«Achtung!», «Marsch!» – Stimmen schallen über das Wasser, militärisch kurz und knapp. Sie kommen von den vier Booten auf der Limmat. Darin sitzen oder stehen je vier Männer. Auf den Befehl «Stachel!» nehmen die zwei Stehenden ein Ruder zur Hand, an dessen Ende ein Eisen ist, das beim Stacheln im Ufergrund Halt findet. So können sie ihr Ponton – den flachen Kahn – gegen die Strömung das Ufer hinaufschieben. Es ist immerhin fast eine halbe Tonne schwer. Auf Befehl «Ruder» wechseln die Männer ihr Werkzeug und wenden alle gleichzeitig das Boot um 45 Grad, Bug voran in die unablässig strömende Limmat hinein. Scheinbar mühelos gleiten die Schiffe ans gegenüberliegende Ufer, synchron in einer Linie, dabei schlagen die Ruder in gleichem Takt. Der Teamchef, der fünfte Mann auf dem vordersten Boot, schwenkt die Dietiker Fahne und gibt den Rhythmus vor. Schweiss tropft den Männern von der Stirn. Angespannt sind all ihre Muskeln, von den Armen bis hinunter zu den Beinen. Dann wechselt das Zweierteam und die Sitzenden übernehmen das Ruder.

Mit Kraft und Präzision

An diesem warmen Sommerabend bereiten sich die Dietiker Pontoniere für das Sektionsfahren am eidgenössischen Wettkampf vor, der in einer Woche in Bremgarten stattfindet. Es ist der wichtigste Wettbewerb und er wird nur alle drei Jahre ausgetragen; das Sektionsfahren gilt als Königsdisziplin. Alle Pontoniere eines Vereins treten hier als Gruppe an. Nebst Kraft brauchen sie dabei viel Präzision sowie fundiertes Wissen über das Wasser und dessen Strömungen. Die Übung gelingt. Oder wie es im Fachjargon heisst: Die Ziellandung ist punktgenau. Alle Boote erreichen gleichzeitig und auf richtiger Höhe den rot-weissen Stecken am Ufer.

Dort steht Florian Keller. Der 75-Jährige ist seit Jahren Mitglied im Pontonier-Sportverein Dietikon, heute allerdings nicht mehr aktiv, sondern Trainer der Jungpontoniere. In der Vergangenheit holte er viele Preise, auch zusammen mit seinem Sohn Roland, der ebenfalls erfolgreiches Mitglied des Vereins ist. So gewann das Vater-Sohn-Gespann im Einzelfahren vor 22 Jahren Gold am Eidgenössischen. Es war damals ein Heimsieg, denn der Wettkampf fand in Dietikon statt, wie zuvor nur einmal, im Jahr 1949. Bei der kommenden 40. Auflage in Bremgarten wird nun erstmals der 18-jährige Enkel, Nicola Keller, mitkämpfen. Grossvater, Vater, Sohn. Nicht selten wird das Pontonierwissen über Generationen weitergegeben. Und nicht selten finden sich Sohn und Vater im selben Boot wieder, wie Kellers beim Sektionsfahren.

Infogram: Glossar zum Pontonier-Wettfahren.

«Meinen Enkel habe ich schon mit neun Jahren rudern lassen», erzählt Grossvater Keller, «alles, was er weiss, weiss er von mir.» Auch Nuri Schmed, Nicola Kellers Teamkollege im Einzelfahren, trainierte der Senior. «Ich habe noch nie jemanden erlebt, der die Anweisungen so schnell und präzise umsetzt wie Nuri», lobt er. Dabei stammt Nuri Schmed nicht aus einer Pontonierfamilie. «Aber mich hat es gleich beim ersten Training gepackt», wird er später beim Nachtessen erzählen. Bereits nach zwei Trainingswochen fuhr er an einen Wettkampf und reüssierte dort unter den ersten 25. Am Tisch duzen sich alle – ob 75 oder 18 Jahre alt –, es herrscht eine lockere Atmosphäre beim Abendessen, das nach jedem Training stattfindet. Heute, weil es schön ist, auf der Terrasse des Klubhauses, mit Blick auf die Limmat. Es wird ein gemütlicher Grillabend.

Als Kind Pontonier gespielt

«Ich bin sozusagen im Boot geboren», erzählt Nicola Keller. Sein Vater und sein Grossvater hätten ihn schon als Baby im Kindersitz ins Boot geschnallt. «Und daheim im Garten habe ich im Gummiboot weiter Pontonier gespielt.» Alle lachen. Der Grossvater weiss noch eine andere Anekdote: Mit sieben Jahren bekam Nicola von Marcel Kohler, dem heutigen Partner seines Vaters im Einzelfahren, ein selbst gezimmertes Ruder. «Nicola lief weg, weil er nicht wollte, dass man sieht, wie er vor Freude weint», erzählt sein Grossvater.

Marcel Kohler erinnert sich auch. Er selbst hat spät im Verein angefangen, obwohl auch sein Vater Mitglied ist. «Er steht gleich dort drüben», sagt er und deutet auf den Grill. Der Senior winkt zurück. «Ich habe mich als Junger aber zuerst gesträubt. Als ich dann mit 19 zum ersten Mal in einem Boot sass, da hat es mich gepackt.» Heute ist Kohler zusammen mit seinem Partner Keller Anwärter auf den Sieg beim Einzelfahren in Bremgarten. Zusammen gewannen sie bereits das Eidgenössische 2009 in Aarwangen und zahlreiche andere Wettkämpfe, auch die Schweizer Meisterschaften 2016.

«Der Sport gibt mir einen guten Ausgleich zur Kantonsschule», sagt Junior Keller, und auch Nuri Schmed unterstreicht, wie gut ihm der Sport nebst der kopflastigen Informatiklehre tue. Beide loben auch die Kameradschaft: «Wir sind wie eine Familie.» Das Training findet das ganze Jahr über statt, im Winter allerdings nur im klubeigenen Fitnessraum. Vor einem Wettkampf trainieren die Dietiker jeweils drei Mal die Woche. «Der Grill», sagt Florian Keller, «ist nebst dem Boot unser wichtigstes Utensil.» Alle lachen. Auch Medienchef Ivo Isenring. Der Ur-Dietiker lebt heute in Bassersdorf und nimmt den Weg immer noch auf sich, um ins Training zu kommen. «Ich könnte auch Velo fahren oder sonst einen Sport treiben.» Aber bisher tat er es nicht.

Sorgen bereitet Isenring allerdings, dass sich das Militär, welches traditionellerweise den Pontoniersport unterstützt, mehr und mehr zurückzieht. Denn die Pontons, mit denen früher wertvolle Dienste beim Brückenbau oder dem Transport auf dem Wasser geleistet wurden, werden heute durch Motorboote ersetzt. Es bleibt noch der Nostalgiewert. «Ein Boot kostet um die 25 000 Franken. Die Instandhaltung würde einen Verein überfordern», so Isenring. Eine zweite Sorge ist der Nachwuchs. «Viele Junge interessieren sich heute nicht mehr für diesen Sport.» Dabei liegt er voll im Trend. «Rudern ist klassisches Intervalltraining. Anders als im Fitnessstudio erlebt man hier aber auch die Natur.»