Schlieren

25 Jahre Kletterzentrum Schlieren: «Alle unsere 100 Angestellten sind Kletterer»

Patrick und Patricia Hilbers Kletterzentrum auf dem Schlieremer Gaswerk-Areal feiert Geburtstag. Vor einem Vierteljahrhundert wurde es eröffnet. Wer auch sein Hobby zum Beruf machen will, dem rät das Ehepaar zu einem Businessplan.

An betriebsamen Tagen pilgern bis zu 400 Kletterer und Kletterinnen ins ehemalige Gaswerk nach Schlieren. Über die letzten 25 Jahre entstand hier eine wahre Spielwiese für die Fans dieser Sportart. Wo bis 1974 Kohle verarbeitet wurde, ragen heute Kletterwände bis zu 17 Meter unter die Decke der denkmalgeschützten Halle. Das Ehepaar Patricia und Patrick Hilber gründeten und betreiben die Anlage, verfügen über eine zweite in Greifensee und eröffnen übernächstes Jahr die dritte in Wädenswil. Das Paar erlebte den Wandel des Klettersports von der absoluten Nischenbeschäftigung für Adrenalinjunkies über den Boom mit explodierender Nachfrage bis hin zur Etablierung als Breitensport. An den kommenden Olympischen Spielen in Tokio wird erstmals um Medaillen geklettert.

Dieser Tage jährt sich die Eröffnung Ihres Kletterzentrums auf dem Gaswerk-Areal zum 25. Mal. Gratulation. Sahen Sie voraus, dass das Klettern so zum Volkssport werden würde?

Patrick Hilber: Diesen Erfolg konnte man nicht erahnen. Aber es gab Anzeichen dafür, dass Klettern massentauglich werden würde. Die Ausrüstung wurde besser und somit sicherer, sodass beinahe keine Gefahr mehr bestand. Es ging nicht mehr um das Bezwingen eines Bergs, sondern eher um den Weg, den man zurücklegt und das damit verbundene Training.

Patricia Hilber: Als wir den Standort eröffneten, waren der akademische Sportverband Zürich (ASVZ) und der Schweizer Alpenclub (SAC) an Trainings für seine Mitglieder in Kletterhallen interessiert, da man so in nächster Umgebung üben konnte. Doch das Klettern in der Halle hat sich inzwischen vom Klettern in der Natur emanzipiert.

Dass man wie Sie sein Hobby zum Beruf macht, braucht viel Mut.

Patrick Hilber: Definitiv. Man weiss nicht, ob die Idee funktioniert.

Was würden Sie jemandem raten, der ebenfalls sein Geld mit einer Passion verdienen will?

Patrick Hilber: Neben Startkapital und einem Businessplan braucht es auch Durchhaltewillen, weil einem anfänglich viele Steine in den Weg gelegt werden. Zudem sollte man sich für nichts zu schade sein.

Patricia Hilber: Unsere erste Kletterwand erstellte mein Mann selber. Er fräste, sägte und beschichtete jede Holzplatte eigenhändig.

Patrick Hilber: Es braucht wohl auch ein wenig Glück. Etwa dass wir uns hier im ehemaligen Gaswerk einmieten konnten, war ein Glücksfall. Hier wuchsen wir organisch, indem wir Jahr für Jahr Räume dazu mieteten. So entstand eine Kletter-Kathedrale. Über mehrere Jahre hinweg hatten wir hier in Schlieren die grösste Anlage der Welt.

Patricia Hilber: Ebenso wichtig ist die Unternehmenskultur. Nebst dem, dass wir grossen Wert auf gegenseitigen Respekt, flache Hierarchien und Mitarbeiterzufriedenheit legen, ist uns auch wichtig, dass unsere Mitarbeiter hinter unserer Dienstleistung stehen.

Gibt es solche, die nicht klettern?

Patricia Hilber: Nein. Alle unsere rund 100 Angestellten sind Kletterer. Erst kürzlich war ich in einem Trainingskurs des ASVZ, wo ich zufälligerweise auf eine unserer Mitarbeiterinnen traf. Sie trug ein Shirt mit dem Logo des Kletterzentrums Gaswerk. Es bereitet mir Freude, zu sehen, dass sie sich auch ausserhalb der Arbeitszeiten mit unserem Unternehmen identifiziert.

Patrick Hilber: Es ist uns wichtig, dass die Mitarbeitenden unsere Vision teilen.

«Uns ist die Unternehmenskultur sehr wichtig – wir legen grossen Wert auf flache Hierarchien.» Patricia Hilber Inhaberin Kletterzentrum Gaswerk.

«Uns ist die Unternehmenskultur sehr wichtig – wir legen grossen Wert auf flache Hierarchien.» Patricia Hilber Inhaberin Kletterzentrum Gaswerk.

Wie lautet diese Vision?

