Herr Notz, die Zukunft des Cabarets Voltaire ist nach dem Gemeinderats-Ja vom Mittwochabend gesichert, aber mit weniger Geld, als Sie für nötig befanden. Überwiegt die Freude oder der Frust?

Adrian Notz: Die Freude. Wir haben zwölf Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Dass die Stadt Zürich jetzt einen Betriebsbeitrag zahlt, ist ein grosses, positives Zeichen. Natürlich wäre es toll, wenn wir mehr Geld hätten, da spielt auch Enttäuschung mit. Aber jetzt müssen wir halt schauen, wie wir das Budget und das Programm machen.

Sie wollten einen jährlichen Betriebsbeitrag von 250 000 Franken, der Gemeinderat hat nun 100 000 bewilligt. Wie wollen Sie Ihre Ideen jetzt umsetzen?

Bisher war der Betrieb durch die Bar, den Shop und die Saalvermietung finanziert und der künstlerische Teil weniger gesichert. Das ändert sich jetzt mit den 100 000 Franken. Ob wir damit künstlerisches Personal oder Projekte finanzieren, sind strategische Entscheide, die wir in nächster Zeit treffen.

Ihr Ziel war ein vermehrt künstlerischer Betrieb, weniger ein Mehrzwecksaal mit Bar, wie sie es nannten. Lässt sich das noch machen?

Ich denke, das ist möglich. Es soll auch weiterhin das Ziel sein. Das Cabaret Voltaire soll vermehrt ein Ort der Kunst sein und nicht eine Bar mit Museums-shöpli, wie die SVP es nannte. Bereits letztes Jahr hatten wir an 165 Tagen Programm, auch die Manifesta war da. Jetzt ist es ganz okay, in einer reflexiven Phase das Jubiläumsjahr 100 Jahre Dada aufzuarbeiten. Und wir haben immer noch ein dichtes Programm.

Wie wird sich das Cabaret Voltaire in Zukunft verändern?

Wir haben uns immer stark auf Ausstellungen konzentriert. Aufgrund der Erfahrungen im letzten Jahr, unabhängig vom jüngsten Gemeinderats-Entscheid, lässt sich sagen: Wir sind ein Ort für Performances. Den Gedanken, dass wir eine Ausstellung haben müssen, können wir verabschieden. Die Ausstellung verbreitet sich aufs ganze Haus, aber den Fokus legen wir auf Performance und Diskussionen, Podien. Dada ist der Ursprung der Performance-Kunst. Dass man hier auch diskutiert und reflektiert, entspricht dem Geist von Dada.

Wie oft soll es solche Veranstaltungen geben?

Jede Woche. Es muss ja nicht jedes Mal 10 000 Franken kosten. Ziel ist, dass wir als Ort der Kunst und Philosophie wahrgenommen werden – und dass die Dada-Fans, die auch nach dem Jubiläum noch kommen, ihre Erlösung finden.

Dada wurde aus einem anarchischen Geist geboren. Jetzt übernimmt die Stadt die Dada-Geburtsstätte. Wie sinnvoll ist das?

(Lacht) Das ist so eine typische SVP-Frage ...

Stimmt. Aber es ist auch das, was sich vielleicht viele Leute fragen.

Dada entstand aus einem Humus von revolutionären Gedanken, aber auch aus der Cabaret-Szene, die es damals gab. Der Polizeichef und der Herr Jelmoli gingen vor 100 Jahren auch an Dada-Abende. Man hat ein zu enges Bild von Dada, wenn man sagt: Es ist anarchisch und linksalternativ. Hugo Ball redete im ersten Dada-Manifest von Seligkeit, Irrsinn und Bewusstlosigkeit, aber auch von Berühmtheit, edlem Gestus und feinem Anstand. Es geht auch darum, das Links-rechts-Denken aufzubrechen. Und wenn man von einem 100 Jahre alten Erbe redet, ist es okay, wenn sich der Staat dafür einsetzt im Sinne einer Öffentlichkeit. Da wäre ein rein anarchischer Zugang zu eng.

Beim anarchischen Geist denke ich auch an die Wiederbelebung des Cabarets Voltaire durch Hausbesetzer vor über zehn Jahren. «Bring dein Ding, sing dein Ding», war deren Slogan. Ist das angesichts des knappen Budgets auch eine Option, dass sich das Cabaret Voltaire für spontane Aktionen öffnet?

Ja. Wir sind nicht verschlossen. Im Moment ist ja ein Manko an offenen Räumen in Zürich entstanden. Insofern kann ich nur eine offene Einladung aussprechen. Meine Idee vom Cabaret Voltaire war immer, dass nicht ich als künstlerischer Direktor bestimme, was hier läuft, sondern dass es eine Chance für alle Kunstschaffenden, Denker und Philosophen ist, diesen Ort zu nutzen.

Die AL hat das Referendum angekündigt, sodass wahrscheinlich eine Volksabstimmung kommt. Mit welchem Argument wollen Sie das Stimmvolk überzeugen?

Das Hauptargument ist, dass ein Weltkulturerbe nicht im Besitz einer privaten Versicherung sein sollte. Wenn so ein Monument im Besitz der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Zürich ist, ist das doch toll!