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Aesch: Das kleine Dorf steht vor seinem grossen Sprung

In Aesch werden 2017 fast hundert neue Wohnungen frei. Doch im Bauerndorf macht man sich deswegen keine grossen Sorgen. Schliesslich hat das Dörfliche bis jetzt auch überlebt – so wie die vielen Landwirte und das Restaurant «Landhus».

David Egger
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24h Repo Aesch
11 Bilder
Sie fressen Heu und Futterpellets und hören den ganzen Tag Radio
"Der Radio beruhigt die Tiere", sagt Bauer Markus Stalder
Auf dem Hof leben auch eine Katze und ein Hund
"In Aesch ist es wie zuhause im Tirol, sehr idyllisch", sagt der 17-jährige Praktikant der Stalders
Doch ein grosser Flecken Erde fällt auf in der Aescher Idylle 82 Wohnungen entstehen in der Heligenmatt
Das "Landhus" ist das einzige verbliebene Restaurant in Aesch
Das "Landhus" bietet serbische Spezialitäten an, wie diesen währschafte Eintopf
Wirtin Nada Milosevic führt das Restaurant seit bald einem Jahr. "Ich hätte schon früher hierher kommen sollen", sagt sie
Immer am Mittwochabend wird im +Landhus+ gejasst
Peter Bretscher, Präsident des Naturschutzvereins, zeigt das Naturschutzgebiet "Feltsch".

24h Repo Aesch

Chris Iseli

Markus Stalder füttert um 8.30 Uhr seine Kühe mit Heu, die Hündin Sheila bellt das fremde Auto an – so weit ist der Aescher Stalder-Hof ein ganz normaler Bauernhof. Ein Geschoss über den Kühen gucken weisse Kaninchen hinter feinem Gitterdraht hervor. Jedes hat einen Käfig für sich alleine – jetzt noch. «In den nächsten Tagen werfen sie», sagt Bauer Stalder. Die Tiere haben sich einen Teil des Fells ausgerissen, um Nester zu bauen.

Kaninchenhaltung ist ein rares Geschäft: Herr und Frau Schweizer wollen lieber Schwein, Geflügel und Rind (in dieser Reihenfolge). Aber Stalder kennt sich mit Kaninchen bestens aus, früher war er beim Kleintierzüchterverein Dietikon dabei. Jetzt konzentriert er sich aber nicht mehr auf seltene Rassen, sondern auf Zimmermannskaninchen. Die jüngsten leben im Maststall und hören den ganzen Tag Radio. «Das beruhigt sie», sagt Stalder. Mit 88 Tagen sind sie schlachtreif.

Ausländer machen hier Ferien

Die Kaninchen kriegen Futter: Wasser, Pellets und Heu. Gefüttert werden sie von einem jungen Ausländer, mit dem Stalder Hochdeutsch spricht. Der 17-Jährige ist Österreicher, macht hier ein Praktikum. «In Aesch ist es wie zuhause in Tirol, sehr idyllisch», sagt er.

Wussten sie schon: Aesch hält so manchen Rekord

- 26,7 Prozent der Aescher Bauzone sind noch nicht überbaut – ein absoluter Rekord im Bezirk Dietikon.

- Aesch und Birmensdorf haben am meisten Landwirtschaftsbetriebe im Bezirk Dietikon, nämlich je 16.

- Mit 136 Franken pro Einwohner hat Aesch die tiefsten Gesundheitskosten pro Kopt im Bezirk Dietikon.

- Mit 0,2 Prozent hat Aesch die tiefste Sozialhilfequote im Bezirk Dietikon.

- Aesch hat den tiefsten Ausländeranteil im Bezirk, nämlich 15,1 Prozent.

- Auch beim Anteil Einfamilienhäuser am ganzen Wohnungsbestand hält Aesch den Rekord: Er beträgt sage und schreibe 38,9 Prozent.

