Birmensdorf
Abtretender Gemeindepräsident: «Die KSB hat mich mit Abstand am meisten Nerven gekostet»

Gemeindepräsident Werner Steiner tritt von der Politbühne ab und zieht Bilanz. Welche Gruppierung ihn am meisten Nerven gekostet hat und wie er sich seine Zukunft vorstellt, erklärt er im Interview.

Alex Rudolf
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Werner Steiner im Gemeinderatszimmer im Birmensdorfer Gemeindehaus.
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Von diesem Platz aus leitete er während acht Jahren die Sitzungen des Gemeinderates.
Gemeindepräsident Birmensdorf Werner Steiner

Werner Steiner im Gemeinderatszimmer im Birmensdorfer Gemeindehaus.

Sandra Ardizzone

Ohne seine Frau und seinen Sohn hätte Werner Steiner in der Birmensdorfer Politik wohl gar nie richtig Fuss fassen können. «Ich musste abends oft an Anlässe oder Sitzungen gehen und die Gemeinde repräsentieren, als es in unserer Metzgerei vor Feierabend noch einiges zu tun gab», sagt der SVP-Politiker. Dann seien seine Frau und sein Sohn in die Bresche gesprungen und hätten ihn ziehen lassen. Für die anstehenden Gesamterneuerungswahlen lässt sich Steiner nicht mehr aufstellen. Die Zeit sei nun reif und er gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Herr Steiner, durch welche Charaktereigenschaften tun sich die Birmensdorfer hervor?

Werner Steiner: Sie zeichnen sich sicher durch ihre vornehme Zurückhaltung und eine gewisse Bescheidenheit aus. Auch sind sie untereinander vernetzt und durchaus kontaktfreudig und harmonisch.

Zur Person: Werner Steiner

Der 68-jährige Steiner war selbstständiger Metzgermeister und lebt seit Geburt in Birmensdorf. Er wurde Anfang der 1990er-Jahre zum Feuerwehrkommandanten ernannt. 1998 schaffte er die Wahl in den Gemeinderat für die SVP, wo er Polizeivorsteher wurde. Nach wenigen Monaten wechselte er das Ressort und wurde Vorsteher der Bauabteilung. Bis zu seiner Wahl ins Gemeindepräsidium 2010 führte er dieses Amt aus.

Interessant. Nur wenig harmonisch ging es an der ersten von Ihnen als Präsident geleiteten Gemeindeversammlung 2010 zu und her. Es ging um die Abspaltung der Quartiere Sternen, Haslen und Stöcken.

Dies mag in Ihren Ohren möglicherweise ein Widerspruch zu dem sein, was ich vorhin sagte. Zwar war man sich in der Sache mit den Bewohnern der Quartiere, die lieber zu Uitikon gehören wollten, nicht einig, tauschte Argumente für und gegen eine Abspaltung aus. Der Umgang war stets anständig und respektvoll. Auch an der Versammlung. Rund 1400 Menschen kamen und wir mussten dafür eigens ein Zelt aufstellen.

Hielten Sie die Abspaltung, die schliesslich abgelehnt wurde, für möglich?

Eigentlich nicht. Wir wollten die guten Steuerzahler nicht gehen lassen und Uitikon hätte Birmensdorf für alle Infrastruktur-Bauten kompensieren müssen. Die Verhandlungen waren wirklich eine spannende Herausforderung, doch schien die Sache von Beginn weg aussichtslos.

Eine weitere Birmensdorfer Gruppierung, die nicht gerade durch vornehme Zurückhaltung auffiel, ist die KSB. Das Komitee für ein steuergünstiges Birmensdorf.

In der Tat. Ich muss zugeben, dass mich das KSB über die Jahre mit Abstand am meisten Nerven und Substanz gekostet hat. Es handelt sich um gestandene Männer, die ich teils sogar sehr gut kenne, die der Gemeinde nichts brachten ausser Arbeit, Ärger und eine gewisse Diffamierung.

Erinnern Sie sich an ein konkretes Ereignis, das Ihnen besonders zu schaffen machte?

Es gibt mehrere. Aber was mich am stärksten belastet hat, war, dass das Verhalten des KSB im Gemeinderat zeitweise eine Ohnmacht-Stimmung bewirkt hat. Man dachte sich: ‹Dieses Projekt müssen wir gar nicht erst angehen, da es ohnehin bis aufs Blut bekämpft wird.› Dies, obwohl das Komitee in der Gemeinde nichts bewirkt hat. Es hiess lediglich, der Gemeinderat müsse den Steuerfuss senken, doch wie er dies bewerkstelligen soll, und worauf in der Folge konkret verzichtet werden kann, erklärte das KSB nicht. Eine sehr einseitige Politik. Heute ist die Gruppierung mehrheitlich eingeschlafen, kaum mehr meldet sich jemand an Versammlungen zu Wort.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie zurück auf die Geschichte um den sogenannten «Asylantenweg»? Für die Asylunterkünfte bereitete die Gemeinde einen Weg zum Bahnhof auf, damit die Asylsuchenden nicht durchs Quartier gehen. Dies brachte der Gemeinde Kritik und Vergleiche zu den Judenwegen zu Zeiten der Nazis ein.

