Dietikon
Adrian Leimgrübler geht in die Defensive

Er habe kein Alkoholproblem, wie ihm das seine ehemaligen Kollegen vorwerfen, sagt der Statthalterkandidat. Auch die übrigen Vorwürfe streitet er ab.

Bettina Hamilton-Irvine und Sophie Rüesch
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Adrian Leimgrübler will am 21. Mai zurück ins Amt gewählt werden. Im ersten Wahlgang im Februar erzielte er die meisten Stimmen.

Adrian Leimgrübler will am 21. Mai zurück ins Amt gewählt werden. Im ersten Wahlgang im Februar erzielte er die meisten Stimmen.

Chris Isel

Die Vorwürfe, die sieben Statthalter und eine Statthalterin des Kantons Zürich an die Adresse des ehemaligen Dietiker Statthalters Adrian Leimgrübler (FDP) erhoben hatten, will dessen Anwalt nicht gelten lassen. Die Statthalter hatten letzte Woche eine Mitteilung verschickt, in der sie erklärten, es dürfe nicht sein, dass ein Statthalter schon zu Morgenterminen «mit Alkoholgeruch oder gar nicht» erscheine. Leimgrübler, der zurück ins Amt will, sei unzuverlässig und zu vielen Sitzungen nicht erschienen, weshalb man ihm wichtige Aufgaben nicht habe delegieren können. Deshalb unterstützen sie für den zweiten Wahlgang am 21. Mai Leimgrüblers Konkurrenten Simon Hofmann (FDP).

Leimgrüblers Anwalt Bernhard Rüdy will die Vorwürfe nicht auf seinem Klienten sitzen lassen. Die Behauptungen betreffend übermässigen Alkoholkonsums seien verletzend und bereits 2012 durch einen Laborbericht über entnommene Blutproben sowie einen Bericht seines Hausarztes widerlegt worden. Damals kamen die Gerüchte erstmals auf, worauf die Justizdirektion ihnen nachging.

Der damalige Regierungsrat Martin Graf (Grüne) hat danach in einem Brief darauf hingewiesen, dass die Laborwerte keine Hinweise auf einen übermässigen Alkoholkonsum geliefert hätten. Zudem sei Leimgrüblers «zeitweilig stärkeres Zittern» durch einen erblich bedingten Tremor erklärbar, seine «starke Rötung von Haut und Augen» durch eine «nur bedingt behandelbare Pollenallergie».

«Ich habe kein Alkoholproblem»

Leimgrübler selbst wollte bisher noch keine Stellung nehmen zum Vorwurf des übermässigen Alkoholkonsums. Gestern holte er dies nach: «Ich habe kein Alkoholproblem», sagte er. «Als Alkoholiker hätte ich die 14 Jahre im Amt mit all diesen positiven Rückmeldungen gar nicht ausüben können.» Allerdings sei er ein geselliger Mensch und trinke «gern ein Glas Wein zum Znacht, aber alles in Massen. Und ich kann Ihnen versichern: Mich hat noch nie ein Mensch im Bezirk betrunken gesehen.»

Sein Anwalt Bernhard Rüdy schob gestern nach, dass auch der von den Statthaltern erwähnte Alkoholgeruch eine medizinische Erklärung habe: Leimgrübler leide an permanentem Reflux (Sodbrennen), der «fälschlicherweise als Alkoholgeruch wahrgenommen werden kann». Auch dies hat ihm Leimgrüblers Hausarzt attestiert, in einem dieser Zeitung vorliegenden Mail, das auf letzten Sonntag datiert. Der Hausarzt ist ein enger Vertrauter, mit dem Leimgrübler nach eigenen Aussagen gut befreundet ist und der auch in seinem Unterstützungskomitee vertreten ist.

Lesen Sie hier den Kommentar der Redaktorin

Auf Anfrage teilt Graf mit, der Inhalt des Schreibens von 2012 sei «eine Momentaufnahme, die sich einzig auf den damaligen Bericht des Hausarztes stützte». Die Untersuchung durch einen Vertrauensarzt sei damals nicht möglich gewesen, da der Kanton gewählte Behördenmitglieder nicht dazu verpflichten könne, so Graf – beziehungsweise, die Anordnung «müsste allenfalls juristisch über ein Verfahren geklärt werden». Es sei für ihn damals nicht erwiesen gewesen, dass Leimgrübler kein Alkoholproblem habe, so Graf, «aber es liess sich auch nicht beweisen, dass er ein solches Problem hat».

