Wochenkommentar
Alle meinen es gut — doch das rettet Bruno Webers Werk nicht

Der Skulpturenpark in Dietikon und Spreitenbach steht vor dem Aus. Oder hat er doch eine Zukunft? 20'000 Besucher jährlich können sich doch nicht irren, meint Sophie Rüesch, Redaktorin der Limmattaler Zeitung.

Sophie Rüesch
Merken
Drucken
Teilen
Der Bruno Weber Park kündigt seine Schliessung an.

Der Bruno Weber Park kündigt seine Schliessung an.

zvg

Die Fabelwesen, die friedlich vom Dietiker Waldrand aufs Land herabschauen, können nicht darüber hinwegtäuschen: Lange schon hat es in der Wunderwelt ob Dietikon gekriselt, seit einer Woche herrscht zumindest vorläufig traurige Klarheit über die Zukunft des Bruno-Weber-Parks: Die von der zuständigen Aargauer Stiftungsaufsicht eingesetzte kommissarische Stiftungsrätin schliesst den Park auf der Kantonsgrenze am 20. Oktober. Sie habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen, so Brigitte Bitterli: Zu schwer wiegen die finanziellen Probleme, zu wenig sinnvoll seien die Eigentums- und Nutzungsstrukturen zwischen Stiftung und Künstlerfamilie geregelt.

Die Verkündung sorgte unter den Anhängern des 2011 verstorbenen Dietiker Künstlers für einen Aufschrei. Es könne doch nicht sein, dass man dem Untergang solch eines bedeutenden Werks einfach tatenlos zuschaue, so der Tenor. Doch: Wer ist «man»? Wer ist verantwortlich für den Erhalt der fantastischen Welt Bruno Webers, die sich nirgends so eindrücklich zeigt wie in seinem Skulpturenpark, in dem er bis zu seinem Tod lebte? Genau hier liegt das Problem: Eigentlich wäre es die Bruno-Weber-Stiftung. Doch so einfach gestaltete sich das in der Realität nicht. Das musste auch die Aussenstehende Brigitte Bitterli merken: Irgendwie reden hier alle ein bisschen mit. Klar ist: Alle meinen es gut, alle schätzten oder liebten Bruno Weber zu Lebzeiten und sind sich nach seinem Tod einig, dass sein einmaliges Werk erhalten werden muss. Genau zu diesem Zweck wurde 1990 die Stiftung gegründet – die allem Anschein nach lange ohne Probleme operierte.
Die Abklärungen zeigen: Der Investitionsbedarf ist enorm
Dass das Ableben des Künstlers die Institution vor neue Probleme stellte, ist an sich wenig erstaunlich. Doch dass in weniger als drei Jahren fast zwei komplette Gremien verheizt wurden, die ihre Ämter desillusioniert bis verärgert niederlegten, das sorgte bei der Stiftungsaufsicht zu Recht für den Verdacht, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu- und hergeht. Die Abklärungen zeigten nicht nur, dass der Sanierungsbedarf so gross ist, dass der Park ohne Investitionen von 1,5 bis 2,3 Millionen ein Sicherheitsrisiko darstellt. Sie bestätigten auch, dass im Park klare Strukturen fehlen.

Was «klare Strukturen» genau bedeutet, hier scheinen die Meinungen jedoch weit auseinanderzugehen. Eine Mehrheit der Stiftungsräte, die kapitulierten, sahen als Hauptproblem die Vermischung von Weberschem Privat- und von Stiftungseigentum. Auch Bitterli äussert Zweifel an deren Zweckdienlichkeit. Zwar ist klar geregelt, welche Teile wem gehören und wer diese nutzen darf; doch offenbar entpuppten sich die Bestimmungen auf Papier in der Realität als wenig sinnvoll.

Sophie Rüesch: «20 000 Besucher jährlich – und 800 Besucher alleine am letzten Sonntag – können doch nicht irren.»

Sophie Rüesch: «20 000 Besucher jährlich – und 800 Besucher alleine am letzten Sonntag – können doch nicht irren.»

