Nur wenige Tage nach ihrem grossen Triumph im dänischen Silkeborg sitzt die frischgebackene Curling-Weltmeisterin Alina Pätz für den Interviewtermin in der Beiz der Curlinghalle Baden-Dättwil. Später wird die Urdorferin, die ihre Karriere auf der Weihermatt beim CC Limmattal startete, an einem Sponsoringevent Laien den Sport näher bringen.

Wie fühlen Sie sich nach dem Gewinn der Goldmedaille?

Alina Pätz: Wir sind alle überglücklich. Wir haben das ganze Jahr über hart gearbeitet. Jetzt herrscht eine grosse Zufriedenheit und Genugtuung.

Wie erlebten Sie die Rückkehr in die Schweiz?

Der Verband organisierte einen Empfang am Flughafen. Mich hat es überrascht, dass so viele Menschen kamen, auch viele Curlingfans, die keinen direkten Bezug zu uns haben. Natürlich waren auch viele Freunde und Familienmitglieder mit dabei.

Kamen auch Mitglieder ihres ehemaligen Curlingclubs in Urdorf?

Mario Freiberger, der Präsident des CC Limmattal, war vor Ort und gratulierte mir im Namen des Clubs. Zudem habe ich von Vereinsmitgliedern einige schöne Mails mit Glückwünschen erhalten.

Wissen sie, wie die Stimmung in Urdorf während dem WM-Final war?

Ich war bisher selbst noch nicht zurück in Urdorf. Aber Mario Freiberger hat mir erzählt, wie spannend das Zuschauen gewesen sei. Es ist lässig, dass so viele mit uns mitgefiebert haben. Ich habe auch einige Nachrichten von alten Kollegen und Kolleginnen erhalten, mit denen ich früher zur Schule ging.

2018 spielten Sie bis zur Niederlage im Final eine fast perfekte EM. Mit welchen Erwartungen gingen Sie in das Turnier?

Unser Ziel war eine Medaille. Letztes Jahr an der EM konnten wir im Final nicht mehr ganz unsere Leistung abrufen. Dieses Mal lief es umgekehrt. Wir sind eher verhalten gestartet, aber je länger die Woche dauerte, desto besser wurden wir und deshalb reichte es am Schluss auch.

Hatte der Final für Sie eine besondere Bedeutung, weil sie an der EM so knapp gegen das gleiche schwedische Team von Skip Anna Hasselborg unterlagen?

Es ist schon schön, dass wir uns für die EM revanchieren konnten. Jeder Partie gegen sie ist ein Kampf. In dieser Saison spielten wir häufiger gegen sie – mal gewannen wir, mal verloren wir. Es sind immer sehr knappe Spiele. Von daher wussten wir, dass es schwer wird, sie zu schlagen.

Im Zusatz-End spielten Sie den letzten Stein, der beim Stand von 7:7 über Sieg oder Niederlage entschied. Wie ist es, wenn man den Ausgang selbst in der Hand hat und alles auf einen Moment ankommt?

Um ehrlich zu sein, weiss ich das gar nicht mehr genau. Ich versuche, mich auf jeden Stein gleich vorzubereiten. Natürlich war ich nervös und im Hinterkopf schwirrt der Gedanken, dass es jetzt um den WM-Titel geht. Aber dann ging alles so schnell. Ich war schon erleichtert, als ich den Stein losgelassen hatte und die Wischerinnen mir sagten, dass er auf gutem Weg sei.

Sie wirken insgesamt auf dem Eis nach aussen sehr ruhig und fokussiert. Was geht innerlich vor?

Ich bin sehr fokussiert, aber ich würde nicht behaupten, dass ich immer so ruhig bin, wie es von aussen erscheint. Vor dem letzten Stein war ich extrem nervös. Vielleicht habe ich das Glück, dass man mir das weniger ansieht als andern.

Seit 2018 spielen sie in der jetzigen Besetzung zusammen mit Silvana Tirinzoni, Melanie Barbezat und Esther Neuenschwander für den CC Aarau. Wie erklären Sie die starken Resultate?

Wir haben viel voneinander gelernt. Wir sind alle vier ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, das kann zwischendurch mal eine Herausforderung sein, aber macht es extrem spannend und ist ein Stück weit auch unser Erfolgsrezept. Trotz WM-Titel sind wir leistungsmässig noch nicht dort, wo wir hinwollen. Unser Potenzial ist immer noch riesig.

