Fabio und Asmin beugen sich über ein Bilderbuch. «Er war ein böser Drache», liest Fabio. Armin Hofer, der neben den Kindern am runden Tisch sitzt, runzelt die Stirn. «Du hast ein Wort vergessen, Fabio.» Der 6-Jährige wagt einen zweiten Versuch: «Er war ein sehr böser Drache.» Hofer nickt zufrieden. Der 74-Jährige besucht jeden Dienstag von 8 bis 10 Uhr die erste Primarklasse von Michèle Beer im Schulhaus Fondli in Dietikon. An diesem Morgen übt er mit den Erstklässlern das Lesen. «Ich helfe ihnen aber auch beim Rechnen und wenn sie Ausflüge unternehmen, gehe ich gerne mit, wenn ich es mir zeitlich einrichten kann», sagt Hofer. Er ist einer von 37 Klassenbegleitern der Schule Dietikon.

Das Angebot, bei dem Seniorinnen und Senioren ehrenamtlich und unentgeltlich Schulkinder vom Kindergarten bis zur Oberstufe zwei bis vier Stunden pro Woche während des Unterrichts unterstützen, wird vom Seniorenrat Dietikon organisiert. Das Angebot existiert bereits seit 25 Jahren und ist so alt wie der Verein selbst.

Von den Kleinen lernen

Hofer engagiert sich seit drei Jahren als Klassenbegleiter. Vom Projekt erfahren hat er von seinem Nachbarn Peter Jenny, der das Angebot koordiniert. «Er fragte mich, ob ich Lust dazu hätte und ich dachte mir, warum nicht», sagt Hofer. Die Beschäftigung mit den Kindern tue ihm gut. «Wenn ich ihnen etwas beibringen und gleichzeitig die Lehrperson entlasten kann, ist das ein schönes Gefühl.» Manchmal könne er aber auch von den Kleinen etwas lernen, sagt Hofer. So etwa, wenn er mit den Kindern mit dem Leseförderungsprogramm «Antolin» arbeitet. «Auf der Website können sich die Kinder einloggen und Fragen zu den Büchern, die sie gelesen haben, beantworten», so Hofer. Die Kinder seien mit den technischen Hilfsmitteln teilweise besser vertraut als er. «Sie mussten mir beispielsweise erklären, dass man den Laptop mit dem Trackpad ohne die Maus bedienen kann.»

Die grösste Herausforderung für den Dietiker neben den modernen Gerätschaften sind die Namen der 18 Schülerinnen und Schüler. «Ich war noch nie gut darin, mir Namen und Gesichter zu merken. Mit dem Alter ist es nicht besser geworden», sagt er und lacht. Doch das Manko mache er mit seiner Geduld wett. «Normalerweise bin ich ein ungeduldiger Mensch, aber mit den Kindern ist das anders. Man muss sich auf sie einlassen und ihnen zuhören», sagt Hofer, der früher auf dem Stadtingenieurbüro in Dietikon arbeitete. Es sei interessant, wie stark sich die unterschiedlichen Charakterzüge der Kinder bereits abzeichneten.

Spannend ist für Hofer aber nicht nur der Kontakt mit den Primarschulkindern, sondern auch der Einblick, den er in den Schulbetrieb erhält. «Die Schule ist heute ganz anders, als ich es in Erinnerung habe.» Das fange schon bei der Bestuhlung des Klassenzimmers an. «Zu meiner Schulzeit sassen alle in Reihen hintereinander und blickten zum Lehrer an die Wandtafel. Heute ist das viel lockerer. Man sitzt im Kreis oder verteilt im Schulzimmer», sagt Hofer. Er erlebe den Schulalttag viel individueller, aber auch anspruchsvoller für Schüler und Lehrpersonen.

