Es ist der 29. Februar im Jahr 1936. Im Kantonsspital Winterthur liegt Maria Waibel in den Wehen. Nach einem Sturz kündigt sich die Geburt ihres Kindes früher an als geplant. Aber dann dauert und dauert es. Das Kind will und will nicht zur Welt kommen.

Unaufhaltsam bewegt sich der grosse Zeiger der Wanduhr auf Mitternacht zu. Plötzlich geht alles ganz schnell: Um 23.55 Uhr erblickte Vreny das Licht der Welt. Der Blick der Hebamme geht zur Wanduhr.

Resolut steigt sie auf einen Stuhl und schiebt mithilfe eines Lineals den grossen Zeiger nach vorne.

In die Geburtsurkunde notiert sie: geboren am 1. März um 0.05 Uhr. Zur glücklichen Mutter sagt sie: «Nach all dem Theater wollen wir jetzt nicht auch noch ein Schaltjahrkind. Das ist keine gäbige Sache. Und die Uhr, die geht sowieso immer etwas nach.»

Vreny Achermann war schon längst erwachsen, als ihre Mutter ihr gestand, dass sie eigentlich einen Tag früher Geburtstag hat.

«Es war eine Zeit lang Mode, sich ein Horoskop erstellen zu lassen», erzählt sie. «Als meine Mutter hörte, dass ich mir ein solches hatte berechnen lassen, musste sie Farbe bekennen.»

Vreny Achermann liess sich postwendend ein zweites Mal aus den Sternen lesen. Die zehn Minuten Differenz machten aber offenbar nur auf dem Papier einen Unterschied. Das neue Horoskop war fast identisch und der Aszendent blieb auch der gleiche. «Ich bin und bleibe Fisch und Skorpion», lacht sie.

Das Schaltjahrkind wuchs mit vier jüngeren Brüdern auf.

Das Schaltjahrkind wuchs mit vier jüngeren Brüdern auf.

Die Sterne meinten es nicht immer gut mit dem Schaltjahrkind. 1976 kam ihr Mann bei einem tragischen Flugunfall ums Leben.

Vreny Achermann stand plötzlich mit ihren beiden kleinen Töchtern allein im Leben. Aber sie hat das Schicksal stets bei den Hörnern gepackt.

Nach Abschluss der Handelsschule arbeitete sie in Luzern, Davos und England als Hotelsekretärin.

Vor der Hochzeit verbrachte die unternehmungslustige junge Frau ein Jahr in Amerika – mit Billigung ihres Mannes. Er wollte nicht riskieren, dass sie ihm einmal vorhalten würde, er habe sie an der Verwirklichung eines Traumes gehindert, erinnert sich Achermann.

1962 zog das Ehepaar nach Dietikon. «Das war keine Liebe auf den ersten Blick», gesteht sie. Mit dem zweiten und dritten Blick entwickelte sie über die Jahre dann doch eine gute Beziehung zur Stadt.

Vreny Achermann brachte sich aktiv im Gemeindeleben ein, organisierte Kurse in der Freizeitanlage und übernahm die Leitung der Elternschule Dietikon.

«Mein Mann stand voll hinter mir, auch wenn es damals noch nicht üblich war, dass sich Frauen mit jungen Kindern auch ausser Haus engagierten», erinnert sie sich. Gerade diese Arbeit half ihr auch, über den plötzlichen Unfalltod ihres Mannes hinwegzukommen.

Ihre Frau gestanden hat Vreny Achermann immer wieder. Persönlich, als sie sich zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes an eine zweite Ausbildung an der Schule für soziale Arbeit wagte; politisch, während ihrer vierjährigen Tätigkeit im Dietiker Gemeinderat als Mitglied der Vormundschaftsbehörde und der Geschäftsprüfungskommission für ihre Partei, die CVP.

Dazu kamen jahrelange Einsätze für Tagesschulen, für eine zweite Kinderkrippe, für Mittagstische und Schülerklubs.

«Einfach für alles, was Kinder von der Strasse wegbringt und hilft, spätere Sozialfälle zu verhindern», sagt Vreny Achermann.

Bis zu ihrer Pensionierung lenkte sie als Abteilungsleiterin viele Jahre die Geschicke der Jugend- und Familienberatung im Bezirk Dietikon.

Heute lebt Vreny Achermann in Birmensdorf. «Für andere eingesetzt habe ich mich oft und lang genug in meinem Leben», sagt die 80-Jährige.

Seit sie pensioniert ist, bereist sie die Welt, besucht Ausstellungen und ist eine engagierte Grossmutter.

Über ihre gesundheitlichen Beeinträchtigungen mag sie nicht sprechen: «Es ist, wie es ist.»

Am Montag und Dienstag wird sie ihren 80. Geburtstag feiern. Hätte die Hebamme damals nicht die Zeiger der Wanduhr manipuliert, wäre es eigentlich erst ihr 20. Geburtstag.

«Ich weiss nicht, ob ich nochmals so jung sein möchte!», sagt Vreny Achermann mit einem herzhaften Lachen. Wie auch immer: Sie wird ihren Geburtstag dieses Jahr an beiden Tagen mit Familie und Freunden geniessen. Verschmitzt fügt sie an: «Das können nur Schaltjahrkinder.»