Andere Ausländer kommen auf den Stalder-Hof, um ihre Ferien hier zu verbringen. Die Ferienwohnung mit zehn Betten ist oft ausgebucht. Stalder selbst fühlt sich als Limmattaler. «Wir orientieren uns zwar ins Limmattal und ins Amt. Aber das Weininger Rebblüetefäscht lasse ich mir zum Beispiel nicht entgehen.» Ursprünglich kommt Stalder aus dem Luzernischen. Vor 33 Jahren hat er mit Kollegen eine WG in Aesch gegründet, in einem Haus, dessen Besitzer für drei Jahre nach Hongkong arbeiten ging. Stalder verliebte sich, blieb hier und übernahm dann den Hof vom Schwiegervater.

Zurück in Richtung Norden: Nach wenigen hundert Metern beginnt das Dorf, markiert durch den Kreisel bei der Heligenmatt. Zur Rechten öffnen sich im Boden riesige Erdgruben, umzäunt von weissen Kunststoffwänden. 82 Wohnungen entstehen hier. Ab 2017 ziehen die neuen Einwohner in die «Baumgarten»-Siedlung.

Weiter zum Volg, Zigaretten kaufen. Der Laden läuft, erst recht, seit er auch noch eine Post ist. Bald wird er umgebaut. «Die Ladenfläche wird vergrössert», wird mir später Markus Stalders Frau Monika erklären, die hier Teilzeit arbeitet.

Nach dem Mittagessen im «Landhus» spaziere ich den östlichen Hang hinauf. Zuoberst am Waldrand sieht man bis nach Dietikon zum Limmat-Tower. Zwei Hunde tauchen auf. Der Halter hält an für einen kurzen Schwatz. In Aesch sagt man sich eben noch Grüezi.

Zurück nach unten, es ist bald 17 Uhr. In der Gartenwirtschaft des «Landhus» sitzen zahlreiche Senioren. Ein paar brechen auf, ich setze mich dazu. Es beginnt ein langes Gespräch mit zwei Herren. Einer davon ist ehemaliger Gemeinderat. «Aber ich bin jetzt 84 Jahre alt, mein Name muss nicht mehr in der Zeitung stehen», sagt er. Um 20 Uhr stossen die Mittwochs-Jasser dazu, darunter das Ehepaar Stalder – ein eingespieltes Team, das sogar den einen oder anderen Match macht. Am Ende des Abends nehmen sie als Gewinn ein paar Zweifränkler mit nach Hause.

«Wir könnten 3000 Leute sein»

Unter den Stammgästen sind auch der ehemalige Posthalter oder Martin Kaufmann, der Schulhausabwart, der früher den Dorfladen führte, in dem jetzt der Volg ist. Alle machen sich Gedanken zu den neuen Wohnungen, die da kommen. «Wenn wir es wie andere Gemeinden gemacht hätten, würden wir locker 3000 Einwohner zählen», sagt einer. Stattdessen sind es gut 1200. Lange haben die Grundbesitzer Land aufgespart, das zum Teil schon vor Jahrzehnten eingezont wurde. Für die einen ist es der Grund, warum die Gemeinde ihren bäuerlichen Charme erhalten hat, so attraktiv und wohlhabend wurde. Andere sehen darin eine verpasste Chance. «Die Baustelle kommt 20 Jahre zu spät, weil ein paar Leute auf der Leitung gestanden sind», sagt ein anderer, «es wäre besser gewesen, sukzessive zu wachsen statt alles aufs Mal, wie es jetzt passiert.» Dann betont er, dass das einfach seine Meinung ist. «Aber wirklich beschäftigen tut mich der Bauboom nicht.» Die Aescher hoffen, dass alle Wohnungen vermietet werden können und sich auch ein paar Neuzuzüger ins Dorfleben integrieren. So, wie sie es einst gemacht haben.

Ein Sturm ist im Anflug, die Bauern müssen kurz zu ihren Höfen. Die geplante Nacht unter freiem Himmel entfällt. Um Mitternacht döse ich auf dem Beifahrersitz des Autos ein.
Am nächsten Morgen wartet Peter Bretscher auf einer Sitzbank unterhalb des Naturschutzgebiets Feltsch. Der pensionierte Lehrer ist mit dem Elektrovelo da. Er ist ein Pionier, fährt seit 1991 E-Bike. Wie viele andere Zugezogene, die Aesch mitgeprägt haben, kam er in den 70ern hierher, als schon mal im grossen Stil Häuser gebaut wurden. Zuvor wohnte er in Geroldswil. «Mit der Autobahn war es uns dort aber etwas zu lärmig», sagt Bretscher.

