50 Jahre Frauenstimmrecht
Mit ihrer Plattform kämpfen sie für mehr Frauen in der Dietiker Politik

Die Plattform Dietikerin.net will Frauen aller Parteien in die Politik bringen. Ihr Ziel sei erst erreicht, wenn Frauen und Männer zu ungefähr gleichen Teilen im Gemeinde- und Stadtrat vertreten sind. In den letzten Jahrzehnten gab es bereits andere Gruppen, die sich politisch und gesellschaftlich für die Frauen im Limmattal engagierten.

Lydia Lippuner
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Mehr Frauen-Power: Die Plattform Dietikerin.net macht sich stark für mehr Mitbestimmung der Frauen in der Dietiker Politik. Die Gründerinnen Muriel Pestalozzi (l) und Catherine Stocker (es fehlen Kathrin Kuster und Bettina Wolfgramm) organisieren verschiedene Veranstaltungen und Netzwerk-Events, um dieses Anliegen an die Frau zu bringen. (Fotografiert am 01. Februar 2021.)

Mehr Frauen-Power: Die Plattform Dietikerin.net macht sich stark für mehr Mitbestimmung der Frauen in der Dietiker Politik. Die Gründerinnen Muriel Pestalozzi (l) und Catherine Stocker (es fehlen Kathrin Kuster und Bettina Wolfgramm) organisieren verschiedene Veranstaltungen und Netzwerk-Events, um dieses Anliegen an die Frau zu bringen. (Fotografiert am 01. Februar 2021.)

Sandra Ardizzone / AGR

Die rechtliche Gleichstellung ist durch die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts vor 50 Jahren gegeben. «Was es nun braucht, sind Frauen, die von ihrem Recht Gebrauch machen», sagt Muriel Pestalozzi. Sie gründete mit Kathrin Kuster, Catherine Stocker und Bettina Wolfgramm das Netzwerk Dietikerin.net. Sie begannen ihr Engagement 2019, einige Monate nachdem die Frauen mit dem Austritt von Esther Tonini (SP) ihre einzige Vertreterin im Dietiker Stadtrat verloren. «Es dürfte gerne mehr politisch aktive Frauen in Dietikon geben», sagt Stocker. Deshalb will die Gruppe Frauen ermutigen, sich zu vernetzen und sich aktiv in der Politik zu engagieren.

Zu diesem Zweck veröffentlicht sie regelmässig Texte auf ihrer Website und veranstaltet Anlässe, um die Dietiker Frauen zu vernetzen und mit der Politik vertraut zu machen. Mit ihrem Angebot stiessen die vier Frauen auf offene Ohren: Mittlerweile sind auf ihrem Newsletter-Verteiler bereits 120 Frauen registriert und die Veranstaltungen werden gut besucht. «Wir merkten, dass Frauen besonders an Sachpolitik interessiert sind. Diese Anlässe waren gut besucht. Als wir eine Wahlveranstaltung durchführten, gab es hingegen kaum Gäste», sagt Stocker.

Mit Frauen auf der Liste haben Parteien höhere Wahlchancen

Das Anliegen des überparteilichen Netzwerks ist es, dass bei den Wahlen 2022 die Wahllisten so gestaltet sind, dass Frauen reelle Chancen auf Erfolg haben. Ihr Ziel sei aber erst dann ganz erreicht, wenn Frauen und Männer zu ungefähr gleichen Teilen im Gemeinde- und Stadtrat vertreten sind. Um dieses Vorhaben umzusetzen, schrieb die Gruppe alle lokalen Parteien an. «Wir erhielten von allen ein positives Feedback. Die Parteien von rechts bis links wissen, dass sie ihre Wahlchancen erhöhen, wenn sie Frauen auf die Liste setzen», sagt Pestalozzi. Nun sei es an den Frauen, Ja zu sagen.

