Dietikon
Alle Wohnungen im «Alter Bären» sind schon weg

Hinter der jahrhundertealten Fassade sind moderne Räume mit hochwertiger Ausstattung entstanden.

Gabriele Heigl
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Der frühere Eingang in die Gaststube des "Alten Bären" ist jetzt eine Wohnungstüre.
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Alter Bären Dietikon Wohnungen
Gedämpftes, geöltes Eichenholz findet in allen Wohnbereichen Verwendung, hier im Bad, in dem links eine grosse Schrankwand verläuft.
Im Keller hat man an einer Stelle das jahrhundertealte, einen Meter dicke Bruchsteinmauerwerk sichtbar gelassen.
Markus Ehrat, Besitzer, Bauherr und Vermieter, konnte vor kurzem die letzte Wohnung vermieten.
Schmuck bis ins Detail: Fensterladenhalter in Form eines Mädchenkopfes.
So sah der "Alte Bären" vor dem Umbau aus. Er stand jahrelang leer und war stark renovierungsbedürftig.
Der alte Dachstuhl ist in den beiden oberen Wohnungen sichtbar.
Vor dem Umbau ...
... die grosse Trostlosigkeit.
Der Innenausbau erfolgte komplett in Trockenbauweise.
Die Aussenmauern blieben bestehen, der Ausbau innen wurde mit einer vollständigen Holzkonstruktion aufgebaut.
Die Bruchsteinmauer im oberen Bereich: Sie musste in mühsamer Arbeit eingerissen und abgetragen werden.

Der frühere Eingang in die Gaststube des "Alten Bären" ist jetzt eine Wohnungstüre.

Chris Iseli

Auf der «Himmelsleiter» geht es hoch zur «Kathedrale» über eine Treppe aus mattem Chromstahl. Türen und Küche sind aus gedämpfter und geölter Eiche, die Platten im Bad alte französische handgemachte Kacheln, die Schiebetüren der Einbauschränke belegt mit Stroh und Blumen, in Kunstharz eingebettet. Wer mit Markus Ehrat die neuen Wohnungen im «Alten Bären» in Dietikon besichtigt, sieht nicht einfach nur Zimmer/Küche/Bad: Er durchschreitet Erlebnisräume. «Riechen Sie den Duft des Heus und der Blumen auf der Schranktür?» Also näher ran mit der Nase – und tatsächlich: Man wähnt sich auf einer Hochsommerblumenwiese.

Noch nicht vergessen ist die unschöne Vorgeschichte rund um den Verkauf des historischen Gebäudes, in deren Verlauf der Gemeinderat zeitweise am Stadtrat verzweifelte. Der Hopplahopp-Verkauf an den privaten Investor Ehrat kurz bevor über eine Volksinitiative gegen den Verkauf befunden werden konnte, hatte viel böses Blut gegeben. Knapp 500 000 Franken bezahlte Markus Ehrat, Inhaber der Dietiker Firma Ehrat Immobilien, der Stadt 2014 für das stark renovierungsbedürftige Gebäude. Ehrat, der auch als Vermieter fungiert, konnte vor kurzem den letzten Mietvertrag unterzeichnen.

Grösser bedeutet hier nicht teurer: Wie hoch ist der Mietzins?

Von den sechs Wohnungen im «Alten Bären» sind vier
3,5-Zimmer-Wohnungen und zwei 4,5-Zimmer-Wohnungen. Der Mietzins der günstigsten Wohnung mit 97 Quadratmetern beträgt 2030 Franken inklusive 180 Franken Heiz- und Nebenkosten. Am höchsten ist der Mietzins für die nur einen Quadratmeter grössere 4,5 Zimmer-Wohnung; hier zahlt der Mieter 2500 Franken inklusive 200 Franken Nebenkosten. Die grösste Wohnung mit 99 Quadratmetern liegt
mit einem Mietzins von 2230 Franken ziemlich genau dazwischen. Die Dachgeschosswohnungen haben zwei Ebenen; Schlafraum und Bad sind jeweils über eine Wendeltreppe zu erreichen. Es gibt keinen Lift, keine Balkone oder Terrassen. Alle Mietparteien teilen sich eine Waschmaschine und einen Tumbler. In der Tiefgarage des Nachbargebäudes stehen Stellplätze zum Anmieten zur Verfügung. (GAH)

