Dietikon

AL-Kantonsrätin Huonker: «Kultur ist ein Stiefkind in der Politik»

Die Podiumsteilnehmer debattierten am Mittwochabend im Gleis 21: Kerstin Camenisch (SP), Frank Rühli (FDP), Moderator David Egger, Laura Huonker (AL), Yvonne Bürgin (CVP) und Etrit Hasler.

Im Gleis 21 diskutierten Nationalratskandidierende, wie die lokale Kultur am besten gefördert und finanziert werden solle.

Welchen Einfluss hat die Politik in Bern auf die Kultur? Über diese Frage wurde am Mittwochabend im Kulturhaus Gleis 21 in Dietikon debattiert. Die Nationalratskandidierenden Kerstin Camenisch (SP), Frank Rühli (FDP), Laura Huonker (AL) und Yvonne Bürgin (CVP) wurden von Etrit Hasler (SP), Vizepräsident der «Autor*innen Schweiz» und St. Galler Kantonsrat, komplettiert.

Als Erstes erhielt die Dietiker Gemeinderätin und Co-Präsidentin des Gleis 21, Kerstin Camenisch, das Wort. Ob sie zufrieden sei mit der Kultur in der Region, fragte Moderator David Egger, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung. «Man kann gar nicht unzufrieden sein mit der Kultur», sagte sie. Einzig mit der Wahrnehmung könne man hadern, und da sei tatsächlich noch einiges zu verbessern. Mit diesem Votum formulierte sie eine Gemeinsamkeit der verschiedenen Podiumsmitglieder. «Kultur ist ein Stiefkind in der Politik», sagte Regisseurin und AL-Kantonsrätin Laura Huonker.

Direktzahlungen an die Künstler als Lösung?

Wie dieses Stiefkind gefördert werden könnte, darin waren sich nicht alle Nationalratskandidaten einig. «Es muss aus der Staatskasse eine ordentliche Finanzierung geben. Nicht ein kleiner Schnitz, sondern eine würdige Finanzierung», sagte Huonker. Sie plädierte für Direktzahlungen an Künstler, wie sie etwa in Belgien bereits Standard sind. Das schien dem FDP-Kandidaten und Mumienforscher der Uni Zürich Frank Rühli nicht zu behagen. «Die staatliche Finanzierung ist doch nicht allein seligmachend», sagte er. Bei der Förderung der Kultur sei nicht nur Geld das Zentrale, sondern beispielsweise, dass leerstehende Räume besser zwischengenutzt werden können und die bürokratischen Hürden für Kunstschaffende gesenkt werden.

Als Slampoet und freier Autor kennt Etrit Hasler die Kunstszene von innen. Dank staatlicher Förderung seien die Schweizer Slampoeten von einem chaotischen Haufen zu Künstlern mit internationaler Reichweite geworden. «Doch gesetzliche Aufgaben dürfen nicht mit dem Lotteriefonds gedeckt werden. Das ist bundesgesetzwidrig», fügte er an. Seit 2017 bezahlt der Kanton Zürich seine Kulturförderung hauptsächlich über den Lotteriefonds. Das ist jedoch eine Übergangslösung: Wie die Kunst ab 2022 finanziert wird, ist noch unklar. Die daraus entstehende Planungsunsicherheit überlässt viele Künstler der Ungewissheit. Diese Unsicherheit sei aber nicht ein kunsttypisches Phänomen, sondern hänge mit der heutigen Zeit zusammen, gab Rühli zu bedenken. Er habe auch kein Vierjahres-Budget für seine Angestellten an der Uni.

Im Bereich der Finanzierung liege noch einiges im Argen, gab Kantonsrätin und CVP-Fraktionspräsidentin Yvonne Bürgin zu. Oft sei nicht klar, wer für welche Finanzierung zuständig sei. «Wenn nicht mal ich durchsehe, wie sollen es dann die Kulturschaffenden?», fragte sie. Bürgin äusserte die Überzeugung, dass Kultur in den Gemeinden bereits einen hohen Stellenwert hat. Ginge es nach Camenisch, könnte dieser noch höher sein. Um auch kleine Künstler und Häuser wie beispielsweise das «Gleis 21» zu fördern, brachte sie den Vorschlag ein, dass künftig grosse Kulturstätten wie das Opernhaus vom Bund finanziert werden sollen. «Damit hat der Kanton mehr Geld für die breite Kultur», sagte Camenisch. Dieser Vorschlag fand besonders bei Huonker und Bürgin Anklang.

Frauenquote soll auch in der Kunst helfen

Zum Schluss wurde die Benachteiligung der Frauen in der Kunstszene aufs Tapet gebracht. «Dazu gibt es leider keine Zahlen», sagte Bürgin. Huonker bezog sich auf deutsche Statistiken, die einen sehr geringen Frauenanteil in der Kultur festgestellt haben. Sie äusserte einen dringenden Handlungsbedarf in der Schweiz. Laut Hasler hat sich Frauenförderung in der Poetry-Slam-Szene gelohnt. Vielerorts seien Anlässe frei nach dem Motto «Auf jede Bühne gehört eine Frau» organisiert worden. Als Resultat seien nun die bekanntesten Slampoeten, Patty Basler, Hazel Brugger und Lara Stoll, alles Frauen. Er unterstützte Huonkers Aufruf, eine Frauenquote einzuführen, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Kunstszene zu fördern.

Mehr Frauen in Jurys würden nicht automatisch bedeuten, dass Frauen besser gefördert werden, gab Rühli zu bedenken. Stattdessen könne man beispielsweise bei Geldvergaben wie in der Forschung das Geschlecht verdecken und so die beste Person auswählen, ohne von der Geschlechtsidentität beeinflusst zu werden. Camenisch gab zu bedenken, dass die Benachteiligung der Frau wiederum eher ein Gesellschaftsthema und nicht auf die Kultur beschränkt sei.

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