Sommerserie

Als die Schule dem Dorf Bergdietikon ein Zentrum gab

Hermann Dunkel auf dem Pausenplatz des Bergdietiker Zentralschulhauses, dessen Bau er mitplante. 1967 wurde es eingeweiht.

Hermann Dunkel auf dem Pausenplatz des Bergdietiker Zentralschulhauses, dessen Bau er mitplante. 1967 wurde es eingeweiht.

Vor 50 Jahren genehmigte die Erziehungsdirektorin den Bau eines Bergdietiker Zentralschulhauses. Heute steht die Gemeinde am selben Punkt wie damals. Sie braucht ein neues Schulhaus, in dem der Nachwuchs der Gemeinde unterrichtet werden kann.

50 Jahre sind vorbei - und Bergdietikon steht am selben Punkt wie damals. Sie braucht ein neues Schulhaus, in dem der Nachwuchs der wachsenden Gemeinde unterrichtet werden kann. Heute heisst das Projekt Mehrzweckgebäude Schule (siehe Kontext). 1963 hiess es Zentralschulhaus und kostete das Dorf über 2,3 Millionen Franken - viel Geld für die kleine Gemeinde.

Als die Aargauer Erziehungsdirektion 1963 das Raumprogramm der Schule genehmigte, waren bereits einige Jahre der Planung vergangen. Mitten drin war damals der Lehrer Hermann Dunkel, der in der Kommission für den Schulhausneubau Einsitz nahm. 31 Jahre lang unterrichtete der heute 87-Jährige in der Gemeinde. Als er 1958 nach Bergdietikon kam, besuchten die Kinder noch zwei kleine, einfache Schulhäuser: Unter- und Mittelstufe waren in einem Gebäude in Gwinden untergebracht, die Oberstufe in Kindhausen.

Turnen im Wald

Der pensionierte Lehrer erinnert sich gerne an die Zeiten in Gwinden. «Ich habe mich in dem kleinen Schulhäuschen immer sehr wohl gefühlt», sagt er. Zwar räumt er ein, dass die Anlage aus dem Jahr 1851 «schon etwas primitiv» war: Es gab keine rechten Garderoben, keine Turnhalle und keine Duschen, im Winter konnte man die Zimmer kaum lüften.

«Der Boden war voller Staub und Dreck, weil die Kinder ihre Schuhe nicht ausziehen konnten», erinnert er sich. Besonders der Handarbeitslehrerin habe das viel Arbeit beschert.

«Vor jeder Stunde musste sie die Böden wischen, damit die wertvollen Stoffe nicht dreckig wurden.» Dunkel machte aus der Not eine Tugend. So stand für den Sportunterricht zwar ein kleiner Kiesplatz zur Verfügung. «Ich habe es aber meistens vorgezogen, mit den Schülern im Wald turnen zu gehen. In der Natur war es ohnehin schöner.»

Doch so gut ihm die Zeit in Gwinden gefiel, so klar war ihm, dass das Dorf ein neues Schulhaus braucht. Die damals noch weniger als 1000 Einwohner zählende Gemeinde erlebte gegen Ende der 50er-Jahre ihren ersten Bauboom. Die Schweissmaschinenfirma Soudronic brachte neue Arbeitsplätze und immer mehr Menschen, die in Zürich arbeiteten, suchten im idyllischen Bergdietikon einen ruhigen Wohnort. «Man ahnte, dass Bergdietikon mit seiner schönen Lage und der Nähe zur Stadt Zürich bald ein sehr begehrtes Wohngebiet werden könnte», so Dunkel. Und eine grössere Wohnbevölkerung bedingte mehr Schulraum.

