Jazzclub Allmend
«Abschiede kann ich überhaupt nicht gut»: Martin von Aesch tritt nach 29 Jahren ab

Dieses Wochenende trennt sich Präsident Martin von Aesch von seinem Jazzclub Allmend.

Bettina Hamilton-Irvine
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«Es ist jetzt der richtige Moment, um zu gehen»: Martin von Aesch in seinem Jazzclub Allemend.

«Es ist jetzt der richtige Moment, um zu gehen»: Martin von Aesch in seinem Jazzclub Allemend.

SEVERIN BIGLER

Am Neujahrstag 1988 organisierte Martin von Aesch mit befreundeten Musikern im Singsaal des Schulhauses Allmend in Oberengstringen eine Jamsession. Aus dem Freizeitvergnügen entstand noch im gleichen Herbst der Jazzclub, der seither jährlich rund 15 Konzerte veranstaltet und Topmusiker aus der ganzen Welt anzieht. Dieses Wochenende verabschiedet sich Präsident Martin von Aesch von seinem Publikum.

Herr von Aesch, nach 29 gemeinsamen Jahren stehen der Jazzclub Allmend und Sie kurz vor der Trennung. Wie fühlt sich das an?

Martin von Aesch: Erstaunlich gut. Ich merke, ich bin müde. Und es ist jetzt der richtige Moment, um zu gehen. Ich bin reif dafür und wir haben eine ausgezeichnete Nachfolgeregelung. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Sie verspüren gar keine Wehmut?

Null. Wirklich null Wehmut.

Können Sie generell gut loslassen?

Nein, ich kann eigentlich relativ schlecht loslassen. Aber es sind vor allem Trennungen, die ich nicht einsehe, die mir zu schaffen machen. Aber das ist jetzt keine solche Trennung. Es ist gut, wie es ist.

Dann werden Sie an den beiden Abschiedskonzerten dieses Wochenende auch kein Tränchen verdrücken?

Doch. Aber mit Betonung auf: verdrücken. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin in Bezug auf Abschiede eine richtige Flasche. Ich kann das überhaupt nicht gut und mache daher gerne einen französischen Abgang.

Martin Von Aesch: Der Musische

Martin von Aesch (66) ist in Schlieren aufgewachsen, lebte lange in Oberengstringen und heute wieder in Schlieren. Der Sohn von Cabaret-Rotstift-Mitglied Werner von Aesch war früher Primarlehrer und verdient heute sein Geld als Autor und Musiker. 1988 gründete er mit Freunden den Jazzclub Allmend in Oberengstringen, den er fast 30 Jahre lang als Präsident ehrenamtlich führte. Am Wochenende übergibt er das Zepter an Michael Heisch.

Das können Sie diesmal nicht bieten.

Auf keinen Fall. Da muss ich durch.

Sie und der Jazzclub waren fast 30 Jahre zusammen. So lange halten die wenigsten Beziehungen. Was war das Geheimnis Ihrer Beziehung?

Das Schönste war, dass ich mit einem Freundeskreis, der wirklich aus Freunden bestand, so etwas machen konnte. Und dass diejenigen, die dazustiessen, bald auch zu Freunden wurden. Der Kitt untereinander war enorm stark und man blieb auch lange dabei. Eine weitere Erfolgsgarantie war die Tatsache, dass wir dem Vorstand keine Löhne bezahlten. Wir haben für Gotteslohn gearbeitet. Und es macht das Ganze viel einfacher, wenn niemand denkt, er könne daran verdienen.

Lassen wir die letzten 30 Jahre Revue passieren. Erzählen Sie mal eine Ihrer Lieblingsgeschichten aus dem Jazzclub.

Wir hatten eine Grossformation aus New Orleans zu Gast, elf Leute. Bei ihrer Ankunft schaute mich die ganze Band mit riesigen Augen an. Was ich nicht wusste: Es gab damals eine Fernsehserie rund um einen Taxifahrer. Und ich muss diesem Taxifahrer geglichen haben wie ein Ei dem anderen. Die dachten, ich sei das. Der Abend wurde dann der Hammer. Wir haben herumgeblödelt wie die Kinder. Was mich auch immer wieder freute am Jazzclub: Dass sich nie jemand daran gestört hat, bei uns im Singsaal zu spielen, obwohl wir ja immer wieder Weltstars zu Gast haben. Die schauen sich um, sehen, wie es hier ist, und es ist gut.

Gab es keine Musiker mit Starallüren, die Sonderwünsche hatten?

Es gab genau drei davon in 29 Jahren.

Das ist nicht viel.

Das ist nichts. Vor allem, wenn man bedenkt, dass weit über 1000 Musiker hier waren. Das ist auch ein Grund, wieso ich Jazzmusik gewählt habe: Jazzmusiker sind unendlich angenehme Menschen.

Wie erklären Sie sich das?

Es sind oft besonders gebildete Menschen. Zudem sind viele von ihnen richtig dankbar, wenn sie mal einen Gig haben.

Abschiedskonzerte

Im Jazzclub Allmend: Freitag, 20 Uhr, Martin von Aesch Sextett. Samstag, 20 Uhr: Pippo non lo sa, The Three Wise Men

Gab es Lieblingskonzerte?

