Pilze
300 einheimische Pilzarten sind essbar, 200 sind giftig

Pilzkontrolleur Norbert Walker hat viel zu tun: Pilze locken zurzeit die Sammler in die Wälder. Nebst der Arbeit als Kontrolleur ist der Urdorfer auch selber in der Natur anzutreffen. Ein volles «Körbli» ist für ihn aber weniger wichtig.

Carla Stampfli
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Ein luftdurchlässiger Korb ist für das «Pilzlen» am besten geeignet. Landolt

Ein luftdurchlässiger Korb ist für das «Pilzlen» am besten geeignet. Landolt

Limmattaler Zeitung
Dank feucht-warmem Wetter schiessen die Pilze aus dem Boden

Dank feucht-warmem Wetter schiessen die Pilze aus dem Boden

Limmattaler Zeitung

In diesen Tagen streifen sie vermehrt durch die Wälder: die Pilzsammler. Ausgerüstet mit einem Korb, geeignetem Schuhwerk und einer guten Spürnase sind die fleissigen Sammler auf der Suche nach essbaren Pilzen. Ob in einem Risotto, mit Hackfleisch gefüllt oder auf einem Salat garniert, die Aussicht auf eine leckere Mahlzeit lockt derzeit viele Menschen in die Natur.

«Bis jetzt ist die Saison gut angelaufen», sagt Hans-Peter Neukom, Sekretär der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (VAPKO). Die starken Niederschläge im Juli hätten dazu geführt, dass die Pilze sprichwörtlich aus dem Boden geschossen seien. «Die Pilzkontrolleure hatten bereits vor den offiziellen Öffnungszeiten viel zu tun», sagt Neukom. In grösserer Anzahl seien vor allem die allseits beliebten Steinpilze und Eierschwämme gewachsen. Dem stimmt auch Norbert Walker, Pilzkontrolleur für die Gemeinden Urdorf, Uitikon, Birmensdorf und Aesch, zu. Seit dieser Woche hat er in der Pilzkontrollstelle in Urdorf seine Arbeit aufgenommen. Viele, so Walker, seien mit Steinpilzen und Eierschwämmen von den Ferien aus dem Bündnerland, dem Schwarzwald oder dem Tessin zurückgekehrt. «In unserer Region sind Steinpilze aber zurzeit sehr schwach vertreten», sagt er. Je nach Wetter könne sich die Situation in 14 Tagen bereits ändern.

Pilze sammeln

Wer sich auf die Suche nach Pilzen macht, muss die kantonale Pilzschutzverordnung beachten: Sie schreibt vor, dass in der Zeit vom ersten bis zum zehnten Tag des Monats keine Pilze gesammelt werden dürfen. Zudem darf eine Person pro Tag nicht mehr als ein Kilo Pilze sammeln. Die Schweizerische Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (VAPKO) empfiehlt, das ganze Sammelgut nach Arten getrennt zur Kontrolle vorzulegen. Die Pilzkontrollstellen im Kanton Zürich prüfen im Durchschnitt rund sechs Tonnen Wildpilze pro Jahr. (ces)

Im Limmattal würden Pilzsammler vor allem auf Täubling, Reizker, Lärchen-Röhrling, Semmel-Stoppelpilz und Bovist stossen. «Die Artenvielfalt ist im Moment gross», sagt der Pilzkontrolleur. Denn die Feuchtigkeit und die Wärme haben das Wachstum begünstigt. Der feuchte Boden, so VAPKO-Sekretär Hans-Peter Neukom, habe bewirkt, dass essbare Herbst-Pilze wie die Herbst-Trompete und der Durchbohrte Leistling früher als erwartet in den Wäldern wachsen. Ob diese Pilze im Herbst einen zweiten Wachstumsschub erfahren, sei schwierig vorauszusehen. «Der weitere Saisonverlauf ist abhängig von der Trockenheit und der Bise, die beiden grössten Feinden des Fruchtkörpers», führt Neukom weiter aus.

In der Schweiz sind rund 5500 Grosspilzarten – Pilze, die mit blossem Auge sichtbare Fruchtkörper bilden – dokumentiert (siehe Infobox «das Reich der Pilze»). Pilze gehören zu den ältesten bekannten Lebewesen der Welt und erscheinen in allen möglichen Formen und Farben. Fasziniert von dieser Vielfalt ist Pilzkontrolleur Norbert Walker. Ein bis zwei Mal pro Woche streift er durch die Wälder auf der Suche nach Pilzen. «Für mich ist es mehr ein Genuss für das Auge. Ein volles Körbli interessiert mich weniger», sagt der Urdorfer.