«Etwas seltsam»

Der heutige Kantonsratspräsident Rolf Steiner (SP), der sich damals gemeinsam mit Pierre Dalcher (SVP) mit Hinweisen an Graf wandte, sagt, für ihn sei die Sache mit der Antwort des Regierungsrats soweit erledigt gewesen. «Mir kamen allerdings die ärztlichen Befunde zu den Symptomen etwas seltsam vor, ich bin aber kein Arzt.»

Auch Marcel Tanner (SVP), damals wie heute Vorsitzender der Statthalterkonferenz, bekam damals Grafs Brief. Zur Medienmitteilung der acht Statthalter sagte er gestern: «Wir stützen uns ausschliesslich auf unsere eigenen Feststellungen, die wir seit Jahren und bis September 2015 gemacht hatten.» Die Feststellungen bezüglich Alkoholgeruch hätten bis zur Suspendierung Leimgrüblers angedauert. «Es kann also keine Rede davon sein, dass wir uns auf veraltete Vorwürfe stützen.» Allgemein, so Tanner, stehe die Gruppe der Statthalter zu ihren Feststellungen gemäss Medienmitteilung.

30, nicht 50 Prozent Absenzen

Anwalt Rüdy belegt derweil, dass es nicht zutrifft, dass Leimgrübler «im Durchschnitt an jeder zweiten Statthalterkonferenz» gefehlt habe. Basierend auf Sitzungsprotokollen hat Rüdy eine Liste erstellt: Leimgrübler hatte im Jahr 2012 an zwei von zehn Sitzungen, 2013 an keiner, 2014 an fünf von elf und 2015 an fünf von neun Sitzungen gefehlt. Somit stimmt die Beobachtung der acht Statthalter zwar für die letzten zwei Jahre, über die letzten vier Jahre kommt Leimgrübler aber auf rund 70 Prozent Anwesenheit. Auch sei Leimgrübler den Sitzungen in diesem Zeitraum nicht «teils unentschuldigt» ferngeblieben. Zudem betont Rüdy, dass die Teilnahme nicht obligatorisch sei. Ein Blick in die Protokolle zeigt allerdings auch, dass es zumindest nicht üblich ist, so häufig zu fehlen.

Sein gehäuftes Fernbleiben in den Jahren 2014 und 2015 von der Statthalterkonferenz, in der Leimgrübler lange selbst als Vizepräsident fungierte, erklärt dieser folgendermassen: «Die Statthalterkonferenz ist in dieser Zeit zum Palaververein verkommen. Die Menschen in diesem Gremium sind Selbstdarsteller. Da war mir schlicht meine Arbeitszeit zu schade.»

Ihre Nicht-Unterstützung von Adrian Leimgrübler begründen die Statthalter auch damit, dass es wichtig sei, «dass der künftige Statthalter und Präsident des Bezirksrates Dietikon seinen Pflichten als Aufsichtsorgan über die Gemeinden und insbesondere auch über die Feuerwehren glaubwürdig und verlässlich» nachkommt.

Um zu zeigen, dass Leimgrübler sich in diesem Punkt nichts vorwerfen lassen müsse, wartete Rüdy mit einem dicken Mäppchen von Zeugnissen durch rund 70 amtierende und ehemalige Limmattaler Exekutivpolitiker sowie dem Präsident des Feuerwehrverbands der Bezirke Zürich und Dietikon auf.

Letzterer schreibt: «Adrian Leimgrübler nimmt seine Führungsverantwortung wahr, er ist zuverlässig und pünktlich [...], hilfsbereit, kontaktfreudig, konfliktfähig, loyal und von allen sehr geschätzt.» Auch zu den Feuerwehrinspektionen hat Rüdy eine Liste von Leimgrüblers Teilnahmen erstellt, gestützt auf die Inspektionsberichte. Von 2013 bis 2015 sei er bei allen in diesen Jahren durchzuführenden Inspektionen dabei gewesen, so Rüdy.

