches Schwelgen

Darum freut sich Haug, die Turner am nun startenden Turnfest hautnah erleben zu können. Zum nostalgischen Schwelgen gehöre aber nicht nur der Sport. «Ich bin gern unter Leuten und lerne am Fest sicherlich viele neue Gesichter kennen», sagt er. Doch er freut sich auch auf seine alten Kameraden, um Neues aus dem Dorf seiner Jugend zu erfahren.