Der Limmattaler Nationalrat Hans Egloff (53) spricht über gute Vorsätze für das Jahr 2013, sein erstes Jahr als Ratsneuling, Orientierungsschwierigkeiten im Bundeshaus und die Folgen von Parlamentarieranlässen mit reichhaltigen Apéros und mehrgängigen Essen.

Herr Egloff, hat Ihnen das erste Jahr als Nationalrat auf den Magen geschlagen?

Hans Egloff: (Lacht) Ich habe mit einem Nationalratskollegen eine Wette abgeschlossen. Er behauptete, ich würde mindestens drei Kilos zunehmen.

Hat er die Wette gewonnen?

Die Wette war eine echte Herausforderung für mich, als Parlamentarier wird man gestopft wie eine Weihnachtsgans. Aber ich habe mein Gewicht bei einem Kilo mehr halten können. Ich habe manche Essenseinladungen abgelehnt und stattdessen einen Apfel gegessen.

Mit dem Amtsantritt haben sich wohl nicht nur Ihre Essensgewohnheiten geändert, sondern Ihr ganzes Leben hat sich auf den Kopf gestellt.

Richtig. Während der Sessionen ist es besonders intensiv. Es fängt morgens um 7 an, dann werden die letzten Geschäfte besprochen oder es finden die ersten Parlamentarieranlässe statt. Um 8 geht es los mit dem Rat bis 13 Uhr, von 13 bis 15 Uhr ist ein weiterer Anlass, um 15 Uhr geht es weiter mit Rats- oder Fraktionssitzungen bis 19 Uhr. Und dann gibt es noch einen Anlass bis 22 Uhr. Dann ist aber pünktlich Schluss.

Wie ist das vereinbar mit Ihrem Berufsleben als Anwalt?

Ich habe eine junge Anwältin, die mich und die Kanzlei managt. Ausserdem habe ich ausgezeichnete Mitarbeiter. Wenn ich das nicht hätte, könnte ich die Kanzlei dichtmachen.

Auf der Abwesenheitsliste im Nationalrat waren Sie zeitweise sehr prominent vertreten. Wird Fehlen fraktionsintern kritisiert?

Es gibt Abstimmungen, bei denen spielt es keine grosse Rolle, ob man dabei ist oder nicht. Manchmal aber wird es eng, wenn schon nur eine Stimme fehlt. Just an dem Tag beispielsweise, als der Aescher Gemeinderat mich besuchen kam, stand eine Budgetabstimmung an. Ich hatte mich zeitlich etwas verschätzt und prompt kamen die Minderheitsanträge zur Landwirtschaft, Erhöhung der Direktzahlungen, zur Abstimmung. Ich wollte schon los, um die wartenden Aescher abzuholen, und blieb dann doch sitzen. Zum Glück, die Abstimmung ging mit 85 zu 84 Stimmen zu unseren Gunsten aus. Hätte ich dem Aescher Gemeinderat die Bundeshaustür geöffnet, wäre es 84 zu 84 Stimmen gewesen und die Ratspräsidentin hätte per Stichentscheid entscheiden müssen. Da hätte ich wohl ziemlich Prügel bezogen.

Und sonst? Fehlen Sie häufig?

Die S-Bahn-Station Silbern in Dietikon hat mich einige Ränge gekostet. Just an diesem Morgen Anfang Dezember, als das Komitee «Vorwärts Limmattal» das Plakat aufgehängt hat, fanden 30 Abstimmungen statt. Das hat mich im Abwesenheits-Ranking zwischenzeitlich auf Rang 2 oder 3 katapultiert.

Sie sind Ratsneuling. Gibt es ungeliebte Aufgaben, die an Sie delegiert wurden?

Durchaus. Differenzbereinigungsverfahren oder Konferenzen zwischen National- und Ständerat, das sind typische Hamburger-Aufgaben, um den Militärjargon zu verwenden. Wer im Militär frisch aus der Rekrutenschule kommt, den bezeichnet man als Hamburger. Das gilt auch für Neo-Nationalräte.

Sie müssen sich die Sporen abverdienen?

Richtig, es ist oft der Hamburger-Job, am Morgen aufzustehen und an diese Sitzungen zu gehen. Wir sind dann da, um im richtigen Moment die Hand aufzuheben.

Das tönt etwas ernüchtert. Sind Sie das?

Nein, überhaupt nicht. Das ist halt ein Job, den man als Neuling machen muss.