Die zahlreichen Zeugnisse durch die Gemeindevertreter, welche diese auf Anfrage von Leimgrübler selbst erstellt hatten, zeichnen ein positives Bild von Leimgrüblers Amtsausübung. Ein Auszug aus den Referenzen: Vertrauenswürdig, gerecht, korrekt, kompetent, auskunftsbereit, über die wichtigsten Angelegenheiten in den Gemeinden informiert und ständig erreichbar sei er gewesen. Insbesondere angesichts dieser «erdrückenden Vielfalt positiver Meinungsäusserungen direkt Betroffener» würden die Vorwürfe der Statthalter befremden, so Rüdy.

Auch gegen den Vorwurf, man habe wichtige Aufgaben wie die Organisation von Weiterbildungen nicht übertragen können, wehrt sich Leimgrübler. «Ich habe zweimal Weiterbildungen für die Mitarbeitenden der Statthalterämter des ganzen Kantons organisiert – das waren notabene die einzigen, die während meiner Zeit als Statthalter überhaupt durchgeführt wurden.»

Ueli Hofmann weist Vorwürfe der Einflussnahme von sich

Die deutlichen Worte seiner früheren Amtskollegen konterte Adrian Leimgrübler letzte Woche mit einem Gegenangriff: Es gehe bei der Aktion nur um Wahlkampf, sie sei von Meilens Statthalter Ueli Hofmann, dem Vater von Leimgrübler-Konkurrent Simon Hofmann, initiiert worden, um seinen Sohn «durchzuboxen». Ueli Hofmann weist diesen Vorwurf von sich. Er habe weder an der Diskussion noch an der Formulierung der Pressemeldung mitgewirkt.

Die Initiative sei von seinen Kollegen der Statthalterkonferenz ausgegangen, nachdem Leimgrübler behauptet hatte, dass Pflichtverletzungen, wie sie gemäss Gericht und Regierung unter seiner Führung vorkamen, in allen Ämtern regelmässig passierten. Hofmann: «Ich habe an der monatlichen Konferenz zwar teilgenommen, mich bei diesem Thema aber der Stimme enthalten, obwohl ich die Beobachtungen meiner Kollegen bestätigen und deren Reaktion sehr gut nachvollziehen kann. Es geht hier eben primär um die Frage der Integrität aller Statthalter.»

Dass gerade die Nichtunterzeichnung ein Indiz dafür sein soll, dass er Initiant der Pressemeldung ist, kann Ueli Hofmann nicht nachvollziehen. «Ich halte mich in der ganzen Angelegenheit um die Statthalterwahlen in Dietikon auf ausdrücklichen Wunsch meines Sohnes zurück.» Leimgrübler habe offenbar noch nicht gemerkt, dass er mit seiner Attacke gegen alle anderen Amtsstellen nicht primär ihn treffe, sondern seine Kollegin und seine Kollegen, die bereits für eine weitere Amtszeit gewählt seien.

Er trete nicht mehr zur Wahl an und gehe nun in Pension. «Die Meinung, ich sei der Initiant der Berichterstattung, ist aber ohnehin absurd. Die Wählerinnen und Wähler werden ja kaum annehmen, ich könnte acht meiner Amtskollegen dazu motivieren, derartige Vorwürfe gegen Adrian Leimgrübler zu erheben, nur um damit meinem Sohn bessere Wahlchancen zu ermöglichen», so Ueli Hofmann.

Marcel Tanner, Statthalter von Uster und Vorsitzender der Statthalterkonferenz, bestätigt Ueli Hofmann. Er habe keinerlei Einfluss auf die Verlautbarung genommen: «Die Unterstellung von Adrian Leimgrübler, dass wir acht Statthalter uns von Hofmann zu einem willenlosen Instrument machen lassen, ist völlig absurd. Wir sind eigenständig denkende Menschen, die zu unserer Meinung stehen.»

Leimgrübler hatte auch die Vermutung geäussert, dass die Statthalter «nicht selbst in den Fokus» von Justizdirektorin Jacqueline Fehr geraten wollen. «Man will ja die Statthalterämter genauer unter die Lupe nehmen. Da scheint es angezeigt, sich von mir zu distanzieren», sagte Leimgrübler – eine weitgehend sinnfreie Äusserung, meint Tanner. «Unsere Medienmitteilung erfolgte völlig unabhängig von der Direktion und von Frau Regierungsrätin Fehr.» (GAH)