Goran verschiebt einen der Steine auf dem Spielbrett und schliesst die Mühle. «Jetzt hat er gewonnen», ruft Hélène Vuille und lacht. Um die beiden herum hat sich eine Gruppe junger Männer versammelt, die sich sichtlich freuen über den Besuch der Anti-Foodwaste-Aktivistin. Die Männer gehören zu den 40 Asylsuchenden, die neu nach Dietikon gekommen sind, nachdem der Kanton beschlossen hat, dass jede Gemeinde neu sieben statt wie bisher fünf Asylbewerber pro 1000 Einwohner aufnehmen muss. In Dietikon finden sie nun vorübergehend in der Zivilschutzanlage im Oberdorf Zuflucht. Auch andernorts in der Gemeinde wurden bereits weitere Asylsuchende untergebracht, sodass das neue Kontingent der Gemeinde mit insgesamt 183 Personen nun vollständig erfüllt ist, wie Sozialvorstand Roger Bachmann (SVP) bestätigt.

Am Freitagabend bekamen die Männer erstmals Besuch von Vuille und dem Dietiker ETH-Studenten Jean-Marc Sujata, die im Rahmen ihres gemeinsamen Anti-Foodwaste-Projekts «Teller statt Kübel» neu Tagesfrischprodukte auch an Asylsuchende in Dietikon abgeben. Jeden Dienstagabend organisieren die Projektverantwortlichen zudem eine Lebensmittelverteilaktion für Bedürftige im reformierten Kirchgemeindehaus Dietikon.

Am beliebtesten sind die Salate

In den grossen Kisten, die nun auf einem Tisch im Gemeinschaftsraum der Zivilschutzanlage stehen, befinden sich zahlreiche Wähen, Birchermüesli, Sandwiches, Kuchen, Torten und Brote. Die noch geniessbaren Produkte, die ansonsten im Abfall gelandet wären, stammen von der Migros-Filiale und der Bäckerei Kleiner im Neumarkt in Zürich Altstetten. Dazu kommen zahlreiche Schachteln Pralinen von einem Schweizer Schokoladenhersteller, der nicht genannt werden will. Schon seit Jahren stellt die Baufirma Josef Wiederkehr AG aus Dietikon Vuille einen Fahrer samt Auto zur Verfügung.

Ebenfalls vor Ort ist Sozialvorstand Bachmann. Er begrüsse es, dass die Lebensmittel nun einem guten Zweck zukämen und nicht weggeworfen würden, sagt er. Auch mit der Unterbringung der Asylsuchenden sei er bisher sehr zufrieden, so Bachmann. «Ich bin überrascht, wie vorbildlich sich die jungen Männer verhalten.» Die Anlage sei sauber und die Asylsuchenden würden regelmässig einen Deutschkurs besuchen. Ein paar technische Schwierigkeiten habe einzig die Installation eines Fernsehers in der Zivilschutzanlage bereitet. «Es ist unglaublich wichtig, dass die Asylsuchenden eine Beschäftigung haben», betont der Sozialvorstand.

Die Asylsuchenden zögern erst noch ein wenig, kommen dann aber einer nach dem anderen in den Gemeinschaftsraum und bedienen sich. Am beliebtesten sind die gemischten Salate. «Sie müssen sich zuerst daran gewöhnen, dass wir nun regelmässig Lebensmittel liefern», sagt Vuille. Das gehe aber schnell, wie sie aus ihrer Erfahrung wisse. Goran, der aus dem Irak stammt und schon seit zwölf Jahren auf der Flucht ist, spricht Deutsch, weil er als Jugendlicher eine Weile lang in der Schweiz gelebt hat. Er versucht, für etwas Ruhe und Ordnung in der Unterkunft zu sorgen. Auch die Brettspiele hat er besorgt.

So wird das Brot wieder frisch

Vuille hat sofort einen guten Draht zu Goran und erklärt ihn zum Verantwortlichen für die Lebensmittellieferungen, die nun jeden Freitag durch einen freiwilligen Helfer in die Zivilschutzanlage gebracht werden sollen. Sie erklärt, welche Lebensmittel sofort gegessen werden sollten und welche länger haltbar sind. «Diese Brötchen kann man mit etwas Wasser beträufeln und aufbacken. Ich mache das immer so», sagt sie zu einem Mann aus Afghanistan.

Er freue sich sehr, dass das Projekt «Teller statt Kübel» nun auf Asylsuchende ausgeweitet werden könne, sagt Sujata. Die Asylsuchenden hätten für all ihre Ausgaben täglich nur einen sehr kleinen Betrag zur Verfügung. «Da freuen sie sich sicher, wenn sie einmal pro Woche Lebensmittel erhalten, die sie sich sonst nicht leisten könnten.»

Am Samstagmorgen geht Vuille noch einmal in der Zivilschutzanlage vorbei. Es fällt ihr sofort auf, wie geputzt und aufgeräumt alles bereits wieder ist. Am späteren Freitagabend seien noch mehr Männer nach Hause gekommen und so seien fast alle Lebensmittel schon gegessen worden, erzählt man ihr. Vuille freut sich. Sie hat zudem noch ein paar Kleidungsstücke und ein Memory-Spiel mitgebracht, das Goran dabei helfen soll, den anderen Asylsuchenden Deutsch beizubringen.