Wie haben Sie Ihren Platz in Bern gefunden? Haben Sie sich einmal im Bundeshaus verlaufen?

Das Bundeshaus ist riesig. Es hat so viele Etagen, Treppen und Zimmer. Ich habe mir den Tipp geben lassen, man solle sich mithilfe der Himmelsrichtungen orientieren. Ich stelle mir also vor, wo die Nord-Süd-Achse verläuft und orientiere mich so. Das klappt recht gut.

Wie viele Anfragen bekommen Sie für Mandate oder Besuche?

Die Anfragen für Besuche im Bundeshaus sind sehr zahlreich. Auch als Kopf für Projekte oder als Referent werde ich häufig angefragt.

Sind darunter auch merkwürdige Anfragen?

Nein. Dadurch, dass ich der einzige Nationalrat im Limmattal bin, kann ich diese Einladungen nicht teilen. Diese Exklusivität gefällt mir. Das Echo ist tatsächlich: «Du bist unser Nationalrat». Und das über die Parteigrenzen hinaus. In dieser Rolle ist es mir eigentlich sehr wohl. Selbst wenn ein Freisinniger oder jemand aus dem linken Spektrum das sagt, gibt mir das ein gutes Gefühl.

Bekommen Sie von Linksgerichteten tatsächlich gern zu hören, Sie seien ihr Nationalrat?

Ich kann damit umgehen, auch wenn das jemand sagt, der nicht SVP wählt (lacht). Ich bin ja auch nicht als SVP-Hardliner bekannt. Auch in meinem privaten Umfeld, in dem Politik keine grosse Rolle spielt, reagieren die Leute mehrheitlich erstaunt über meine Parteizugehörigkeit.

Erstaunt?

Es ist eine Mischung aus Enttäuschung, Verwunderung und Überraschung (lacht). Die Leute rechnen nicht damit, dass ich in der SVP bin. Manchmal weiss ich nicht recht, wie das zu werten ist.

Aber Sie fühlen sich in Ihrer Partei zu Hause?

Ja, die SVP ist die richtige Partei für mich. Ich bin auf jeden Fall am richtigen Ort.

Wie haben Sie den für die SVP turbulenten Herbst mit Bruno Zuppigers Rücktritt, Natalie Ricklis Burnout, Christoph Mörgelis Uni-Affäre und Toni Bortoluzzis Getöse um seine Partei-Mitgliedschaft erlebt?

Die Herbstsession war sehr schlimm. Als Zürcher SVPler wurde der Gang durch die Wandelhalle zum Spiessrutenlauf. Für die Fraktion war das eine sehr unangenehme Situation. Und mich persönlich hat es genervt.

Nach 16 Jahren als Zürcher Kantonsrat haben Sie sich nach Ihrer ersten Session in Bern noch über die zeitungslesenden Ratsmitglieder gewundert. Was tun Sie heute, wenn jemand am Rednerpult steht?

Es ist nicht nötig, bei den Debatten ständig zuzuhören. Es ist alles standardisiert, bei drei Vierteln der Geschäfte kann man voraussagen, was passiert. Es ist voraussehbar, wer was sagt und wer wie stimmt. Der verbleibende Rest ist das, was den Alltag spannend macht, was die Debatte lebendig macht. In den drei Vierteln der Geschäfte, die in geordneten Bahnen verlaufen, kann ich wirklich meine E-Mails checken und die Post lesen. Die Politik findet eigentlich nicht im Nationalratssaal statt, Politik findet in der Wandelhalle, im Zeitungssaal, in der Cafeteria statt. Da trifft man sich mit Leuten anderer Fraktionen, da tauscht man sich aus, da werden Händel beschlossen.

Sie haben kurz nach Ihrem Amtsantritt gesagt, Sie seien einer von 200, auf Sie hätte niemand gewartet. Hat sich das gewandelt?

Es stimmt noch immer ein Stück weit. Ganz böse gesagt: Würde ich heute tot vom Stängeli fallen, wäre morgen der Nächste da. Aber ich habe in der Zwischenzeit meinen Platz gefunden. Ich bin nicht mehr nur die Nummer 16 - mein Sitzplatz. Seit meiner Wahl zum Präsidenten des Hauseigentümerverbands Schweiz habe ich diesen Hut auf. Für Geschäfte, die die Hauseigentümer betreffen, bin ich der Ansprechpartner.

Dieses Amt als HEV-Präsident hat Ihnen in Bern also Gewicht verliehen?

Ja, eindeutig. Auch in der Fraktion.

