Erster Weltkrieg
Als die Kameraden für weihnachtliche Wärme sorgten

Im Ersten Weltkrieg verbrachten Tausende von Schweizer Soldaten die Festtage im Grenzdienst – so auch der Limmattaler Grafiker Otto Baumberger.

Sandro Zimmerli
Drucken
Teilen
Im Dezember 1914 verbrachten viele Schweizer Soldaten Weihnachten fernab der Familie. Der Erste Weltkrieg war nicht schon an Weihnachten 1914 zu Ende, wie viele Leute bei Kriegsbeginn geglaubt hatten.

Im Dezember 1914 verbrachten viele Schweizer Soldaten Weihnachten fernab der Familie. Der Erste Weltkrieg war nicht schon an Weihnachten 1914 zu Ende, wie viele Leute bei Kriegsbeginn geglaubt hatten.

KEYSTONE

So viel war für Otto Baumberger sicher: «Da drüben also tobte der Krieg.» Weshalb das so war, blieb ihm unverständlich. «Ich kam zu keinem Schluss», notierte er in seinen autobiografischen Aufzeichnungen «Blick nach aussen und innen». 25 Jahre alt war er damals. Jenseits der Schweizer Grenze im Jura bekämpften sich französische und deutsche Truppen. Aus der Ferne nahmen Baumberger und seine Kameraden das Knattern der Maschinengewehre wahr. Der Erste Weltkrieg war erst wenige Wochen alt, als der vierte Zug der vierten Kompanie des Bataillons an der Grenze Stellung bezogen hatte.

Weihnachten in Baracken

Mit der Generalmobilmachung der Schweizer Armee Anfang August 1914 änderte sich das Leben Zehntausender junger Männer auf einen Schlag. So auch jenes von Otto Baumberger, der heute als einer der bedeutendsten Plakatkünstler des Landes gilt und der von 1931 bis zu seinem Tod 1961 im Limmattal wohnte. Zuerst in Unterengstringen, ab 1953 dann in Weiningen. Nebst militärischem Drill bedeutete der Grenzdienst für die Soldaten auch ein Leben weit ab von Familien und Freunden. Im Falle von Baumberger und seinem Zug hiess das, Weihnachten 1914 in Baracken bei Therwil zu verbringen anstatt in der heimischen Stube in Zürich.

Trotz den Entbehrlichkeiten, die der Militärdienst mit sich brachte, kam bei den Soldaten so etwas wie Weihnachtsstimmung auf. Nicht etwa wegen der verschneiten Landschaft. Diese war gemäss Baumbergers Aufzeichnungen «die Melancholie selbst»: «Vereinzelte Obstbäume, schemenhaft grau im Bodennebel verschwimmend, und schwarze Ackerschollen tupften den dünnen schmutzigen Schnee, und Krähen tummelten sich krächzend über dem Feld.»

Schlotternde Wachposten

Vielmehr waren es die Wachdienste und die Kameraden, die für eine gewisse Wärme sorgten. «Im Leerlauf ewiger Soldatenschule» waren sogar «dreckige und kalte Wachdienste zur begehrten Abwechslung geworden», so Baumberger. Denn den Soldaten erschienen sie zweckvoll. «Dem in glitzernder Frostnacht oder im rieselnden Nebelregen abgelösten, einsamen und schlotternden Posten wurde auch so eine erwärmte, von einer Stalllaterne rot beleuchtete Höhle gleichsam zur Heimat», schrieb Baumberger.

Obschon es in diesen Unterständen oftmals streng roch – sei es wegen der gelöschten Stumpen, verschwitzter oder durchnässter Wäsche – gaben sie Geborgenheit. Denn dort sassen und lagen Menschen, Kameraden, «mit denen man vielleicht vor einigen Stunden Weihnachtsgeschenke von zu Hause ausgepackt hatte, Schokolade und Zigaretten tauschend, gegenseitig bescheiden sich beschenkend – Menschen, zusammengeschweisst auf Gedeih und Verderb zu einer kleinen Schicksalsgemeinschaft.» Für die Soldaten wurde die Truppe zur Ersatzfamilie. Die Beziehung untereinander war von einer Intensität, von der der «nicht militärpflichtige Bürger keinen Begriff hat».

Das Zusammenleben inspirierte Baumberger zu einer Neujahrskarte, die auf Veranlassung seines Hauptmanns im ganzen Bataillon und sogar darüber hinaus vertrieben wurde. Die Soldaten hatten so die Gelegenheit für wenige Rappen eine anständige Neujahrswunschkarte zu erwerben.

Jahreswechsel an der Brücke

Das Jahresende bedeutete jedoch noch nicht das Ende des Grenzdienstes für Baumberger und seine Kameraden. Sie zogen weiter und mussten Brückenwache am Rhein leisten. Erst im März 1915 ging es für die Zürcher Bataillone heimwärts. Über den Bözberg via Baden zogen die Soldaten ins Limmattal. «In Dietikon, Schlieren, Altstetten standen Mütter, Frauen und Kinder vor den Türen und suchten ihre Söhne, Männer oder Väter zu entdecken», beschreibt Baumberger die Heimkehr.

Tausende säumten die Strassen

Auch in Zürich säumten Tausende die Strassen. Es muss ein aussergewöhnliches Schauspiel gewesen sein. «Zwar waren wir bei weitem keine Helden, hatten keine Schlacht gewonnen, keinem Angriff standgehalten, aber wir marschierten hinter wehenden Fahnen im hochgemuten Bewusstsein erfüllter Pflicht», schrieb Baumberger. Mit einem Defilé vor General Ulrich Wille endete die erste Grenzbesetzungsperiode der Zürcher Regimenter im Ersten Weltkrieg.