Sie sind mit den Erfolgen also noch nicht zufrieden?

Wir wollen noch viel erreichen. Neben EM und WM gibt es die grosse Grand-Slam-Serie, bei der wir dieses Jahr zweimal im Final standen. So ein Turnier wollen wir gewinnen, genauso wie EM-Gold. Und natürlich 2022 eine olympische Medaille.

Macht der Erfolg nicht satt?

Im Gegenteil, er gibt uns die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind und so weitermachen wollen. Die Medaillen, die Siege und die Erinnerungen sind der grösste Lohn für uns Curler.

Sie haben als erste Curlerin drei WM-Titel mit drei unterschiedlichen Teams gewonnen. Wie unterschiedlich haben sie die drei Turniere erlebt?

Jeder Titel hat seine eigenen schönen Seiten. 2012 mit Davos war ich als Ersatz dabei und kam nur beim Spiel gegen Tschechien zum Einsatz. Da bin ich natürlich mit wenig Druck angereist. 2015 sind wir mit Baden Regio als Newcomer mit mir als Skip etwas aus dem Nichts Weltmeister geworden. Wir hatten eine Woche, in der uns einfach alles gelang, und verloren nur ein einziges Spiel wegen dummen Fehlern. Dieses Mal war es schwieriger, weil wir am Anfang kämpfen mussten, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Wie stark hat sich Curling in den sieben Jahren zwischen den Titeln verändert?

Es hat sich einiges getan. Heute werden mehr und professionellere Turniere ausgetragen. Der Aufwand, um erfolgreich zu sein, ist deutlich höher geworden. Die internationale Konkurrenz wird immer grösser und in vielen Ländern läuft die Professionalisierung schneller als in der Schweiz. Viele Spitzencurler sind mittlerweile Profis, während wir alle nebenbei noch arbeiten. Auch in der Schweiz hat sich seit 2012 viel getan, aber die Entwicklung läuft etwas langsamer.

Ist die Schweiz dennoch auch hier auf gutem Weg, damit sie künftig weiter Teil der Weltspitze bleibt?

Von den Schweizer Teams werden zu Hause immer Medaillen erwartet. Die Entwicklung ist positiv, aber um diese Ansprüche zu rechtfertigen, sollte es meiner Meinung nach etwas schneller gehen.

Sie haben angesprochen, dass Medaillen für Sie der grösste Lohn sind. Braucht es mehr staatliche Förderung?

Es wäre schön, wenn die Unterstützung auf staatlicher Ebene grösser wäre. Das ist in vielen anderen Ländern der Fall.

Ihr Team galt als eine der fittesten Mannschaften des Turniers. Sind die physischen Anforderungen für Spitzencurler gestiegen?

Physisch sind die Voraussetzungen heute anders. Nur schon wenn man die Wischer anschaut, sieht man, dass viele athletischer und muskulöser aussehen als noch 2012.

Sie stammen aus einer Curling-begeisterten Familie. Ihr Bruder Claudio feierte genauso wie Ihr langjähriger Lebenspartner Sven Michel bereits grosse internationale Erfolge. Wo finden Sie Ihren Ausgleich zum Curling?

Besonders im Sommer unternehmen Sven und ich natürlich gerne auch andere Sachen. Wir gehen viel wandern, das gehört zu unseren grossen Leidenschaften. Überhaupt sind wir gerne draussen unterwegs, auch häufiger zusammen mit Freunden.

Sie haben vorgelegt, am Samstag beginnt für Sven Michel die WM in Kanada. Reisen sie mit nach Lethbridge?

Leider werde ich nur aus der Schweiz zuschauen, denn unser Team fliegt schon bald selbst wieder zum nächsten Turnier nach Kanada. Bis dahin muss ich jetzt während zwei Wochen mal wieder arbeiten. Ich werde die Männer-WM auf jeden Fall mit Spannung verfolgen. Es wird für sie genauso schwer, gute Resultate zu erzielen, wie für uns. Aber ich traue ihnen alles zu, auch bis ganz nach oben zu kommen.

Profitieren Sie und Sven Michel auf dem Eis davon, dass beide auf so hohem Niveau curlen?

Ja, wir tauschen uns viel aus. Wenn wir bei taktischen Situationen unsicher sind, holen wir gegenseitig Rat. Da haben wir sicher viel voneinander gelernt. Wir trainieren auch häufig zusammen.