Beginn eines Ortszentrums

Bereits 1958 hatte die Gemeinde für ein künftiges Schulhaus 120 Aren Land im Ortsteil Bernold für 180 000 Franken erworben. Bergdietikon war damals wie heute eine Ansammlung von einzelnen Weilern; im Gegensatz zu heute hatte die Gemeinde aber keinen Ort, der einem Zentrum gleichkam. Mit den Plänen für ein Zentralschulhaus wie auch mit dem Bau der gleich nebenan liegenden Kirche trieb die Gemeinde also auch die Bildung eines Dorfzentrums voran. Heute ist hier auch die Gemeindeverwaltung untergebracht.

1960 genehmigte die Gemeindeversammlung das Schulraumprogramm, drei Jahre später die Aargauer Erziehungsdirektion. Diese habe der Gemeinde ganz schön Druck gemacht, den Schulhausbau so schnell wie möglich anzugehen. Dunkels Anstellung war anfangs gar nur provisorisch; die definitive war an die Erstellung eines Neubaus gebunden.

Dann begann die Suche nach einem geeigneten Architekten. Den Projektwettbewerb konnte André M. Studer für sich entscheiden. Dunkel erinnert sich noch genau an dessen Arbeitsweise. «Die Gebäudeteile müssen wie Klänge zueinanderpassen», habe der bekannte Architekt einmal zu ihm gesagt. «Seine architektonischen Vorstellungen waren stark in der Musik verankert», so Dunkel.

1962 bewilligte die Gemeindeversammlung den Kredit über 1,86 Millionen Franken für ihr neues Schulhaus. Angesichts der anstehenden Ausgaben erhöhte die Gemeinde schon sechs Jahre zuvor ihren bereits happigen Steuerfuss vorsorglich von 170 auf 185 Prozent. Zum Vergleich: Heute beträgt er 87 Prozent.

Das zusätzliche Geld sollte der Gemeinde noch gelegen kommen. Bis zur Schlussabrechnung stieg das Ausgabevolumen nämlich noch bis auf 2,34 Millionen - rund 500 000 Franken mehr als der gesprochene Kredit. Für Dunkel trotzdem eine lohnende Investition: «Die grosszügigen Räume, die 1967 endlich bezogen werden konnten, gefielen mir, ebenso der Fakt, dass nun eine echte Turnhalle zur Verfügung stand und dazu jede Menge zusätzliche Räume.» Neben den sechs Schulzimmern für Unter-, Mittel-, Oberstufe und Handarbeit gab es im neuen Gebäude auch eine Aula und ein Lehrerzimmer mit kleiner Küche und einen Werkraum.

«Macht es ihnen ja nicht nach!»

Lachend erklärt Dunkel, dass das Schulhaus beim Kanton bald einen speziellen Ruf genoss. Wenn Gemeinden, die selbst ein neues Schulhaus planten, zur Besichtigung nach Bergdietikon kommen wollten, habe man ihnen - im Hinblick auf die Kosten - mit auf den Weg gegeben: «Schaut euch das schöne Schulhaus nur an, aber macht es ihnen ja nicht nach!»

Nicht alle Pläne des Architekten gingen auf. So habe dieser Unterricht auf den Terrassen vor den Schulzimmern vorgesehen, was in der Praxis aber kaum funktionierte: «Mal wars zu kalt, mal zu heiss, und wenn es genau richtig war, machten schon die Schüler auf einer einzelnen Terrasse so viel Lärm, dass man kaum auf einer zweiten Terrasse hätte Schule halten können», erzählt Dunkel.

Und: Das Schulraumproblem war mit dem Zentralschulhaus nicht für lange gelöst. Auch im neuen Gebäude waren grosse Klassen keine Seltenheit. Auf die rund 120 Kinder kamen damals gerade mal vier Lehrer. «Der Architekt war natürlich hochentsetzt darüber, dass wir so viele Kinder in seine schönen Zimmer quetschten», erinnert sich Dunkel. Abhilfe verschaffte erst der Bau eines zweiten Schulgebäudes, das 1974 bezogen werden konnte. Und bald auch das Mehrzweckgebäude Schule, das 2014 seinen Betrieb aufnehmen soll.

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