Eng ist es, und feucht und dunkel. Von Ferne ist das Donnern der Kanonen zu hören. An den Schiessscharten sitzen Männer mit Maschinengewehren und Handgranaten. Andere ruhen aus auf harten Pritschen. Für Frischluft wird gekurbelt und für die Notdurft steht eine Kiste mit Sägemehl bereit. Gemütlichkeit stellt man sich anders vor. Aber so etwa muss das Leben für die Soldaten gewesen sein, die in den ersten Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges in den Bunkern den Auftrag hatten, die Festung Dietikon gegen die deutsche Wehrmacht zu verteidigen.

Eine stattliche Gruppe älterer Herren ist der Einladung der reformierten Kirche Dietikon und des katholischen Seelsorgeraums Dietikon-Schlieren gefolgt. Sie begeben sich im Rahmen der Gruppe «Manne 50+» auf eine Zeitreise zurück ins Jahr 1939. Damals zählte Dietikon 6000 Einwohner und musste ebenso viele Soldaten beherbergen.

Hitler hatte Polen überfallen und General Guisan befahl die Mobilmachung. Auf seine Anweisung hin entstand eine Abwehrlinie von Sargans über die Linthebene, entlang dem Zürichsee und durchs Limmattal bis nach Basel. Dietikon wurde zur Festung ausgebaut. Die 1. Division hatte im Falle eines Angriffs von Norden her die Limmatstellung zu halten. Zeugen dieser Zeit sind heute in Dietikon noch zu sehen: Teile der Festungsmauer, Panzersperren und Bunker.

Unter dunklen Tannen versteckt sich in der Vogelau ein solcher Bunker. FCZ und Kosovo hat jemand auf die Wände gesprayt. Willkommen im Heute. Walter Eckert von der Kommission für Heimatkunde sucht den passenden Schlüssel. Quietschend öffnet sich das Gittertor. Dann heisst es: Kopf einziehen und eintauchen in das Gestern. «Jetzt weiss ich, warum die Soldaten Stahlhelme tragen», witzelt ein Besucher. An den Wänden zeugen Fotografien, Pläne und Dokumente von den damaligen Lebensbedingungen. Von einer Tribüne grüssen Fussballfunktionäre mit Hitlergruss: Die Schweiz hat 1941 das Länderspiel gegen das Reich mit 2:1 gewonnen. General Guisan blickt ernst auf die Besucher herunter. Ein Hausvorstand des Zentralschulhauses beschwerte sich, dass sich die Truppe im Schulhaus bei der abendlichen Toilette doch etwas gar zu frei bewege, nämlich im Badekostüm. Brot, Hülsenfrüchte, Eier, Mehl und Rationierungskarten geben eine Vorstellung vom Leben der Dietiker Bevölkerung in den Kriegsjahren. Zu kriegerischen Handlungen kam es in Dietikon während des 2. Weltkrieges aber nicht.

«Die Deutschen wussten, dass es schwierig wäre, hier durchzukommen», erzählt Arthur Müller, auch er Mitglied der Kommission für Heimatkunde. Die Männer nicken. Sie tauschen Erinnerungen aus. Viele haben die Kriegsjahre als kleine Kinder erlebt. Karl Durner war damals vier Jahre alt: «In einem Schopf neben unserem Haus war eine Funkertruppe einquartiert. Das war für uns Kinder aufregend. Wir standen auf der Terrasse, als sich zwei Piloten aus einem abstürzenden Bomber retteten. Sie hatten die Limmat mit dem Rhein verwechselt», erzählt er.

Im Keller des Ortsmuseums veranschaulicht ein Modell die damalige Festung Dietikon. «Heute fragen mich Offiziere, die unsere Bunker besichtigen: Und wo ist der Wasseranschluss?» Arthur Müller lacht und ergänzt nicht ohne Stolz: «Da sieht man, was unsere Väter und Grossväter für harte Kerle waren.»

An der Wand hängt die Titelseite des «Limmattalers» vom 1. September 1939. Die Redaktion bittet ihre Leser um Verständnis, dass bis auf weiteres nur noch wichtige Erlasse und amtliche Nachrichten publiziert werden können. Der Bundesrat hat das Gesuch um Dispensation vom Wehrdienst für Setzer und Journalisten abgelehnt.

Im Bunker hinter dem Zentralschulhaus wirds richtig authentisch. Eine Stalllaterne gibt nur spärlich Licht. Über den Köpfen anderthalb Meter Beton – trotz des trauten Kerzenlichts kommt Enge auf. An der Schiessscharte sitzt ein Soldat mit Stahlhelm und Gewehr im Anschlag. Hat er noch nicht gemerkt, dass der Krieg zu Ende ist? Draussen singen die Vögel.