Da kommt mir ebenfalls die Band aus New Orleans in den Sinn. Das war der helle Wahnsinn. Einzig der Gitarrist, ein älterer Herr, fiel aus dem Rahmen, weil er ein wenig falsch spielte. In der Pause fragte ich ihn: Darf ich deine Gitarre stimmen? Seine Antwort: Mein Sohn hat sie mir zu Hause in New Orleans gestimmt und nun lasse ich niemanden mehr an sie ran. (lacht)

Gab es Tiefpunkte in Ihrer Beziehung mit dem Jazzclub? Haben Sie sich je überlegt, alles hinzuschmeissen?

Nein. Wissen Sie, ich war vorher in der kulturellen Kommission in Oberengstringen und habe dort sehr darunter gelitten, dass wir ganz tolle Anlässe organisiert haben und kein Schwein sie besuchte. Als ich dann später den Jazzclub hatte, machte ich mit mir selber ab: Es darf mir nichts ausmachen, wenn niemand kommt.

Hat das funktioniert?

Ja, bis heute. Es macht mir nichts aus, wenn der Saal leer ist.

Gab es das denn jemals, dass der Saal wirklich leer war?

Nein. Der Minusrekord letzten Februar waren vier Personen. Das ist wenig.

Was war das Maximum?

Einmal haben wir bei einem Gospelkonzert 280 Personen in den Saal reingepfercht. Etwa 20 mussten wir sogar noch nach Hause schicken.

Das darf die Feuerpolizei wohl nicht erfahren.

Lieber nicht.

Gab es einen Musiker, den Sie unbedingt mal im Jazzclub haben wollten, aber nicht bekamen?

Nein. Wobei ... (überlegt) Es gibt natürlich immer Träume. Ich fand zum Beispiel Oscar Peterson immer ganz toll. Träumen darf man ja.

Was wird Ihnen fehlen ohne den Jazzclub?

Die Musiker werden mir fehlen. Sie kennen zu lernen, war einfach wunderbar. Mit den allermeisten bin ich sehr gut befreundet. Sie freuen sich auf uns, wir freuen uns auf sie. Das ist schön und das werde ich vermissen.

Was sonst noch?

Was ich immer wahnsinnig spannend fand, sind die sogenannten Bändlisitzungen, an denen wir die Musiker auslesen. Dabei haben wir oft richtig heftig diskutiert, da sind manchmal die Fetzen geflogen. Das war toll. Was ich auch vermissen werde: Immer etwa eine halbe Stunde nach dem Konzert sitzt der ganze Vorstand zusammen an einen Tisch, oft mit den Musikern. Es wird noch geredet, etwas getrunken. Da fühlt man sich jeweils wie eine grosse Familie. Das ist wunderschön.

Vielleicht dürfen Sie ja auch ab und zu mal noch an den Tisch sitzen, selbst wenn Sie nicht mehr Präsident sind.

Ich habe mir vorgenommen, nun erst einmal sechs Monate lang nicht in den Jazzclub zu gehen.

Wieso?

Der neue Vorstand muss sich zuerst zusammenraufen, seine Rollen testen. Da muss ich nicht daneben stehen und zuschauen. Die sollen sich nun erst einmal selber finden können. Nachher gehe ich dann sehr gerne als Gast vorbei.

Ihre Pause hat nichts damit zu tun, dass Sie Mühe haben, nun die Verantwortung an den Vorstand zu übergeben?

Nein. Der Übergang zum neuen Vorstand lief harmonisch und Schritt für Schritt ab. So war ich zum Beispiel noch bei jenen Bändlisitzungen dabei, die das Programm bis und mit September betrafen. Bei denen, die darüber hinausgingen, war ich bereits nicht mehr dabei. Auch bei den Vorstandssitzungen bin ich nicht mehr dabei. Der Übergang ist fliessend.

Aber offiziell sind Sie noch Präsident.

Noch bis zum 9. September.

Nun übergeben Sie endgültig an Ihren Nachfolger Michael Heisch. Geben Sie ihm noch einen Ratschlag auf den Weg mit?

Viele Ratschläge sogar. Wir sind sehr regelmässig im Gespräch. Er ruft mich häufig mit Fragen an. Ich sage ihm, dass Führung wichtig ist: Du bist der Chef, aber wenn du es zeigen musst, dann hast du etwas falsch gemacht.

Was wünschen Sie dem Jazzclub für die Zukunft?

Dass er so dynamisch bleibt, wie er immer war. Dass man hier drin immer wieder etwas Verrücktes entdecken kann. Ich wünsche ihm ganz viele Leute mit ganz offenen Ohren.

Nun fängt eine neue Phase in Ihrem Leben an: das Leben ohne Jazzclub. Wie werden Sie die Lücke füllen?

Ich habe ein neues Programm geschrieben. Am 8. September werde ich zwei Lieder vorstellen. Der Arbeitstitel ist: Kinderlieder für Erwachsene. Damit will ich ein wenig weg von den Schulzimmern, hin zur Bühne. Ich glaube, das kommt gut.

Holen Sie nun, wo Sie wieder mehr Zeit haben, Ihr Alt- oder Baritonsaxofon aus dem Keller?

Die sind mittlerweile gar nicht mehr im Keller, ich habe sie verkauft. Ich habe damit bewusst einen Schlusspunkt gesetzt. Was ich aber noch habe und auch nicht verkaufen werde, ist meine Trompete. Die haben mir meine Eltern geschenkt, als ich etwa 14 Jahre alt war. Und natürlich habe ich noch meine Gitarre. Die wird aber auch noch gespielt.