In Ärzteserien oder Gesundheitssendungen sorgen solche Bilder bei vielen Zuschauern für Schauder: Einem Patienten wird ein Katheder in der Leistengegend eingeführt und der lange, dünne Schlauch durch ein Blutgefäss bis zum Herz geschoben. Das Vordringen der Katheterspitze ist auf einem Bildschirm zu sehen. Dann beginnt der Arzt an den Rädchen am äusseren Ende des Katheders zu schrauben, um die Spitze zu krümmen, bis sie an der richtigen Stelle in einer Herzkammer ist. Schliesslich verödet er per Knopfdruck mittels Stromstössen eine Stelle des Herzgewebes. So läuft eine Operation ab, bei der eine Herzrhythmusstörung korrigiert wird – eine sogenannte Katheter-Ablation. Die Methode wird aber schon bald der Vergangenheit angehören.

Denn: Das Team des ETH-Spin-offs «Aeon Scientific» mit Sitz an der Schlieremer Rütistrasse arbeitet seit 2010 daran, diese Operationstechnik zu verbessern. «Unser Ziel ist es, Katheter-Ablationen präziser, sicherer und schneller zu machen», sagt Aeon-CEO Dominik Bell. Die Basis bildet eine Technologie, die ab 2003 von Forschern der ETH Zürich entwickelt wurde. Ihre Idee: Statt des Katheters von Hand zu steuern, bedient der Chirurg im neuartigen Operationssystem mit dem Namen «Phocus» nur noch einen Joystick – zwei unterschiedliche Bildgebungsverfahren zeigen ihm die Bewegungen der Schlauchspitze im Körper des Patienten. Der Katheter ist an der Spitze mit kleinen Magneten ausgestattet, die in den Blutgefässen über ein Magnetfeld wie von Geisterhand millimetergenau gesteuert werden können.

Eine weiche Spitze ist sicherer

Diese Technologie erhöht die Sicherheit und Effizienz der Herzrhythmus-Operation in zweifacher Hinsicht, wie Bell erklärt: «Zum einen sind die Bewegungen mit dem Joystick viel präziser als von Hand. Zum anderen ist die Katheterspitze in unserem System sehr weich. Dies senkt das Risiko, beim Navigieren im Körper Gewebe zu verletzen.»

Die Apparatur, die das Magnetfeld erzeugt, sieht aus wie ein oben geöffnetes Magnet-Resonanz-Gerät (MRI), auch «Röhre» genannt: Der Patient liegt auf einer Bahre; links und rechts davon stehen in einigem Abstand zwei grosse Apparaturen, deren obere Enden sich zum Kranken zu neigen scheinen. Bell sagt, der Aufbau der Apparatur sei bei der Entwicklung so konzipiert worden, dass auch das Wohlbefinden der Patienten während der Behandlung möglichst hoch ist: «Wir achteten darauf, dass nicht ein derart beklemmendes Gefühl aufkommen kann, wie bei einer Untersuchung im MRI.» Ausserdem biete die offene Bauweise auch den Vorteil, dass medizinisches Personal während des Eingriffs leicht Zugang zum Patienten habe.

Sieben Jahre arbeiteten die Forscher im Team von ETH-Professor Bradley Nelson an einem magnetgesteuerten Operationssystem, bis 2010 die Firma Aeon Scientific gegründet wurde. Diese baute 2012 einen ersten Prototyp im Massstab 1:1. «Wir haben daran zwar fast alles wieder geändert, doch er war trotzdem ein Erfolg. Wir stellten fest, dass unsere Software und das System an sich funktionieren», erklärt Bell.

Ab März folgt der Praxistest

Vor einem Jahr zog die Firma aus der ETH aus und liess sich in Schlieren nieder. Seither ist die Entwicklung des «Phocus»-Systems weit fortgeschritten. Im Januar installiert eine erste Klinik die Apparatur. Und dies, bevor sie jemals an einem Menschen getestet worden wäre. «Dass unser System funktioniert, konnten wir schon jetzt beweisen», versichert Bell. Wenn es voraussichtlich im März die Zulassung erhält, muss die Aeon in der Praxis aber nachweisen, welche Verbesserung bezüglich Sicherheit und Nutzen Sicherheit und Nutzen ihre Technologie gegenüber herkömmlichen Operationsmethoden bringt.

Nicht nur der CEO des Schlieremer Spin-offs ist zuversichtlich. Vor kurzem nominierte die Jury des renommierten Swiss Technology Awards die Aeon Scientific für die Auszeichnung in der Sparte Start-up. Würde die Firma am 20. November aus den drei Finalisten als Sieger auserkoren, wäre das für Bell und seine 18 Mitarbeiter mehr als nur eine Bestätigung, wie er sagt: «Ein solcher Preis ist bei der Vermarktung des Produkts auch bei der Personal- oder Investorensuche ein Vorteil.»

Und die Chancen stehen gut, dass Aeon Scientific bald mehr Personal und neue Investoren suchen muss: Laut Bell wäre die Magnetfeld-Steuerung nämlich nicht nur für Herzoperationen geeignet. «Man könnte damit auch Endoskope oder Kapseln im Körper bewegen. Es gibt unzählige Einsatzmöglichkeiten», erklärt der CEO. Sei das «Phocus»-System erst einmal auf dem Markt, werde man sich anderen Anwendungsbereichen widmen.

(Quelle:aeonscientific)

Animation Aeon Phocus