Schlieren
«Abschied von Sansibar»: Wenn Fakt und Fantasie verschmelzen

Lukas Hartmann las auf Einladung des Frauenforums der FDP Schlieren aus seinem neusten Roman vor. Die Geschichte dreht sich um Emily Ruete, eine Prinzessin von Sansibar, die 1866 mit einem Hamburger Kaufmann durchbrennt.

Anina Gepp
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«Mir hat es nie gereicht, nur über Fakten zu schreiben», sagt Schriftsteller Lukas Hartmann.

«Mir hat es nie gereicht, nur über Fakten zu schreiben», sagt Schriftsteller Lukas Hartmann.

Limmattaler Zeitung

Die Geschichte von Lukas Hartmanns neustem Roman «Abschied von Sansibar» dreht sich um Emily Ruete, eine Prinzessin von Sansibar, die 1866 mit einem Hamburger Kaufmann durchbrennt. Die Liebe zwischen den beiden ist eine verbotene: Sie eine Muslimin, er ein ungläubiger Deutscher. Nach der Scharia drohte der Prinzessin bei Auffliegen der Liebesgeschichte der Tod.

Es ist eine romantische und zugleich tragische Geschichte, die Hartmann niedergeschrieben hat. Während der Schriftsteller mit ruhiger, aber sicherer Stimme Seite um Seite aus seinem Roman vorliest, ist es im Publikum still. Gebannt hängen die Gäste im Pavillon Heckmann an Hartmanns Lippen.

Recherche in Sansibar

Der Schriftsteller beleuchtet das Leben von Prinzessin Emily Ruete, indem er ihre drei Kinder Said, Antonie und Rosalie ihre Gedanken zu den Lebenslinien ihrer Mutter anstellen lässt. Denn bis zuletzt können sich auch ihre Kinder so manche Frage nicht beantworten. Wer war die Frau, die einen neuen Namen, eine neue Religion annahm und in Deutschland ein neues Leben wagte? Wie meisterte sie als junge Witwe das Leben in einer fremden Kultur?

Zwischen den einzelnen Textpassagen schlägt Hartmann die Brücke zum nächsten Abschnitt, indem er auf Berndeutsch den weiteren Verlauf der Geschichte erzählt. Dabei wird erst klar, wie viel Recherchearbeit hinter seinem Buch steckt. Hartmann eignete sich für seinen Roman ein breites Wissen über die sozialen und politischen Umstände im 19. Jahrhundert an und reiste selbst nach Sansibar, um sich auf Spurensuche zu begeben.

Faktenteppich mit Löchern

Die Vergangenheit habe ihn schon immer fasziniert, so Hartmann. Mit seinen historischen Romanen will er die Schicksale seiner Figuren kennenlernen und herausfinden, was sich davon bis heute wiedererkennen lässt. Dass er auf die Lebensgeschichte von Emily Ruete gestossen ist, sei ein Zufall gewesen. Freunde, die in Sansibar in den Ferien waren, hätten ihm vom Schicksal der jungen Prinzessin berichtet. «Die Geschichte hat mich sofort gepackt», sagt er.

Hartmann begann darauf zu recherchieren. Tatsächlich erhielt er durch Monologe und Schriften einen Einblick in das Leben der Familie Ruete. Alles lasse sich aber doch nie ergründen, so der Schriftsteller. «Es gibt einen Faktenteppich mit Löchern. Diese Löcher fülle ich mit meiner Fantasie und Intuition», so Hartmann. Nicht selten aber hätten sich seine Vermutungen im Nachhinein als Wahrheit herausgestellt.

Historiker beneiden ihn

Dass es als Schriftsteller erlaubt ist, zu sinnieren und zu interpretieren, darum beneiden Hartmann seine Historikerkollegen immer wieder. Auch er hat Geschichte studiert, sagt aber: «Mir hat es nie gereicht, nur über Fakten zu schreiben. Mich in fremde Personen hineinzuversetzen und ihre Geschichte zu erzählen, ist eine grosse Herausforderung, die mir unglaublich Freude bereitet.»