«Achtung: Mit nach Hause nehmen dürft ihr die lebendigen Bücher nicht», sagte Monique Roth, Leiterin der Schlieremer Bibliothek. Im Rahmen der «Living Library» lud die Bibliothek am vergangenen Samstag zusammen mit der Fachstelle Integration der Stadt Schlieren und dem Verein Jass Interessierte ein, anstelle von Büchern Menschen für ein Gespräch von jeweils zehn Minuten kennen zu lernen.

Die Auswahl der acht «Bücher» bilde die Vielfalt in unserer Gesellschaft ab, sagte Judith Bühler, Gesamtleiterin des Vereins Jass, der sich für Inklusion einsetzt. Die «Living Library» bringe Menschen zusammen, die sich sonst fremd seien. «Der Anlass macht neugierig auf Mitmenschen. Trotz Vielfalt und Individualität haben wir alle dieselben Bedürfnisse: Wir wollen in unserer Identität anerkannt werden, einzigartig und doch zugehörig sein», so Bühler.

Gekommen sind rund 30 Interessierte. In acht Gruppen aufgeteilt, konnten sie von «Buch» zu «Buch» gehen und frei anhand des Beschriebs, des Inhaltsverzeichnisses und des Buchtitels wie beispielsweise «Die tanzende Deserteurin» Fragen stellen. Die 23-jährige Adiam Welda Gabriel, die als Kind aus Eritrea in die Schweiz kam, weil sie nicht in den Militärdienst einrücken wollte, sieht die Teilnahme am Anlass als lebendiges Buch als eine Chance, den Umgang mit Menschen zu üben. Sie engagiert sich in der Jugendarbeit. Da helfe es, unterschiedliche Perspektiven als Ressourcen zu nutzen. Auch der Schlieremer Gemeinderatspräsident Rolf Wegmüller (CVP) stellte sich als «Buch» zur Verfügung. «Ich finde die Idee toll», sagte er. Ein bemerkenswertes Kapitel offenbarte sich im Gespräch: Wegmüller bot einer fast 2000 Jahre alten Mumie bei sich zu Hause Asyl.

Drag Queen, Muslimin, Feministin

«Würde man mir auf der Strasse begegnen, könnte man mich nicht so kennen lernen», sagte der 39-jährige Marco Steiner. Der Modedesigner, DJ und Banker arbeitet in der IT-Branche und stellte ebenso ein lebendiges Buch dar. Die 75-jährige Besucherin Franziska Erne aus Schlieren sprach mit ihm über digitale Entwicklungen. Auch wenn der Buchtitel von Jazzmin Dian Moore «Never judge a book by its cover» lautet (zu Deutsch: Beurteile ein Buch nie nach seinem Einband), machte ihr Besucherin Helene Gräser aus Unterengstringen ein Kompliment: «Sie sind sehr schön.» Trotzdem zeigte sich die Drag Queen, die mit bürgerlichem Namen Leedonal Moore heisst, gerührt. Ihr Elternhaus sei sehr konservativ: Die Mutter stammt aus einem der ältesten deutschen Adelsgeschlechter, der Vater aus den Südstaaten. Früher sei sie als Drag Queen schrill und bunt angezogen gewesen, heute setze sie auf Natürlichkeit.

Mit dem Titel «Mehr Kopf als Tuch – oder ein Münchnerkindl auf Reisen» stellte sich die 33-jährige Muslimin Hannan Salamat vor. In München aufgewachsen, merkte sie in Zürich schnell, wie deutsch sie sei. Salamat ist Mitbegründerin des Münchner Kunstfestivals «Ausarten in der Moschee». Ebenfalls eine Pionierin in ihrem Wirkungsfeld ist die 77-jährige Schlieremerin Ursula Gütlin, die ebenso als lebendiges Buch anzutreffen war. «In den 1980er-Jahren war ich Leiterin der Schlieremer Bibliothek. Einigen Frauen habe ich im Zuge der Emanzipationswelle den Weg als Bibliothekarin geebnet. Nicht alle Ehemänner hatten daran Freude», erzählte Gütlin.

Hemmungen überwinden

Unter den Besuchern war auch die lokale Politprominenz. Die SP-Gemeinderätin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo wollte mehr zum Thema «Religion verunsichert» wissen. Der Pastoralassistent der katholischen Kirche Schlieren, Matthias Merdan, berichtete ihr, dass seine Gemeinde 64 Nationalitäten umfasst. Der SP-Gemeinderat Roger Seger sagte: «Besonders beeindruckt hat mich die Aktivistin Liska Bernet, die trotz der frustrierenden politischen Strukturen den Alltag von Flüchtlingen verändert und dabei selbst auf vieles verzichtet».

Stadtpräsident Markus Bärtschiger (SP) schwärmte: «Ich habe selten einen so lustigen und lehrreichen Samstagnachmittag erleben dürfen.» Ihre Hemmungen überwunden, fremde Menschen zu befragen, hat die Besucherin Rosmarie Acklin. Sie schätze die Offenheit der «Bücher», sagte sie. Auch die Integrationsbeauftragte der Stadt, Dascha Krizan, zeigte sich angetan: Der Rahmen sei sehr respektvoll, der Anlass eine sehr positive Erfahrung ganz im Sinne ihres Auftrages.