Schlieren
«Ab und zu braucht es schon etwas Nerven»: Der SBB-Schalter am Bahnhof wird nur von Lernenden betreut

Der SBB-Schalter am Bahnhof Schlieren ist einer von neun schweizweit, der von Lernenden betreut wird. Ganz sich selbst überlassen sind die Jugendlichen aber nicht. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, können sie sich an ihren Coach Sandra Hänggi wenden.

Sibylle Egloff
Merken
Drucken
Teilen
Der SBB-Schalter am Bahnhof Schlieren wird von Lernenden betreut
3 Bilder
Andrina Luzio aus Dottikon, 2. Lehrjahr «Es ist schön, dass ich mit sieben gleichaltrigen Mitstiften zusammenarbeiten kann. In meinem ersten Lehrjahr am SBB-Schalter in Lenzburg gab es nur eine weitere Lernende. Ich finde es gut, dass meine Selbstständigkeit hier in Schlieren gefördert wird. Ich bin für die Kioskkasse, die interne Buchhaltung und die Materialbestellungen zuständig. Der Kontakt mit den Kunden macht mir besonders viel Spass. Einmal hatte ich einen Kunden, dem meine Beratung so gefiel, dass er gar nicht mehr weggehen wollte. Das war ein schönes Erlebnis für mich. Ich tausche mich gerne mit Kunden aus und pflege den persönlichen Kontakt, anstatt einfach nur Billette zu verkaufen.»
Marcello Carriero aus Aarau, 1. Lehrjahr «Mir gefällt der Kontakt mit den Kunden am Schlieremer Schalter sehr und auch die Arbeit im Team ist super. Ich habe tolle Mitlernende und Coaches. Seitdem ich auf der Junior Station arbeite, fühle ich mich erwachsener. Ich habe eine gewisse Verantwortung und versuche, so viel wie möglich selbstständig zu erledigen. Ich merke, dass ich einen kleinen Vorsprung gegenüber den Lernenden habe, mit denen ich die Schule besuche. Ich bin freier und darf mehr machen als sie, etwa die Tagesabschlüsse kontrollieren. Etwas unangenehm war es mir, als einmal ein Zug ausfiel und ich die Fahrgäste zum Ersatzbus schicken musste. Ich fungierte als Blitzableiter und musste mir viel Kritik anhören.»

Der SBB-Schalter am Bahnhof Schlieren wird von Lernenden betreut

Foto: Claudio Thoma / Aargauer Z

Frau Hänggi, was steckt hinter der Idee, dass Auszubildende den SBB-Schalter alleine führen?

Sandra Hänggi: Die Junior Station gibt den Lernenden die Möglichkeit, mehr Verantwortung zu übernehmen und selbstständiges Arbeiten zu erlernen und zu trainieren.

Die Lernenden können aber doch nicht von Beginn weg wissen, was sie tun müssen.

Das stimmt. Die Junior Station besteht daher auch nicht nur aus Auszubildenden. In Schlieren arbeiten zwei Detailhandels- und sechs KV-Lernende in verschiedenen Lehrjahren sowie vier Kundenberater wie ich. Durch den Erfahrungsunterschied der Auszubildenden profitieren und lernen sie voneinander. Wir Ausgelernten fungieren zudem noch als Coaches.

Das heisst, wenn es hart auf hart kommt, sind Sie da. Wie unterscheidet sich die Junior Station denn von einem normalen Lehrbetrieb?

Die Jugendlichen müssen sich selbst organisieren und ihre Tagesplanung machen. Jeder erhält überdies ein Ressort zugeteilt, um das er sich kümmern muss. Jemand wird zum Beispiel mit der internen Buchhaltung, der Verkaufsförderung oder mit der Materialbeschaffung beauftragt. An normalen Schaltern werden die Lernenden eng betreut. Hier müssen sie die Dinge selber in die Hand nehmen. Speziell ist auch: Wenige andere Betriebe beschäftigen gleichzeitig acht Lernende, so wie wir das tun. Viele schätzen, dass sie mit Gleichaltrigen zusammenarbeiten können.

Sie sprechen aus Erfahrung. Sie selbst haben während Ihrer Ausbildung an einer Junior Station gearbeitet.

Das ist so. Ich war an der Junior Station in Langenthal tätig. Obwohl meine Ausbildung schon ein paar Jahre zurückliegt, finden es die Lernenden cool, dass ich mich in ihre Lage hineinversetzen kann.

Lernende auszubilden braucht Geduld. Viele Dinge dauern länger als an normalen Schaltern. Ist das nicht etwas mühsam?

Ab und zu braucht es schon etwas Nerven. Man muss ein offenes Ohr haben, und wenn die Lernenden Probleme haben und Hilfe brauchen, muss man die eigene Arbeit liegen lassen. Grundsätzlich sind sie für mich aber ein Aufsteller. Sie geben mir viel zurück. Manchmal ist es nicht einfach abzuschätzen, ob ich ihnen die Lösung verrate oder ob ich sie etwas zappeln lasse, bis sie es selbst herausfinden.

Wie kommen die Lernenden bei den Kunden am Schalter an?

Grossenteils sehr gut. Einige kommen extra wegen ihnen, einige wenige meiden die Junior Station, weil die Beratung länger dauern kann als an normalen Schaltern. Es ist spannend, mitzuerleben, wie die Lernenden auf Kunden reagieren. Beispielsweise, wenn sie das Gespräch mit einer redefreudigen Person beenden müssen, weil hinter ihr Leute anstehen.
Was ist Ihr persönliches Highlight bei der Arbeit mit den Lernenden?
Es ist schön, zu sehen, wenn sie aufblühen und in ihrer Aufgabe aufgehen. Vor allem, wenn sie zu Beginn wenig Selbstvertrauen hatten.