Dass dem Gemeinderat und vor allem mir Rassismus vorgeworfen wurde, empfinde ich noch heute als unfair. Die meisten Medienschaffenden, die damals im Jahr 2012 darüber berichteten, schauten sich die Situation hier bei uns im Dorf nie persönlich an und suchten auch nicht das Gespräch mit uns. Die Geschichte wurde aus dem Nichts heraus aufgebauscht und ich weiss nicht warum.

Werner Steiner im Gemeinderatszimmer im Birmensdorfer Gemeindehaus. Von diesem Platz aus leitete er während acht Jahren die Sitzungen des Gemeinderates.

Werner Steiner im Gemeinderatszimmer im Birmensdorfer Gemeindehaus. Von diesem Platz aus leitete er während acht Jahren die Sitzungen des Gemeinderates.

Sandra Ardizzone

Nicht nur der «Asylantenweg» selber, sondern auch Ihre Äusserungen, die Sie im Rahmen einer Ansprache machten, wonach die afrikanische Ethnie jene sei, die am meisten Probleme verursacht, war Gesprächsthema.

Das würde ich heute nicht mehr sagen. Damals hatten wir in Birmensdorf grosse Unruhen unter den Asylsuchenden, sie kamen nicht miteinander klar, hatten Schlägereien untereinander und zündeten gar den Wohncontainer an. Seit wir die Betreuung der Asylsuchenden in die Hände einer dafür spezialisierten Organisation gegeben haben, ist Ruhe eingekehrt. Die Asylsuchenden haben sich sogar gut ins Quartier integriert.

Welche Lehren haben Sie gezogen?

Womöglich hätte man noch transparenter und schneller kommunizieren müssen.

Vor rund zwei Jahren erlitten Sie einen Ski-Unfall, der Sie für längere Zeit ans Spitalbett und in die Reha brachte. Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir zwar besser, aber noch nicht gut. Der Unfall warf mich stark zurück. Eine Zeit lang konnte ich meine Pflichten als Gemeindepräsident nicht ausüben, da ich unter derart starken Rückenschmerzen litt. Heute ist der Schmerz mein ständiger Begleiter.

Sie arbeiten noch stundenweise in der Metzgerei, die Ihr Sohn vor drei Jahren übernommen hat, sind jedoch nun 68-jährig und weitgehend im Ruhestand. Wie sehen die Pläne für die nahe Zukunft aus?

Meine Frau ist noch berufstätig und ich bin nicht der Typ, der allein mit seinem Rucksack auf einen Berg steigt. Was ich mir gut vorstellen könnte, sind Engagements als Rotkreuz-Fahrer und im Birmensdorfer Ortsmuseum. Dies wird sich aber konkretisieren, wenn ich gesundheitlich wieder voll da bin.

Welches ist Ihr Vermächtnis an die Gemeinde?

Ich denke dieses reicht zurück in meine Zeit als Tiefbauvorstand, als die verkehrsberuhigte Dorfdurchfahrt mit der Pflästerung auf dem Mittelsteifen realisiert wurde. Zu dieser Zeit hat vieles zusammengepasst. Bund und Kanton hatten damals beide noch ein Kässeli offen, aus dem man sich bedienen konnte. Und das Ergebnis ist ein Erfolg. Verkehrsplaner aus Deutschland und Holland kamen nach Birmensdorf, um die Strasse anzuschauen.

Bald übernimmt die nächste Generation das Zepter. Vom 19-jährigen Jungsozialisten über die Parteilose bis hin zum pensionierten SVPler stellen sich zahlreiche unterschiedliche Persönlichkeiten zur Wahl.

Das freut mich sehr, dass die Birmensdorfer eine Auswahl haben und ich finde es mutig, dass sich der junge Herr Wenk zur Wahl stellt, obwohl er im konservativen Birmensdorf wohl nicht die grössten Wahlchancen hat. Für die Gemeinde wünsche ich mir, dass man auch künftig anständig miteinander umgeht, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Dies gilt für den Gemeinderat an seinen Sitzungen, für die Bevölkerung an der Gemeindeversammlung. Eine solche positive Atmosphäre versuchte ich stets zu kreieren.