Limmattaler Zeitung

Dass der Park wegen all dem nun geschlossen wird, das ist bitter – nicht nur für Webers Hinterbliebene und die ehemaligen Stiftungsräte, die sich allem Anschein nach die grösste Mühe gegeben hatten, den Park durch Restrukturierungen zu retten. Sondern auch für die Besucher, die in stetig wachsenden Strömen vor den Pforten des Parks erscheinen. Webers Witwe Maria Anna nennt ihn einen «Kraftort», auch ein Mekka für Kunstbegeisterte aus der ganzen Welt.

Was immer es ist, das sie kommen lässt: 20 000 Besucher jährlich – 800 Besucher alleine am Sonntag nach der Schliessungsverkündung – können doch nicht irren. Es befremdet daher durchaus, dass der selbst ernannte Kulturkanton Aargau den künstlerischen Wert von Webers Lebenswerk herunterspielt. Wo er jedoch recht hat: Solange in Park keine klaren Strukturen herrschen, wird er auf die bitter benötigten Investoren nicht dieselbe Anziehungskraft haben wie auf die begeisterten Besucher. Das gilt nicht nur für einen Kanton oder eine Gemeinde, sondern auch für Private, ohne die es zum heutigen Skulpturenpark gar nie gekommen wäre.

Stiftungspräsident Hanspeter Paoli und Witwe Maria Anna Weber-Gordon im Bruno Weber Skulpturenpark
16 Bilder
Einweihungsfeier des neuen Wassergartens im Bruno Weber Skulpturenpark
50-Jahr-Jubiläum des Bruno Weber Skulpturenparks
Hier nahm alles seinen Anfang: Im Schuppen, der Webers Atelier wurde.
Die Flügelhunde, die heute den Wassergarten säumen, im Bau.
Der Aufbau des Bruno Weber Skulpturenparks
Der Aufbau des Bruno Weber Skulpturenparks
Der Aufbau des Bruno Weber Skulpturenparks
Der Aufbau des Bruno Weber Skulpturenparks
Der Aufbau des Bruno Weber Skulpturenparks
Der Aufbau des Bruno Weber Skulpturenparks
Bruno Weber Skulpturenpark
Bruno Weber an seinem 76sten Geburtstag im Baumhaus des Skulpturenparks
Bild von der Einweihungsfeier des neuen Wassergartens
Bild von der Einweihungsfeier des neuen Wassergartens
Blick vom Sockelgeschoss hinaus in den zukünftigen Wassergarten im Skulpturenpark von Bruno Weber

Stiftungspräsident Hanspeter Paoli und Witwe Maria Anna Weber-Gordon im Bruno Weber Skulpturenpark

Limmattaler Zeitung

Es geht um nichts Geringeres als das Überleben des Parks Dabei gilt es, zu bedenken: Maria Anna Weber wohnt im Park; er ist ihr Zuhause. Ob man es ihr verübeln kann, dass sie Restrukturierungspläne stets als Enteignungsversuche wahrnahm und sich dagegen stemmte, wie es vielerorts heisst, das sei dahingestellt – nachvollziehbar wäre es auf jeden Fall. Dazu unterstellt ihr niemand, sich nicht nur das Beste für das Werk ihres Mannes zu wünschen, dem sie zeit seines Lebens unterstützend, ja aufopfernd zur Seite stand.

Doch soll der Skulpturenpark überleben – und um nichts Geringeres geht es mittlerweile –, muss auch sie Hand bieten für klarere und rundum akzeptierte Eigentums- und Nutzungsverhältnisse. Denn nicht einmal ein Abriss von Werken in Stiftungsbesitz ist heute gänzlich ausgeschlossen, auch wenn die Bemühungen zur Stiftungssanierung weitergehen. «Die Suppe wird nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht wird», sagte Weber am Tag der Hiobsbotschaft. Doch egal, wie heiss oder kalt die Bruno-Weber-Suppe, auch bei ihr trifft zu: Zu viele Köche verderben sie.