Seine Arbeitskleidung hat Walter Wimmersberger eigentlich schon am 31. Dezember abgelegt. Um 14 Uhr, nachdem er noch einige Patienten betreut hatte, zog er an diesem Tag seinen Arztkittel aus und ging in Pension.

Für das Gespräch mit der Limmattaler Zeitung einige Tage danach schlüpft er aber noch einmal in den schneeweissen Kittel. Und damit in seine Rolle als langjähriger Dietiker Hausarzt: Wie bei einer Konsultation sitzt er hinter dem Bürotisch mit der Marmorplatte in seiner ehemaligen Praxis.

Die Unterarme auf die Steinplatte gestützt, den Oberköper nach vorne gebeugt, die Augen auf den Gesprächspartner gerichtet – ungeteilte Aufmerksamkeit für das Gegenüber. Nur ist es diesmal nicht ein Patient, sondern er selber, der erzählt.

«Es gab Tränen», erinnert sich Wimmersberger an seinen letzten Arbeitstag. «Und ich wurde verküsst.» Für ihn als eher distanzierte Person sei das etwas ungewöhnlich gewesen. «Aber auch bewegend.»

35 Jahre lang hat Wimmersberger als Hausarzt in Dietikon gearbeitet, immer in derselben Praxis in einem Wohnblock an der Steinmürlistrasse. Und der Abschied von seinen zum Teil langjährigen Patienten hat ihn wohl in der Überzeugung bestätigt, dass er damals den richtigen Beruf gewählt hat.

«Ich habe als Hausarzt eine sehr schöne Zeit erlebt», blickt der 68-Jährige zurück. Er habe sehr viel von seinen Patienten zurückerhalten, «Lebenserfahrung und Weisheit» aus ihren Schicksalen und Krankheiten mitgenommen.

Der Erste mit Ultraschallgerät

Der gebürtige Zürcher ist in Visp aufgewachsen, hat in der Westschweiz erst Medizin, dann innere Medizin studiert und wollte sich danach eigentlich auch dort niederlassen. «Als Deutschweizer, der eine Praxis eröffnen wollte, war ich aber nicht willkommen», erinnert sich Wimmersberger. Das Wallis wiederum kam als Arbeitsort nicht infrage, wegen seiner schwedischen Frau, wie er sagt.

«Ich wollte ihr nicht zumuten, im einengenden Wallis zu leben.» Deshalb kehrte Wimmersberger in seinen Heimatkanton zurück. In Dietikon habe es damals, anfangs der 1980er-Jahre, zu wenig Internisten gegeben, erinnert er sich. «Ich habe in meiner Quartierpraxis den Schwerpunkt deshalb auf Gastroenterologie gelegt.»

Neben dem Magen-Darm-Trakt beschäftigten Wimmersberger zu Beginn auch regelmässig Schwangerschaften; als einer der ersten Ärzte in der Region hatte er damals ein Ultraschallgerät, auf das auch das Spital Limmattal zurückgreifen musste. «Die hatten damals kein eigenes Gerät.»

Aufgrund des damaligen Mangels an Kinderärzten war Wimmersberger in seinen Anfangsjahren zudem verstärkt im pädiatrischen Bereich tätig. Ausserdem behandelte er öfters Drogenabhängige. «Diese werden heute in psychiatrischen Ambulatorien betreut», so Wimmersberger.

Anspruchshaltung bei Patienten

Auch sonst hat sich einiges gewandelt in den Jahrzehnten seines Berufslebens. Der rasante technische Fortschritt in der Medizin erlaube es den Hausärzten heutzutage, eine Vielzahl von Diagnosen durchzuführen. Was aus Wimmersbergers Sicht nicht immer sinnvoll ist.

«Wenn ein Arzt wegen eines Rückenleidens ein MRI durchführen lässt und dabei auf der Niere des Patienten einen dunklen Fleck entdeckt, kann er diesen nicht einfach ignorieren.» Auch wenn der Fleck völlig ungefährlich sei, habe seine Entdeckung weitere Untersuchungen zur Folge. «Das bringt dem Patienten wenig und führt zu höheren Kosten.»

Höhere Kosten verursacht aus Sicht des pensionierten Arztes auch das veränderte Verhalten der Patienten. «Wegen der steigenden Krankenkassenprämien ist eine Art Anspruchshaltung entstanden.» Die Leute gingen bei höheren Prämien häufiger zum Arzt, was wiederum die Kosten und damit die Prämien nach oben treibe. «Ein Teufelskreis», sagt Wimmersberger.

Ebenfalls zugenommen hat aus seiner Sicht in den vergangenen Jahrzehnten die administrative Belastung der Ärzte aufgrund neuer Vorschriften und Kontrollen. Eine Entwicklung, die ihn bei seiner Arbeit geärgert hat. «Diese Bürokratisierung füttert nur die Beamten und bringt der Medizin nichts», sagt er und verweist auf die Situation in den Spitälern, in denen Assistenzärzte heute die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit administrativen Aufgaben beschäftigt seien.

Einzelpraxis birgt kleines Risiko

In seiner eigenen Praxis hat Wimmersberger versucht, den administrativen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Etwa, indem er die Krankenakten sehr bald digitalisierte. Das kommt nun auch seinem Nachfolger Murat Alan zugute. «Meine Handschrift hätte er wohl nicht entziffern können. Doch mit den elektronischen Akten hat er sich sofort zurechtgefunden.»

Wimmersberger ist froh, dass mit Murat Alan ein jüngerer Arzt seine Praxis und seinen Patientenstamm übernommen hat. Selbstverständlich ist das heute nicht mehr. «Einige meiner Kollegen haben keinen Nachfolger gefunden.» Laut Wimmersberger scheuen viele junge Ärzte heute das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis. «Obwohl dieses Risiko eigentlich niedrig ist, wenn man sich nicht sehr dumm anstellt», sagt er.

Dem Trend zu Gruppenpraxen (siehe rechts) steht er eher skeptisch gegenüber – zumindest, wenn er sie aus Sicht der Patienten beurteilt. «In einer Gruppenpraxis besteht selten ein so enges Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten wie in einer Einzelpraxis.»

In der heutigen Zeit, in der laut Wimmersberger über 60 Prozent der Krankheiten einen psychischen Hintergrund haben, ist für ihn die langjährige und kontinuierliche Behandlung durch denselben Arzt zentral. «Denn die Hauptaufgabe eines Hausarztes ist es, seine Patienten durch eine Krankheit zu führen.»