«Die Einheimischen haben schnell gemerkt, dass wir mitmachen, zum Beispiel bei der Feuerwehr. Da hat dann niemand mehr über die Zugezogenen geflucht.» Die Bauern waren dann auch offen für Naturschutz-Projekte. Zuletzt wurden auf einigen Bauernhöfen Nistkästen für Turmfalken installiert. 2015 zog dann ein Falkenpaar seine Jungen in Aesch auf. Wir stapfen durch die hohen Gräser, das Schilf und die Dornenzweige im «Feltsch»-Hangried. Meine Schuhe werden nass, Bretscher trägt Sandalen.

Wie die anderen Aescher fühlt auch er sich als Limmattaler. «Aber wir haben eine komplizierte Beziehung zu unserem Bezirk und sind zufrieden, wenn man im Tal unten nicht vergisst, dass wir auch dazugehören.» Dann erzählt Bretscher noch eine Anekdote über die kostenlosen Telefonbücher, die in die Briefkästen verteilt werden. Die seien hier mit «Bezirk Affoltern» angeschrieben, obwohl sie auch Aescher Telefonnummern enthalten: «Den Herausgebern habe ich schon paar Mal einen kleinen Beschwerdebrief geschrieben.»

In der Dorfbeiz wirtet eine Städterin mit Balkan-Flair

«Das letzte Dorfrestaurant schliesst seine Türen»: Nur allzu oft hört man diese Hiobsbotschaft. Zuletzt passiert in Oberlunkhofen, nur zwei Dörfer weiter von Aesch; am 1. Juli schloss dort der «Kellerämterhof». Aber Aesch hat seine Dorfbeiz noch. Und sie läuft gut. Denn Nada Milosevic ist nicht einfach irgendeine Beizerin: Die «Landhus»-Besitzer haben explizit sie als Wirtin gewünscht, schliesslich kennt man sie in Aesch schon länger. Der Grund: Zehn Jahre lang hat sie im Nachbardorf Arni im «Sternen» gearbeitet. Im September 2015 übernahm sie dann das «Landhus». Jetzt gefällt es ihr so gut, dass sie sagt, sie hätte schon früher nach Aesch kommen sollen.»

Die Aescher seien stolze und hilfsbereite Leute, sagt sie. «Manchmal bringen sie einfach die leeren Gläser selber in die Küche oder helfen, die Tische aufzustellen.» Auch ausländerfreundlich seien sie hier oben. «Ich habe hier noch keinen einzigen Jugo-Spruch gehört. Das ist nicht überall so.»

19 Jahre alt war Milosevic, als sie aus Serbien in die Schweiz kam, um im Hotel Belvédère in Davos zu arbeiten. Es folgten die Hotelfachschule in Interlaken, die Ausbildung zur Restaurantfachfrau in Bern und schliesslich das Wirtepatent und die Lehrmeisterprüfung in Zürich. «Das Gastgewerbe ist mein Leben, ich könnte nicht ohne», erklärt die heute 54-jährige Schweizerin. Bis zur Pensionierung will Milosevic das «Landhus» sicher noch führen – und beim Einkauf die lokalen Bauern unterstützen. So holt sie Eier, Gemüse und Früchte oft bei den lokalen Bauern.

Selber wohnt sie aber nicht in Aesch, sondern in der Stadt: «Ich bin eben auch stolz, ich bleibe Zürich treu.» Auch dem Balkan ist sie treu geblieben – nicht nur wegen ihres Akzents, der zudem noch einen sanften Hauch bündnerische Aussprache enthält. Auf der «Landhus»-Karte sind stets auch Spezialitäten vom Balkan zu finden, beispielsweise der serbische Eintopf mit Kartoffeln, Gemüse, Reis und Kalbsfleisch. Es ist genau das Richtige für Schweizer Mägen, die es nach etwas Währschaftem gelüstet. (DEG)