Frau Hänggi, was steckt hinter der Idee, dass Auszubildende den SBB-Schalter alleine führen?

Sandra Hänggi: Die Junior Station gibt den Lernenden die Möglichkeit, mehr Verantwortung zu übernehmen und selbstständiges Arbeiten zu erlernen und zu trainieren.

Die Lernenden können aber doch nicht von Beginn weg wissen, was sie tun müssen.

Das stimmt. Die Junior Station besteht daher auch nicht nur aus Auszubildenden. In Schlieren arbeiten zwei Detailhandels- und sechs KV-Lernende in verschiedenen Lehrjahren sowie vier Kundenberater wie ich. Durch den Erfahrungsunterschied der Auszubildenden profitieren und lernen sie voneinander. Wir Ausgelernten fungieren zudem noch als Coaches.

Das heisst, wenn es hart auf hart kommt, sind Sie da. Wie unterscheidet sich die Junior Station denn von einem normalen Lehrbetrieb?

Die Jugendlichen müssen sich selbst organisieren und ihre Tagesplanung machen. Jeder erhält überdies ein Ressort zugeteilt, um das er sich kümmern muss. Jemand wird zum Beispiel mit der internen Buchhaltung, der Verkaufsförderung oder mit der Materialbeschaffung beauftragt. An normalen Schaltern werden die Lernenden eng betreut. Hier müssen sie die Dinge selber in die Hand nehmen. Speziell ist auch: Wenige andere Betriebe beschäftigen gleichzeitig acht Lernende, so wie wir das tun. Viele schätzen, dass sie mit Gleichaltrigen zusammenarbeiten können.

Sie sprechen aus Erfahrung. Sie selbst haben während Ihrer Ausbildung an einer Junior Station gearbeitet.

Das ist so. Ich war an der Junior Station in Langenthal tätig. Obwohl meine Ausbildung schon ein paar Jahre zurückliegt, finden es die Lernenden cool, dass ich mich in ihre Lage hineinversetzen kann.

Lernende auszubilden braucht Geduld. Viele Dinge dauern länger als an normalen Schaltern. Ist das nicht etwas mühsam?

Ab und zu braucht es schon etwas Nerven. Man muss ein offenes Ohr haben, und wenn die Lernenden Probleme haben und Hilfe brauchen, muss man die eigene Arbeit liegen lassen. Grundsätzlich sind sie für mich aber ein Aufsteller. Sie geben mir viel zurück. Manchmal ist es nicht einfach abzuschätzen, ob ich ihnen die Lösung verrate oder ob ich sie etwas zappeln lasse, bis sie es selbst herausfinden.

Wie kommen die Lernenden bei den Kunden am Schalter an?

Grossenteils sehr gut. Einige kommen extra wegen ihnen, einige wenige meiden die Junior Station, weil die Beratung länger dauern kann als an normalen Schaltern. Es ist spannend, mitzuerleben, wie die Lernenden auf Kunden reagieren. Beispielsweise, wenn sie das Gespräch mit einer redefreudigen Person beenden müssen, weil hinter ihr Leute anstehen.
Was ist Ihr persönliches Highlight bei der Arbeit mit den Lernenden?
Es ist schön, zu sehen, wenn sie aufblühen und in ihrer Aufgabe aufgehen. Vor allem, wenn sie zu Beginn wenig Selbstvertrauen hatten.