Der Weg zu einem ausgeglichenen Wahlresultat sei aber noch lange. Das liege auch daran, dass viele Frauen davor zurückschreckten, sich auf der Politbühne zu exponieren. Auch der Zeitaufwand, der ein politisches Amt mit sich bringe, lasse viele zögern. «Wenn sich Frauen zusätzlich zur Familie für Beruf oder Politik entscheiden müssen, wählen viele den Beruf», so Pestalozzi. Stocker kennt die Herausforderung einer Politikerin aus eigener Erfahrung: Sie politisierte vor 16 Jahren für die CVP im Dietiker Gemeinderat. Für künftige Lokalpolitikerinnen wünscht sie sich, dass die Frauen nicht in einem puren Männergremium politisieren müssen. Pestalozzi sagt:

«Das kann sehr herausfordernd und abschreckend sein. Das sagte bereits Elisabeth Kopp.»

Die beiden Frauen sind aber zuversichtlich, dass es für ihre Töchter dereinst selbstverständlich sein wird, dass Frauen und Männer gleich stark in politischen Ämtern vertreten sind. «Man wird hoffentlich nicht einmal mehr davon reden», sagt Stocker. Pestalozzi ist anderer Meinung. Es sei wichtig, dass die Jugendlichen wissen, wofür die Frauen vor ihnen kämpften. «Auch wenn wir zukunftsorientiert sind, so ist es gesellschaftspolitisch gesehen doch unerlässlich zu wissen, wie die aktuelle Situation zustande kam.»

Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligten sich Hunderttausende von Frauen landesweit an Streik- und Protestaktionen wie hier eine Gruppe von Frauen auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Die Frauen forderten die Umsetzung des vor zehn Jahren in Kraft getretenen Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau».


Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligten sich Hunderttausende von Frauen landesweit an Streik- und Protestaktionen wie hier eine Gruppe von Frauen auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Die Frauen forderten die Umsetzung des vor zehn Jahren in Kraft getretenen Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau».

Walter Bieri / KEYSTONE

Im Limmattal gab es nach dem Frauenstreik eine Frauenlobby

Der Frauenstreik 1991 war, nach der Einführung des Stimm- und Wahlrechts, ein weiteres Ereignis, das die Politikgeschichte der Schweizer Frauen prägte. Auch im Limmattal protestierten die Frauen: Helen Busslinger organisierte mit Jeanne Pestalozzi den Frauenstreik in Dietikon. Später entstand daraus die Frauenlobby Limmattal mit rund 100 Interessierten. Die Lobby organisierte politische Anlässe, Podien und Zusammenkünfte mit Vertreterinnen aus der Schweizer Politik. Nach einigen Jahren nahmen die Aktivitäten ab, bis die Frauenlobby mit der Zeit inaktiv wurde.

Eine weitere Limmattaler Gruppe, die sich die Vernetzung von Frauen auf die Fahne geschrieben hat, kommt aus bürgerlichen Kreisen. Der Verein «Bürgerlich Liberaler Frauentreff» besteht seit 39 Jahren. «Der Verein sollte nicht nur ein Kaffeetreff sein, sondern den Horizont der Frauen erweitern», sagt Susi Molteni, Präsidentin des Vereins. Zu diesem Zweck besuchten die Mitglieder gemeinsam regionale Firmen, organisierten Vorträge und machten gemeinsame Ausflüge. Auch wenn der Verein von SVP- und FDP-Sympathisantinnen geprägt sei, so sei das Ziel der Treffen nicht die Politik, sondern die Freundschaft zwischen den Frauen voranzutreiben. Dies sei in den letzten Jahren immer wieder gut gelungen. «Leider hatten wir aber in den vergangenen Jahren kaum Zuwachs, sondern viele alters- und krankheitsbedingte Abmeldungen», sagt Molteni.

Da sich keine Nachfolgerinnen für den Vorstand und auch keine jüngeren Frauen für den Verein finden liessen, liegt das Durchschnittsalter nun bei 80 Jahren. Deshalb beschloss der Vorstand, den Verein dieses Jahr aufzulösen. Das sei ein wehmütiger, aber auch vernünftiger Entscheid. Schaut Molteni auf die letzten Jahrzehnte zurück, freut sie sich über vieles, was sich in der Gesellschaft veränderte. «Die Frauen wurden selbstbestimmter und fanden ihren Weg ins öffentliche Leben. Das ist gut und muss auch in diese Richtung weitergehen», sagt die Oetwilerin. Doch nun sei es Sache der jüngeren Frauen, sich für ihre Ziele einzusetzen. Diese Herausforderung haben die Frauen von «Dietikerin.net» bereits in Angriff genommen.