Der Stolz auf das, was seiner Firma da in weniger als einem Jahr gelungen ist, merkt man ihm an: «Baubeginn war im November 2015, und heuer im Juli waren die Wohnungen bezugsfertig. Was mich besonders freut: Wir konnten alle Arbeiten an Dietiker Firmen vergeben.» Dabei wurde Wert auf den Erhalt des historischen Charakters des Hauses, einem der Identifikationsobjekte im Kronenareal, gelegt.

Erst «Neue Krone» dann «Bären»

Die Historie des Hauses mit angebauter Zehntenscheune geht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Die Scheune und die Stallungen dienten der Zehntenabgabe, im angebauten Haus, dem Vorgängerbau des «Alten Bären», wohnte der Zehntenvogt. Später wurde an den alten Wohnteil noch ein neuer Trakt angebaut, dessen Mauern beim Umbau freigelegt wurden. Das etwa ein Meter breite Bruchsteinmauerwerk musste beim Umbau mühsam abgetragen werden. Im Keller wurde ein Teil davon bewusst sichtbar gelassen – ein spannendes Relikt aus früherer Zeit. Die Transformation in eine Wirtschaft erfolgte im Jahr 1874, als der Eigentümer eine «Neue Krone» als Konkurrenz zur «Krone» eröffnete. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb 1898 der damalige Besitzer der «Krone» den «Ableger» und taufte ihn kurzerhand in «Bären» um. 1911 endete die Geschichte der «Bären»-Beiz. Mit dem Umbau wird nun ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Patina von Jahrhunderten

Für den Innenausbau wurde zunächst das Untergeschoss mit einer neuen Betondecke versehen, danach der Innenausbau mit einer Holzkonstruktion in Trockenbauweise ausgeführt. Die lange Geschichte des Hauses kann man innen noch an mehreren Stellen erkennen: den alten Aussenwänden, die im Keller nicht verputzt wurden, den originalen Steinlaibungen rund um die Fenster, dem Dachstuhl in den Wohnungen im 2. Stockwerk. Eine Patina wie an diesem Tannenholzbalken entsteht nur im Laufe vieler Jahrzehnte.

Bevor man diese zu sehen bekommt, muss man allerdings die erwähnte Treppe empor steigen, einen Lift gibt es nicht. «Ich habe sie ‹Himmelsleiter› genannt, weil das Treppenhaus wie ein Tunnel ohne Drehung nach oben führt, bevor es schliesslich den Blick frei gibt bis hoch zum Giebel. Daher auch die Assoziation mit der ‹Kathedrale›», erläutert Ehrat.

Kein Lift – keine Balkone

Wegen des fehlenden Lifts kam für manche Interessenten das Objekt nicht infrage, ebenso wegen der fehlenden Balkone, eine «pièce de résistance», wie Ehrat es nennt. Und so müssen etwa die Raucher, wie auch bei der Besichtigung beobachtet, ihrem Laster am geöffneten Fenster frönen. Der grosszügige Schnitt des Wohnraums und dafür aber eher kleine Schlafzimmer machten die Wohnungen auch für Familien uninteressant. Ehrat bewarb die Objekte als «besonders geeignet für Dinks», was für «Double income – no kids» steht. Speziell ist eine der Erdgeschosswohnungen. Diese betritt man nämlich durch den Eingang der ehemaligen Gaststube des «Alten Bären». Ohne Windfang, Eingangsbereich oder Garderobe steht man direkt im Wohnzimmer, der früheren Beiz.