Bürgerwehr
Als die Bürgerwehr ihre Raketen testete, nahm man sie ihnen weg

Der Dienst in der Hilfstruppe war eintönig. Die Bevölkerung hatte aber oft erbarmen und spendierte Brot und Bier. Aufregend wurde es erst, als eine Signalrakete gezündet wurde.

Sandro Zimmerli
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Das Militär bewachte strategisch wichtige Orte wie die Reppischbrücke in Dietikon. Die Bürgerwehr musste hingegen Felder sichern. Ortsmuseum Dietikon

Das Militär bewachte strategisch wichtige Orte wie die Reppischbrücke in Dietikon. Die Bürgerwehr musste hingegen Felder sichern. Ortsmuseum Dietikon

Die Mobilmachung im August 1914 veränderte das Leben der Menschen im Limmattal praktisch von einem Tag auf den anderen. Viele Männer waren zur Grenzbesetzung aufgeboten, die Dörfer wirkten wie ausgestorben. Lehrer, Beamte, Politiker, Arbeiter und Bauern verliessen ihre Heimat, um Dienst am Vaterland zu leisten. Für die Daheimgebliebenen bedeutete dies, rasch zu handeln. Neue Exekutivmitglieder mussten gewählt werden. Für Ruhe und Ordnung sollten Bürgerwehren sorgen. In verschiedenen Gemeinden wurden solche Hilfstrupps schon kurz nach dem Einrücken der Wehrmänner zusammengestellt.

Die ganze Nacht unterwegs

Bereits am 4. August 1914 wandte sich der Dietiker Gemeinderat mit einem Aufruf an die männliche Bevölkerung zwischen dem 18. und dem 55. Lebensjahr. Darin wurden sie aufgefordert sich am 6. August abends in der Turnhalle zur Rekrutierung einzufinden. «Die eingeteilte Feuerwehrmannschaft, sowie diejenigen, die im Besitze von Militäruniformen sind, haben in Uniform zu erscheinen, ebenso sind allenfalls vorhandene Schiessgewehre mitzubringen. Vollzähliges Erscheinen ist Bürgerpflicht und Ehrensache», hiess es im Aufruf.

Der Dienst in der Bürgerwehr war allerdings alles andere als spannend. Die Patrouillengänge waren eintönig, wie ein Auszug aus den Erinnerungen des Dietiker Journalisten Jakob Grau zeigt: «Die Bürgerwehr wurde aus der Kriegsfeuerwehr und aus jungen Burschen rekrutiert und das Quartier des Kommandos befand sich in der Turnhalle. Dieses Kommando hat die Sache furchtbar ernst genommen, besonders der Hauptmann, der drei goldene Nudeln um seine Kappe trug. Gerade militärisch ist das Patrouillieren nicht gewesen.»

Immer zu zweit mussten die vorgegebenen Quartiere abgelaufen werden. Eine erste Patrouille startete um acht Uhr abends. Die zweite Abteilung ging um ein Uhr in der Nacht los. Beliebt waren offenbar Kontrollgänge im Gebiet Silbern, dort wo die Fähre Richtung Oetwil übersetzte. Gewöhnlich sei dort noch ein Oetwiler hocken geblieben, um zusammen mit dem Fährmann um einen Liter «Oetwiler» zu jassen.

«Vier oder viereinhalb Stunden im Dorf herumzulatschen ist dann doch langweiliger gewesen. Aber man hat sich auch da arrangiert. Als es kälter wurde, war das Maschinenhaus der Brauerei ein guter Unterstand. Der Maschinist hat einem gerne ein Bier überlassen, dass er von der Brauerei zugute hatte», so Grau. «Es gab auch Bauern, die Erbarmen mit der Bürgerwehr hatten, vor allem wenn einer der Ihrigen dabei war. Wer es wusste, konnte da und dort hinter einem Fensterladen eine Flasche Most oder gar einen ‹Chrotenbüelwii› finden. Manchmal gab es dazu auch noch Brot und Speck», schreibt Grau.

Ärger wegen Fehlalarm

Abgesehen von den nächtlichen Verköstigungen verliefen die Rundgänge ruhig. Das machte den Bürgerwehrkommandanten offenbar nervös. Nie wurde ein Störenfried ins Wachtlokal gebracht, was seinem Ruf nicht unbedingt zuträglich war. «Als sie ihm dann doch einmal jemanden aus dem Schönenwerd brachten, ist er fast gesprungen vor Freude», so Grau. Leider war es Fehlalarm. Denn die Patrouille nahm den Mann lediglich mit, weil ihn seine Frau spät nachts nicht mehr ins Haus lassen wollte und darob ein lautstarker Streit entbrannte.

Für wesentlich mehr Aufregung sorgte ein anderes Ereignis. So wurde die Bürgerwehr mit Signalraketen ausgestattet, mit derer im Notfall Hilfe angefordert werden sollte. Eine Patrouille probierte aus, was geschehen würde, wenn die Raketen eingesetzt werden. «Das gab eine Aufregung. Das Kommando des Bewachungsdetachements hat sogar den Landsturm aus dem Stroh gejagt und antreten lassen, weil man nicht wissen konnte, ob bereits eine Vorhut über die Limmat vorgedrungen ist und jetzt zum Angriff auf das Dorf ansetzen will. Es gab dann eine hochnotpeinliche Untersuchung mit dem Resultat, dass man der Bürgerwehr die Raketen nicht mehr mitgeben durfte», so Grau.