Literaturkritik mal anders

Unterdessen hat Asmin sich das Bilderbuch geschnappt. «Biff musste mit dem Drachen kämpfen», steht unter der Zeichnung. Sie zeigt ein Mädchen, das einem grossen Feuer speienden Drachen gegenübersteht. «Warum kämpft sie mit dem Drachen? Sie hat doch keine Chance», kommentiert Fabio das Bild. Asmin lacht. Die Kinder fühlen sich sichtlich wohl in der Anwesenheit des Seniors. «Ist Biff eine Sie oder ein Er», will Fabio von Hofer wissen. «Das ist eine gute Frage, was denkst du?», gibt der Klassenbegleiter die Frage zurück. Asmin hat keine Zweifel: «Es ist eine Sie», sagt die 7-Jährige. Fabio überlegt kurz und sagt dann: «Jetzt, wo du es sagst, bin ich mir auch ziemlich sicher, dass Biff ein Mädchen ist.»

Für die Erstklässler ist es völlig normal, dass Hofer ihnen im Unterricht zur Seite steht. Seit ihrer Einschulung vergangenen Sommer begleitet er sie. «Ich freue mich, wenn Herr Hofer vorbeikommt. Dann rechnen und lesen wir immer», sagt Fabio. Das finde er super. Denn: «Herr Hofer ist unser Helfer in der Schule.» Dieser Meinung ist auch Asmin. «Er kann gut Sachen erklären. Wenn wir rechnen üben, hilft er mir und dann verstehe ich es besser», sagt sie.

Die Begeisterung der Kinder für ihren Klassenbegleiter bestätigt Klassenlehrerin Beer. «Wenn ich sage, dass die Kinder mit Armin arbeiten können, streiten sie sich manchmal sogar darum, wer als erstes darf», sagt Beer. Die Hilfe des Seniors erleichtere ihre Arbeit extrem. «Mit 18 Kindern im Schulzimmer ist es schwierig, sich mit jedem einzeln zu beschäftigen.» Es sei schön, dass dies mithilfe des Klassenbegleiters häufiger möglich sei. «Pädagogisch wertvoll ist auch, dass die Kinder mit ihm Basiswissen repetieren und einüben können», sagt Beer. Und nicht nur dies. «Es ist auch wichtig, dass die Kinder die Möglichkeit haben, jemandem zu zeigen, was sie bereits gelernt haben.»

Berührungsängste zwischen dem Senior und den Schülern stellt die 27-Jährige nicht fest. «Viele der Kinder leben in Mehrgenerationen-Haushalten. Sie werden teilweise von den Grosseltern betreut und sind sich den Umgang mit älteren Menschen gewohnt.» Seit Beer an der Schule Dietikon unterrichtet, nimmt sie die Hilfe von Klassenbegleitern in Anspruch. «Als ich vom Schulhaus Luberzen ins Fondli wechselte und diese Klasse übernahm, meldete ich der Schulleitung, dass ich gerne wieder mit einem Senior oder einer Seniorin arbeiten würde.» Für Beer ist die Unterstützung eine grosse Entlastung. «Der Einsatz der Klassenbegleiter ist Gold wert. Jede helfende Hand im Schulzimmer ist willkommen.» Nicht immer geht es dabei um Schulisches. «Wenn ein Kind etwa weint, kann sich Armin diesem annehmen, damit ich mich trotzdem um die anderen Schüler kümmern und den Unterricht weiterführen kann.» Auch für sie persönlich sei die Anwesenheit Hofers eine Bereicherung. «Wir können uns austauschen und über unsere Erlebnisse in der Schulzeit sprechen. Das ist schön.»

Ein gutes Gefühl

Die Klassenkameraden schielen etwas neidisch zu Asmin und Fabio, die noch immer mit Hofer die Fragen am Laptop lösen. Die Pausenglocke läutet. Die zwei Stunden mit dem Senior sind um. «Bis nächste Woche», sagt Asmin zu Hofer und schenkt dem Klassenbegleiter ihr schönstes Lächeln. «Ich gehe mit einem guten Gefühl nach Hause», sagt Hofer. Die Kinder gäben ihm sehr viel zurück. «Schüler, die ich früher begleitet habe, erinnern sich heute noch an mich. Wenn ich am Fussballplatz vorbeilaufe, rufen sie meinen Namen und winken.» Solange es seine Gesundheit zulasse, wolle er weitermachen und den Kleinen, aber auch sich selbst, etwas Gutes tun.