Sie sind im letzten Jahr nur viermal ans Rednerpult getreten. Warum?

Ich bin nicht der, der sich in den Vordergrund drängt. Ich überlege mir immer, was der gescheiteste Weg ist, damit ein Geschäft zum Erfolg kommt.

Wie meinen Sie das?

In dieser Session wurden zwei Vorstösse eingereicht, die in meiner Küche entstanden, aber nicht von mir eingereicht worden sind.

Was für eine Strategie steckt dahinter?

Ich überlege mir jeweils, ob es nicht cleverer ist, wenn jemand von einer anderen Fraktion zuoberst auf dem Vorstoss steht. Jemand mit einem anderen Profil. Wenn man als SVPler in Bern Unterschriften für einen Vorstoss sammelt, muss man eine zusätzliche Barriere überwinden. Viele Parlamentarier unterschreiben grundsätzlich nichts, was von der SVP kommt.

Hier kommt also der Taktiker zum Vorschein, den Sie vor Ihrer Wahl angepriesen haben. Aber Taktik hin oder her, wann reichen Sie Ihren ersten Vorstoss ein?

Ich habe drei, vier Sachen pendent.

Haben Sie für 2013 einen Vorsatz gefasst? Beispielsweise Ihre ersten fünf Vorstösse einzureichen?

Vorstösse sind Mittel zum Zweck und nichts, was man sich zum Vorsatz vornehmen sollte. Aber auch sonst habe ich mir keine Vorsätze genommen. Mir ist es wohl in meiner Situation, ich muss nichts daran verändern.

Sie sind kein Vorsatz-Mensch. Aber gibt es vielleicht Rituale, die Sie als Nationalrat befolgen?

Zu jedem Sessionsauftakt und jeden Montagmorgen marschiere ich vom Café Fédéral her schnurstracks quer über den Bundeshausplatz ins Bundeshaus. Da wird mir jedes Mal bewusst: Ich bin Nationalrat, ich habe einen Auftrag, ich gehe jetzt ins Bundeshaus und mache meine Arbeit. Ich habe riesige Freude an meinem Amt. Ja, es ist stressig, es ist viel Arbeit. Aber es macht auch sehr viel Spass und es macht mich stolz, dieses Amt ausführen zu dürfen.

Sie haben einmal gesagt, das Limmattal werde in Bern nicht wahrgenommen. Wie kann man das ändern?

Die Leute kennen das Limmattal durchaus, aber hauptsächlich wegen des Verkehrs. Gubrist, Limmattaler Kreuz, das kennt man aus den Staumeldungen. Auch wissen die meisten, dass es eine Boomregion ist. Aber wenn es um konkrete Anliegen geht, ist es vorbei.

Sehen Sie denn Möglichkeiten, das Limmattal in den Fokus von Bundesbern zu rücken?

Ja, und zwar mit mir als Vermittler. Ich bin Ansprechpartner von Limmattaler Gemeinden und kann die Behörden mit der richtigen Stelle in Bern koppeln. Ich kann nicht gross Einfluss nehmen, aber ich kann mithelfen und schauen, dass die Rädchen weiterdrehen und mit dem Ölkännchen ab und zu einen Tropfen dazugeben. Das hilft.

Worauf freuen Sie sich im 2013?

Wir wollen im Frühling einen Vorschlag auf den Tisch legen, der die Besteuerung des Eigenmietwerts regelt. Dies im Nachgang zur knapp verlorenen Abstimmung «Sicheres Wohnen im Alter». An diesem Vorschlag arbeiten wir unter Hochdruck. Wir wollen einen Konsens finden, der für die Hauseigentümer ein Gewinn sein soll, aber einer, der von den Mietern akzeptiert werden kann.

Das Thema Bausparen ist vom Tisch?

Ja, leider ist es für den Moment vom Tisch. Es ist politisch nicht opportun, das Thema weiter köcheln zu lassen. Es wäre durchgestiert und unhöflich gegenüber dem Stimmbürger.

Sie wollen den HEV aggressiver machen, wieder in die Spur bringen. Wie wollen Sie das 2013 anstellen?

Das ist auf gutem Wege. Ich möchte eine Parlamentariergruppe zusammenstellen, mit der ich den Vorschlag zum Eigenmietwert präsentieren könnte, und einen «Tag des Eigentums» initiieren. Das wäre ein Tag, an dem man die Gelegenheit hätte, Gespräche über dieses Institut zu führen. Es wird viel zu wenig über Wohneigentum gesprochen.