Patrick Hilber: Künftig soll man in der Schweiz mit nur einem Abonnement in allen Zentren klettern gehen können. Dies mag utopisch anmuten, was eine Vision unserer Meinung nach auch sein darf. Zudem ist es nicht das Ziel, dass wir irgendwann jede Kletterhalle der Schweiz besitzen. Wir möchten die Vision irgendwann Wirklichkeit werden lassen, indem wir mit den anderen Zentren zusammenarbeiten.

An den Olympischen Sommer­spielen, die nächsten Juli in Tokio ausgetragen werden, ist Sportklettern erstmals eine Disziplin. Endgültig scheint der Sport im Mainstream angekommen zu sein.

Patrick Hilber: Wir freuen uns sehr darauf. Ich muss aber auch sagen, dass internationale Wettkämpfe nichts Neues sind für uns. Von Beginn an führten wir hier in Schlieren solche durch. Drei davon waren sogar Weltcups. Wir wollen unseren Athletinnen und Athleten, die nach Tokio reisen, bestmögliche Trainingsbedingungen bieten. Grosse Hoffnungen auf Edelmetall setzen wir auf die Boulder-Weltmeisterin Petra Klingler, deren Stamm-Trainingslokal das Gaswerk ist.

Neben Bouldern – Klettern ohne Seil in geringer Höhe – messen sich die Athleten auch in Speedklettern und Schwierigkeitsklettern. Bereiten Sie Ihre Infrastruktur auf diese Disziplinen vor?

Patricia Hilber: Auf Wunsch von Petra Klingler, die übrigens in allen drei Disziplinen gute Chancen auf eine Medaille hat, erstellten wir in unserer Anlage in Greifensee eigens eine Speed-Kletterwand. So kann sie sich optimal vorbereiten.

Patrick Hilber: In unserer neuen Halle in Wädenswil bieten wir ab 2021 zudem die Möglichkeit, alle drei Disziplinen auf Wettbewerbsniveau zu trainieren.

Gibt es noch einen weitverbreiteten Irrglauben über das Klettern, den Sie gerne aus der Welt schaffen würden?

Patrick Hilber: Es ist zwar noch immer kein ganz ungefährlicher Sport, aber wenn man sich seriös vorbereitet, passieren kaum Unfälle. Im Vergleich zum Klettern birgt jedes Fussball-Grümpelturnier ein grösseres Verletzungsrisiko.

Patricia Hilber: Weil man dabei den ganzen Körper stärkt, ist Klettern eine gute Physiotherapie.

Patrick Hilber: Beim Klettern fühlt man sich zudem nicht so alt, wie man eigentlich ist. In meiner Jugend war ich Kunstturner. Da die Belastung für meine Gelenke zu gross war, musste ich mit Mitte 20 damit aufhören. Heute mit 58 kann ich jedoch noch immer schön und gut klettern. Es ist keine dieser Sportarten, die Raubbau am Körper ausüben.

Wöchentlich wechseln Ihre Routenbauer – Sie bezeichnen diese als Künstler – die Anordnung der Griffe auf den Kletterwänden, um den Kunden Abwechslung zu bieten. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Was macht eine richtig gute Kletterroute aus?

Patrick Hilber: Für mich geht es darum, den Kletterer dazu zu bringen, möglichst viele unterschiedliche Bewegungen auszuüben. Zwar lassen sich die Routen auf viele unterschiedliche Arten lösen, das Ziel sollte aber sein, für einen selbst die einfachste Lösung zu finden.

Patricia Hilber: Man sollte in einen sogenannten Flow kommen. Diesen spürt man, wenn man weder über- noch unterfordert ist. Für mich ist es ein grosses Glücksgefühl.

Im Sportunterricht in der Schule war ich einmal klettern, habe also quasi keine Erfahrung. Wie lange brauche ich, um eine Route des höchsten Schwierigkeitsgrads bewältigen zu können?

Patrick Hilber: Nicht nur ist es eine Frage des Talents, des Fokus’ und des Alters, sondern auch Ihres Ehrgeizes. Unsere schwarzen Routen bewältigen nur die wenigsten. Offen gesagt: Von 1000 Kletterern schafft dies ein halber. Dennoch: Beim Klettern erreicht man relativ schnell ein anständiges Niveau, ist aber noch immer meilenweit von der Weltspitze entfernt.

Sie bieten Ihren Besuchern rund 4500 Quadratmeter Kletterfläche – es ist eines der grössten Kletterzentren der Schweiz. Haben Sie im denkmalgeschützten Gebäude des ehemaligen Gaswerks noch Raum für Wachstum?

Patrick Hilber: Ja, erst kürzlich unterzeichneten wir eine Verlängerung des Mietvertrags bis ins Jahr 2043. Gerne würden wir in zwei bis drei Jahren, wenn unsere Anlage in Wädenswil fertiggestellt ist, den Standort Schlieren um zwei bis drei Räume erweitern.

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