Schlieren
«Ägypten zieht immer»

Rolf Wegmüller und Daniel Wilhelm zeigen ihre Sammelstücke im Ortsmuseum.

Alex Rudolf
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Rolf Wegmüller Sammelstücke Ortsmuseum
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Die Figur von Nofretete ist für Wegmüller etwas Spezielles.
Doch auch andere Gegenstände wie Ringe haben Geschichten zu erzählen.

Rolf Wegmüller Sammelstücke Ortsmuseum

Alex Rudolf

So richtig wollen die papiernen Sonnenblumen, mit denen das Fenster im ersten Obergeschoss des Schlieremer Ortsmuseums verziert sind, nicht richtig dazu passen. Denn unmittelbar davor liegt ein pompöser mit zahlreichen Details ausgestatteter Sarg aus dem alten Ägypten.

Die bronzefarbenen und braunen Malereien und die beigen Hieroglyphen sind teilweise vergilbt, an manchen Stellen blättert der Belag ab. Man könnte annehmen, dass es sich dabei um eines der Preziosen aus der Sammlung der beiden CVP-Gemeinderäte Rolf Wegmüller und Daniel Wilhelm handelt, die ab Samstag im Schlieremer Ortsmuseum ausgestellt wird. Nachdem das Museum Rietberg mit aufsehenerregenden Ausstellung «Osiris» auftrumpfte, weht nun also auch ein Hauch Altertum durch Schlieren. «Ägypten zieht halt immer», sagt Wegmüller dazu.

«Kein Versicherer würde das Risiko eingehen und unsere Sammlung während der Renovation in der Wohnung belassen.»

Rolf Wegmüller CVP-Gemeinderat,
Sammler ägyptischer Fundstücke

Fragt man ihn nach seinem liebsten Objekt, schreitet er ohne zögern am eindrücklichen Sarg vorbei zu einer der zahlreichen Vitrinen und zeigt auf ein unscheinbares, hohes Tongefäss. Wegmüller sagt begeistert: «Beim Griff ist noch der Fingerabdruck des Machers erkennbar – das ist doch unglaublich.» Das Gefäss ist auf das Jahr 1700 vor Christus datiert. Aufgrund der Grösse lasse sich sagen, dass es wohl als Trinkbecher für Kinder genutzt wurde, fährt Wegmüller fort.

Idee entstand aus der Not

Seit über 30 Jahren sammelt er die Exponate – von kleinen Schmuckstücken wie Haarspangen oder Fingerringe über Statuen der Pharaonen und deren Gemahlinnen bis hin zum imposanten Sarg. Bereits zu seiner Lehrzeit als Postbote verbrachte der heute 52-Jährige seine Freizeit gerne in Galerien und Ausstellungen zum Thema Ägypten. Dabei habe er ein grosses Netzwerk aufbauen können und über die Jahre die zahlreichen Stücke erworben oder gar geschenkt erhalten. Heute sind sie teils in ihrer gemeinsamen Wohnung in Schlieren untergebracht, teils als Leihgabe im Antikenmuseum Basel und anderen Museen ausgestellt.

Die Idee, ihre Exponate im Ortsmuseum zu zeigen, entstand auch ein wenig aus der Not heraus, wie Wegmüller zugibt. Die Wohnung, wo ein Grossteil der Stücke aufbewahrt, wird bis im kommenden Herbst umfassend saniert. «Kein Versicherer würde das Risiko eingehen und unsere Sammlung während dieser Zeit in der Wohnung belassen», sagt er. Daher habe er Kontakt zu den Verantwortlichen des Ortsmuseums gesucht und sei auf offene Ohren gestossen. Nach 1985, als er dem Limmattal bereits einmal seine Sammlung zeigte, kam nun also das zweite Gastspiel zustande.

Auch die lediglich handgrosse Figur der Nofretete, die im zweiten von insgesamt drei Räumen ausgestellt ist, hat es Wegmüller angetan. Zwar fehlt der Statue von Pharao Echnatons Frau der Kopf, doch lasse sich wegen einer eingefassten Kartusche trotzdem eindeutig sagen, dass es sich um Nofretete handelt. Die Figur aus Kalkstein ist rund 3300 Jahre alt und war im damaligen Ägypten weitverbreitet. «Womöglich war es zu dieser Zeit in Amarna – der Stadt Echnatons – sogar Pflicht, Figuren des Pharaos und seiner Gattin zu besitzen und diese anzubeten», sagt Wegmüller. Erstaunlich an dieser Figur sei, ein auf der Rückseite eingeritztes Raster, welches den Steinmetzen damals half, die körperlichen Proportionen einzuhalten.

Geruch verrät viel über Alter

So viel fremdländische Geschichte war wohl im Schlieremer Ortsmuseum noch nie zu sehen. Doch wie kann Wegmüller sichergehen, dass es sich um authentische Objekte handelt, die er dem Limmattaler Publikum präsentiert? Zumal die Fundstücke erst in jüngster Zeit systematisch erfasst wurden und oftmals Angaben zum Fundorte fehlen. Hierfür gebe es – je nachdem welches Material untersucht wird– verschiedene Methoden, welche das Alter von Gegenständen präzise feststellen können. «Aber auch der Geruch der Keramik, der sich beim Anfeuchten einer Stelle entfaltet, könne nicht gefälscht werden. Zudem lege er grossen Wert darauf, nur mit seriösen Sammlern zu Geschäften.

Und dann doch. Auch der eingangs geschilderte Sarg, der auf einem weissen Tuch aufgebahrt ist, führt Wegmüller in seiner Liste von Objekten auf, die ihm besonders am Herzen liegen. Es handle sich um ein Geschenk zu seinem 50. Geburtstag von einer befreundeten Sammlerin. Die Frage nach seinem Inhalt dürften sich wohl einige Besucher stellen. «Das kann ich gleich aufklären», so Wegmüller. «Der Sarg ist leer.» Der Leichnam seines ehemaligen Besitzers, der Inschrift nach handelt es sich dabei um einen Mann namens Hor-Mes, sei in den letzten zweieinhalb Tausend Jahren abhandengekommen. Mit teils frappanter Achtlosigkeit sei zu

Beginn mit historischen Funden Anfang des 19. Jahrhunderts umgegangen worden. «Viele Särge wurden als Wassertröge für Tiere verwendet», sagt Wegmüller ungläubig. Viel umsichtiger geht er nun mit den Objekten um. So sieht er nicht nur die Gegenstände, die er über die vergangenen 30 Jahre gesammelt hat, sondern auch die Menschen dahinter.

Er versichert, würde er heute durch einen seiner zahlreichen Kontakte auf den Leichnam von Hor-Mes stossen, er würde dafür sorgen, dass er in seinem eigenen Sarg seine letzte Ruhe findet. Denn er sehe sich als Bewahrer auf Zeit, nicht als Besitzer der Gegenstände.

Genau dies sei auch die Botschaft, die er dem Schlieremer Publikum mit auf den Weg geben wolle. So mute das alte Ägypten zwar pompös und glanzvoll an. «Doch anhand der Fundstücke sieht man, dass dort auch normale Menschen wie wir lebten, die kleine Trinkbehälter und Fingerringe trugen.»

Die Ausstellung mit Exponaten aus der Sammlung von Rolf Wegmüller und Daniel Wilhelm feiert am Samstag zwischen 13 und 17 Uhr Vernissage. Danach ist sie bis Ende September jeden zweiten Samstag im Monat zu denselben Zeiten zu sehen.