Reich der Pilze: 300 einheimische Pilzarten sind essbar, 200 sind giftig

Über 7000 Pilzarten sind in der Schweiz bekannt – Jahr für Jahr werden weitere Arten neu dokumentiert. Weil viele kleinere Pilzarten noch nicht ausreichend untersucht worden sind, vermuten Experten, dass hierzulande rund 15 000 Pilzarten existieren. Für den Menschen sind zirka 300 einheimische Arten essbar, rund 200 gelten als giftig. In der Pilzkunde, die Mykologie, wird zwischen Gross- und Kleinpilzen unterschieden. Grosspilze bilden einen mit blossem Auge sichtbaren Fruchtkörper, der grösser als zwei Millimeter ist. Die Mehrheit der Fruchtkörper der Grosspilze sind kurzlebig: Sie sind von wenigen Tagen bis hin zu vier Wochen an der Oberfläche sichtbar. Unter Grosspilze fallen unter anderem die bekannten Speisepilze wie Steinpilze, Eierschwämme und Morcheln. In der Schweiz sind rund 5500 Grosspilzarten nachgewiesen – fast drei Viertel davon leben im Wald.
Doch was versteht man genau unter Pilze? Pilze gehören, genauso wie Algen, Farne und Moose, zu den Sporengewächsen. Pilze zählen zu den ältesten bekannten Lebewesen der Welt und bilden – nebst den Pflanzen und Tieren – ein eigenes Reich. Im biologischen Kreislauf der Natur spielen Pilze eine wichtige Rolle: Unter anderem bauen sie pflanzliches und tierisches Material ab und wandeln es in Humus um. Pilze können sich auch mit Bäumen und anderen Pflanzenarten zu Lebensgemeinschaften zusammenschliessen. Zudem ernähren sich viele Insekten und Tiere wie Eichhörnchen und Mäuse von Pilzen. Pilze sind aber auch aus dem täglichen Leben des Menschen nicht mehr wegzudenken. Bei der Herstellung von Brot, Bier und Wein kommen Hefepilze zum Einsatz; auch bei der Käsereifung sind Pilze am Werk. Seit der Entdeckung des Antibiotikums Penicillin durch den schottischen Bakteriologen Alexander Fleming, sind die Pilze aus den Chemie-Laboratorien nicht mehr wegzudenken. (ces)

Wer in die Natur «pilzlen» geht, der muss die Pilzschutzverordnung des Kantons Zürich beachten (siehe Infobox «Pilze sammeln»). Walker empfiehlt Anfängern, sich dem Pilzreich Schritt für Schritt zu nähern: «Unkundige Sammler sollten sich zu Beginn auf wenige Pilzarten beschränken.» Auch rät er, unbekannte Pilze separat vom Sammelgut zu halten. «Plastiksäcke sind aber ungeeignet», sagt der Pilzkontrolleur. Benutzt werden sollten Körbe, die eine gute Durchlüftung gewährleisten. Sekretär Hans-Peter Neukom weist zudem darauf hin, auf giftige Doppelgänger zu achten. So sei die Verwechslungsgefahr von essbaren grünen Täublingen mit dem hochgiftigen Grünen Knollenblätterpilz gross. Auch der zurzeit gehäuft vorkommende giftige Pantherpilz könne gerne mit dem essbaren Perlpilz verwechselt werden. «Anfänger, aber auch gestandene Pilzsammler, sollten daher immer ihr ganzes Sammelgut einem ausgewiesenen Pilzkontrolleur vorlegen», sagt er.

Wer sich vom Sammelfieber anstecken lassen oder mehr über Pilze erfahren möchte, der kann sich in der Region beispielsweise dem Pilzverein Dietikon oder dem Verein für Pilzkunde Schlieren anschliessen. Seit Anfang August treffen sich die Mitglieder von Letzterem zum Bestimmungsabend. Einmal pro Woche werden die gesammelten Pilze anhand der Anweisungen der technischen Kommission studiert und bestimmt. Die Abende und die Ausflüge, die der Schlieremer Verein periodisch organisiert, sind nicht ausschliesslich für Mitglieder bestimmt: «Gerne dürfen auch Interessierte vorbeischauen», sagt Vizepräsidentin Adeline Tomaschett.